Zum Inhalt springen

Philosophieren in der Stadt

Raus aus den Hörsälen, rein in die Stadt: Ein Team von Nachwuchsforschenden will im Kant-Jubiläumsjahr mit der Stadtgesellschaft und Jugendlichen das Freiheitsverständnis des Philosophen diskutieren. 

Bild von links: Paulina Dannhäuser, Johanna Sinn, Marie Hirsch und Fabian Willemsen an der Cagnes-sur-Mer-Promenade, an deren Lichtsäulen sich Spuren eines vergangenen Philosophie-Projekts finden.

Als Studentin Marie Hirsch in einem Passauer Café mit Blick auf die Cagnes-sur-Mer-Promade saß, dachte sie kurz, sie traue ihren Augen nicht. Auf einer der Lichtsäulen entlang der Promenade entdeckte sie eine vertikale Aufschrift: „Was soll ich tun?“ Hirsch, die ihre Masterarbeit über Immanuel Kant schreibt, erkannte, dass es eine der Fragen ist, aus denen er seine Philosophie der Aufklärung entwickelte. „Ich dachte, ich halluniziere und sehe schon überall Kant“, erzählt sie und lacht.

Bei den Fragen auf den Lichtsäulen im Zentrum Passaus handelt es sich um Spuren, die ein vergangenes öffentlichkeitswirksames Philosophie-Projekt aus den Jahren 2007 und 2008 hinterlassen hat. Ein Team aus Nachwuchsforschenden und Studierenden um Prof. Dr. Thomas Mohrs, der inzwischen Professor an der Pädagogischen Hochschule in Oberösterreich ist, trug die Philosophie Immanuel Kants in die Passauer Stadtgesellschaft – unter anderem mit Stellwänden, auf denen Bürgerinnen und Bürger ihre Gedanken zu Kants Werk und anderen Themen aufschrieben. Die Forschenden, die die damalige Aktion durchgeführt haben, sind inzwischen nicht mehr an der Universität. Geblieben sind die Banner mit den Kant-Fragen, die scharfe Beobachterinnen, wie eben Marie Hirsch, auch heute noch im Zentrum Passaus entdecken können.

In der Tradition dieses Projekts steht das neue BMBF-Projekt PASSAUtonomy, in dem ein studentisches Team um Doktorandin Johanna Sinn und Marie Hirsch von der Professur für Angewandte Ethik sich zum Ziel gesetzt hat, im Kant-Jubiläumsjahr zu dessen Philosophie mit verschiedenen Zielgruppen auch außerhalb der universitären Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen:

Beim Anzeigen des Videos wird Ihre IP-Adresse an einen externen Server (Vimeo.com) gesendet.

Video anzeigen
/uploads/tx_upatheme/vimeo-5a01c580b5247b50d3307d391e554b249ab80af0.jpg

Der Titel PASSAUtonomy spielt auf ein Zitat Immanuel Kants an: „(…) was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein als Autonomie, das heißt, die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein Gesetz zu sein?“ Denn bei den Gesprächen soll es vor allem um den Freiheitsbegriff des Königsberger Philosophen gehen, der am 22. April 2024 seinen 300. Geburtstag gefeiert hätte. Mit dem Projekt hat sich das Passauer Team erfolgreich am Hochschulwettbewerb im Rahmen des BMBF-Wissenschaftsjahres zum Thema Freiheit beteiligt.

„Ich finde an Kant faszinierend, dass seine Texte, auch wenn sie schon 300 Jahre alt sind, immer noch ganz grundsätzliche Fragen aufwerfen und damit auch einen guten Bezugspunkt für heutige philosophische Diskussionen darstellen.“

Johanna Sinn, Doktorandin, Uni Passau

"Ich finde an Kant faszinierend, dass seine Texte, auch wenn sie schon 300 Jahre alt sind, immer noch ganz grundsätzliche Fragen aufwerfen und damit auch einen guten Bezugspunkt für heutige philosophische Diskussionen darstellen", erklärt Johanna Sinn ihre Motivation im Video. "Wir sind der Überzeugung, dass sich Philosophie nicht nur in Hörsälen abspielen sollte, sondern in der gesamten Gesellschaft", sagt Marie Hirsch. Es gibt deswegen drei Teilprojekte, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten:

  • Teilprojekt Ausstellung: Für die Universitätsgemeinschaft planen die Studierenden Fabian Willemsen und Lena Scholz eine Ausstellung und eine Podiumsdiskussion. Sie wollen Kants Freiheitsbegriff auf seine Aktualität prüfen und schauen, was es bedeutet, wenn Kant von Freiheit, Selbstgesetzgebung und Autonomie spricht.
  • Teilprojekt Schule: Lehramtsstudent Marian Micke begeistert sich besonders für die Schulworkshops, die das Projekt in Zusammenarbeit mit der Hochschulgruppe GoverNET anbietet, um mit Schülerinnen und Schüler ins Philosophieren zu kommen. Er will wissen: Ist Kant heute noch zeitgemäß und was können wir heute noch von Kant lernen?
  • Teilprojekt Biergarten: Lehramtsstudentin Julia Berner freut sich auf interessante Diskussionen mit Bürgerinnen und Bürgern in Biergärten und Gaststätten. Ihre von Kant inspirierten Themen sind: Was ist Aufklärung? Wie kommt der Mensch aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit?

Das Team plant Aktionen im Laufe des gesamten Sommersemesters. Ein erster Termin des Biergarten-Projekts findet am 22. Mai in der Welcome Bar in der Passauer Altstadt statt. Für das Teilprojekt, das sich an die Universitätsgemeinschaft richtet, sucht das studentische Team Kommilitoninnen und Kommilitonen, die unterstützen möchten und Ideen einbringen wollen. Es bittet Interessierte, sich bei Lena Scholz per Mail zu melden.

Das Forschungsmagazin begleitet die Aktionen regelmäßig mit Berichten und Impressionen. Auch das verantworten Studierende – und zwar im Rahmen eines Praxisseminars zum Thema Wissenschaftskommunikation, das Daniela Polzer, Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Literatur und Mediensemiotik an der Universität Passau, in diesem Sommersemester anbietet. Sie kennt den BMBF-Hochschulwettbewerb vom Projekt Codeversum, das im vergangenen Jahr erfolgreich war und das sie medial für verschiedene Kanäle aufbereitet hat.

BMBF-Projekt PASSAUtonomy: Freiheit nach Immanuel Kant neu entdecken

BMBF-Projekt PASSAUtonomy: Freiheit nach Immanuel Kant neu entdecken

Das Passauer Projekt PASSAUtonomy ist einer der Gewinner des Hochschulwettbewerbs im Wissenschaftsjahr 2024, das diesmal dem Thema „Freiheit“ gewidmet ist. Das Projekt entdeckt die alte Idee des Philosophen Immanuel Kant – Frei sind wir, wenn wir uns selbst Gesetze geben können – neu.

Prof. Dr. Karoline Reinhardt

forscht zu Migrationsethik, Algorithmenethik und politischer Gerechtigkeit

Welche ethischen Fragen werden durch gesellschaftlichen und technologischen Wandel aufgeworfen?

Welche ethischen Fragen werden durch gesellschaftlichen und technologischen Wandel aufgeworfen?

Prof. Dr. Karoline Reinhardt ist seit dem Wintersemester 2022/23 Juniorprofessorin für Angewandte Ethik an der Universität Passau. Davor war sie unter anderem als PostDoctoral Fellow am Ethics & Philosophy Lab des DFG Exzellenzclusters „Machine Learning: New Perspectives for Science“ an der Universität Tübingen tätig und Visiting Scholar an der Tulane University in New Orleans. Sie ist Mitglied der Jungen Akademie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und war von 2020-2022 Sprecherin des Akademie-Kollegs.

Zehn Hochschulen aus neun Nationen verfolgen derzeit ein gemeinsames Ziel: Im Rahmen eines Europäischen Hochschulnetzwerks (EUN) mit dem Titel „REform: Responsible Innovation & Transformation for Europe – a new transformative European University Alliance“ soll ein Netzwerk zu Lehre, Forschung und Transfer unter Berücksichtigung von ethischen Aspekten geschaffen werden (Interview dazu). Aus Passau steuern Forschende disziplin- und fakultätsübergreifend Expertise zu Fragen der verantwortungsvollen Innovationen und Ethik bei. Zur Themenseite

Beim Anzeigen des Videos wird Ihre IP-Adresse an einen externen Server (Vimeo.com) gesendet.

Video anzeigen