Sind Plattform-Unternehmen ethisch verpflichtet, die Daten ihrer Kundschaft zu schützen? Auf den ersten Blick ist die Antwort ein klares Ja, sagt Donald Lange, der an der Arizona State University zu ethischen Fragen im Management arbeitet. Doch bei genauerer Betrachtung wird es komplizierter. Denn die gesellschaftlichen Erwartungen an diese Unternehmen wurzeln in Werten, die je nach Region unterschiedlich sein können. Diesen verschiedenen Werten gerecht zu werden, die sich manchmal auch widersprechen, wie etwa beim Thema Privatsphäre in den USA im Vergleich zu Europa, kann für diese Unternehmen eine echte Herausforderung darstellen.
Es sind diese und andere Fragen, die Professor Lange mit den Doktorandinnen und Doktoranden am DFG-Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems“ an der Universität Passau ergründet. Ein Jahr lang verbringt der US-Amerikaner als Mercator-Fellow in Passau. Es handelt sich dabei um ein Stipendium, das die DFG an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland vergibt, die intensiver als andere Gastforschende in ein Projekt eingebunden sind.
Das ist bei Professor Lange der Fall, wie Prof. Dr. Andreas König erklärt, der einer der Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs ist: „Professor Lange gehört zu den herausragendsten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weltweit auf dem Gebiet der Management- und Ethikforschung. Digitale Plattformen werfen eine Menge ethische Fragen auf. Insofern profitieren wir enorm von seinem Aufenthalt.“
Wenn Professor Lange nicht in Passau ist, forscht und lehrt er an der W. P. Carey School of Business an der Arizona State University, wo er der Lincoln Professor für Managementethik ist. „Einer meiner langfristigen Forschungsinteressen ist es, das gängige Bild herauszufordern, wonach Wirtschaft und Ethik zwei unterschiedliche Dinge sind“, sagt er. Zum Beispiel befasst er sich damit, inwiefern moralische Überlegungen selbst in den grundlegendsten wirtschaftlichen Belangen des Geschäftslebens stecken.
Globale Unternehmen mit kulturellen Wechselwirkungen
Das Feld der digitalen Plattformen bietet zahlreiche Forschungsmöglichkeiten und -ansätze: „Es ist von ungemeiner Bedeutung, diese Systeme zu untersuchen. Denn digitale Plattformen beeinflussen die öffentliche Meinung, unser Verhalten und Fragen der Verteilungsgerechtigkeit“, sagt der Wissenschaftler. Digitale Plattformen agieren global, aber in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Wichtig sei deshalb, zu analysieren, wie sie auf diese unterschiedlichen Umgebungen reagieren. Interessant sei für ihn auch, dass die digitalen Plattformen selbst einen Einfluss darauf haben, wie sich gesellschaftliche Wertvorstellungen verändern und entwickeln.
Entsprechend hat Professor Lange beobachtet, dass die USA verständnisvoller werden gegenüber europäisch beeinflussten Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre mancher Kundinnen und Kunden, während Europa empfänglicher zu werden scheint für eine Begeisterung für datengetriebene Innovationen, wie man sie eher aus dem US-amerikanischen Raum kennt.
In Passau beteiligt sich der Management-Ethiker an den regelmäßig stattfindenden Treffen der interdisziplinären Doktorandinnen und Doktoranden. Er gibt Ihnen Tipps und Hinweise zu ihren Forschungsarbeiten. Außerdem hält er selbst Workshops ab, zum Beispiel zum Zusammenspiel von öffentlichen Werten und digitalen Plattformen. Vom Austausch mit dem jungen Nachwuchs aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten wiederum profitiert er in seiner Forschungsarbeit: „Ich kann so besser verstehen, wie sich die digitalen Plattform-Unternehmen den kulturellen Gegebenheiten in verschiedenen Ländern anpassen.“
Die Doktorandinnen und Doktoranden am DFG-Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems“ kommen aus verschiedenen Disziplinen, aus der Wirtschaftsinformatik, der Betriebswirtschaftslehre, der Volkswirtschaftslehre und der Kommunikationswissenschaft. Sie haben außerdem unterschiedliche kulturelle Hintergründe, etwa aus Deutschland, Ägypten und Kenia. Sie forschen aber alle gemeinsam an einem Thema: den Auswirkungen der digitalen Plattform-Ökonomie.