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Management für die Zukunft

Wie muss sich die Wirtschaft verändern, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein? Dr. Annekatrin Meißner vom Institut für Angewandte Ethik in Wirtschaft, Aus- und Weiterbildung erklärt, welche Rolle Management, Mitarbeiter- und Unternehmensführung, Konsumverhalten und Ethik dabei spielen. Von Nicola Jacobi


Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 3/2020 des Transfermagazins „TRIOLOG. Wissenschaft – Wirtschaft – Gesellschaft in Ostbayern“ mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Der Hochschulverbund Transfer und Innovation Ostbayern (TRIO) ist ein Projekt der sechs ostbayerischen Hochschulen, an dem auch die Universität Passau beteiligt ist. Das Projekt wird aus dem Programm "Innovative Hochschule" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert und hat eine Laufzeit von fünf Jahren. TRIO sieht sich als Impulsgeber für Innovationen in Ostbayern. Ziel von TRIO ist es, Wissens- und Technologietransfer auszubauen und aktiv zu gestalten und den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in der Region zu verstärken. 


Die Definition von Nachhaltigkeit aus dem Brundlandt-Bericht von 1987, der nach der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundlandt benannt ist, hat den Nachhaltigkeitsdiskurs wesentlich geprägt. Nachhaltigkeit wird dort als „eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ definiert. 1998 schrieb die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum „Schutz des Menschen und der Umwelt“ die Idee der Nachhaltigkeit in der deutschen Politik als Konzeption einer dauerhaft zukunftsfähigen Entwicklung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension menschlicher Existenz fest.

Auf dieser Dreiteilung ökologisch-ökonomisch-sozial, die oft auch als Triple Bottom Line bezeichnet wird, basiert eines der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Nachhaltigkeitsmodelle: das Drei-Säulen-Modell. Nachhaltigkeit steht demnach auf drei gleichberechtigten Säulen: Ökologie, Wirtschaft und Soziales. Die ökonomische Säule wird dabei als Rahmenordnung verstanden, die dem Gemeinwohl dienen soll.

Dieses Dreisäulenkonzept wird immer wieder hinterfragt und kritisiert, besonders im Hinblick auf eine globale Weltwirtschaft. Tatsache ist aber, dass dieses Konzept das Modell mit der größten Reichweite und Akzeptanz darstellt. Es liegt dementsprechend auch allen Formen von Nachhaltigkeitsberichten zugrunde, etwa der Global Reporting Initiative (GRI), dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex oder der Gemeinwohlbilanz.

Ein Ansatz aus der Nachhaltigkeits- und Umweltethik, der die Gleichberechtigung von ökologisch, ökonomisch und sozial aufhebt, ist zum Beispiel das Konzept der „Starken Nachhaltigkeit“ (nach Prof. Dr. Konrad Ott und Dr. Ralf Döring), bei dem der ökologische Aspekt und das sogenannte Naturkapital (Rohstoffe, Ressourcen und ähnliches) Vorrang haben.

Dr. Annekatrin Meißner vor der Donau und der Passauer Ortsspitze.

Dr. Annekatrin Meißner

forscht zu Wirtschafts- und Unternehmensethik

Wie kann nachhaltiges Wirtschaften gestaltet werden?

Wie kann nachhaltiges Wirtschaften gestaltet werden?

Dr. Annekatrin Meißner ist Geschäftsführerin des Instituts für Angewandte Ethik in Wirtschaft, Aus- und Weiterbildung (Ethik WAW). Das Institut, unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Peter Fonk, forscht und lehrt interdisziplinär zu den Themen Wirtschafts- und Unternehmensethik und Nachhaltigkeit und arbeitet eng mit Organisationen und Unternehmen aus der Region zusammen.

Nachhaltigkeitsmanagement

„Nachhaltiges Management zielt darauf ab, Aspekte der Ökoeffizienz, der Substanzerhaltung und der Verantwortung in Managemententscheidungen mitzuberücksichtigen.“

Angesichts der Dringlichkeit der aktuellen Lage wollen und müssen Unternehmen und Organisationen Konzepte und Instrumente für nachhaltiges Management zur Verbesserung sozialer, ökologischer und ökonomischer Aspekte in ihre Arbeitsweise einbinden. Das kann zum Beispiel über die Stärkung der Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerrechte in der Lieferkette, einer Beteiligung von Stakeholdern an dem Nachhaltigkeitsprozess, die Einführung eines Umweltmanagementsystems (ISO14001, EMAS) oder betrieblicher Umweltinformationssysteme erfolgen. Auch Corporate Social Responsibility (CSR)-Strategien bieten eine solche Möglichkeit. Für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist diese nichtfinanzielle Berichterstattung inzwischen verpflichtend.

Über das Nachhaltigkeitsmanagement hinaus haben es sich Unternehmensmodelle wie Sustainable Entrepreneurship als Ziel gesetzt, Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit auf ökonomischer Basis zu lösen – und dabei gleichzeitig Gewinn zu erwirtschaften.

Wirtschaftsethik

„Derzeit fehlt in der Debatte um Nachhaltigkeit und in der Politik zu diesem Thema eine Vision: Wohin wollen wir? Wie wollen wir nachhaltiges Wirtschaften betreiben? Welche Rahmenbedingungen müssen wir dafür wie ändern?“

Wirtschaft ist ein Teil der Gesellschaft – oder sollte zumindest, so Annekatrin Meißner, so verstanden werden. Die Grundlagen des Wirtschaftens müssen neu diskutiert und Möglichkeiten ausgelotet werden, wie Effizienz und andere Werte kombiniert werden können. Wirtschafts- und Unternehmensethik bieten dafür die wissenschaftlichen Grundlagen.

Das Leitbild der Green Economy, welches auf technologiebasierte Innovationen setzt, um Wachstum umwelt- und sozialverträglich zu erreichen, ist dabei nur eine Option, die jedoch aufgrund möglicher auftretender Rebound-Effekte auch kritisch hinterfragt wird.

Dr. Annekatrin Meißner vor dem Tor des Instituts für Angewandte Ethik in Wirtschaft, Aus- und Weiterbildung (Ethik WAW) an der Universität Passau.

Dr. Annekatrin Meißner vor ihrem Arbeitsplatz in Passaus Altstadt. Hier lehrt und forscht sie zum Thema ökonomische Nachhaltigkeit. Foto: Julio Cesar Batista Martins

Weitere Ideen und Formen, wie nachhaltiges Wirtschaften grundlegend anders gestaltet werden kann, sind zum Beispiel die Postwachstumsökonomie, die auf die Stärkung lokaler und regionaler Strukturen sowie auf Suffizienz (möglichst geringer Rohstoff- und Energieverbrauch) und Subsistenz (Bedarfswirtschaft) setzt. Beim Solidarischen Wirtschaften steht die Kooperation auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten im Vordergrund, die Gemeinwohlökonomie bezeichnet ein Wirtschaftssystem, das auf Gemeinwohl-fördernden Werten aufgebaut und die Kreislaufwirtschaft verfolgt mit dem Cradle-to-Cradle-Ansatz die Weiterverwendung aller eingesetzten Rohstoffe. Der Restart der Wirtschaft nach der Corona-Krise kann ebenfalls als Chance begriffen werden, Weichen in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaftsordung zu stellen.

KMU und Nachhaltigkeit

„Bei vielen Unternehmen hatte das Thema Nachhaltigkeit bisher keine große Außenwirkung, aber genau das wandelt sich im Moment.“

Unternehmerinnen und Unternehmer merken: Wir müssen etwas tun. Auch im Hinblick auf zukünftige Arbeitskräfte, für die die Frage eine immer größere Rolle spielt, ob sie sich mit dem, was das Unternehmen und sie selbst tun, identifizieren können. Doch oft fehlt den Führungskräften die Erfahrung und das Wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen, was die Gesellschaft von ihnen erwartet und was denn eigentlich nachhaltig ist. Wichtig für KMU ist es vor allem, sich mit den eigenen Werten zu beschäftigen, herauszufinden, welchen eigenen Beitrag man leisten kann, wo Dinge in der Wertschöpfungskette verändert werden können. Dabei hilft, offen zu diskutieren, Fragen zu stellen, sich mit anderen Unternehmern, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder mit Einrichtungen wie den Gründerzentren zu vernetzen.

Corporate Social Responsibility

Corporate Social Responsibility (CSR) beschreibt die Verantwortung von Unternehmen, die sie hinsichtlich der Auswirkungen ihres Tuns auf die Gesellschaft haben. Dies umfasst soziale, ökologische und ökonomische Aspekte, wie zum Beispiel faire Geschäftspraktiken, den nachhaltigen Einsatz von Ressourcen oder auch regionales Engagement. Seit 2017 sind börsennotierte Unternehmen in Deutschland mit mehr als 500 Beschäftigten im Rahmen des CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz der Bundesregierung dazu verpflichtet, auch über nichtfinanzielle Belange, also Umwelt- und Sozialdaten, zu informieren.

Sogenannte Sozialunternehmen bieten Produkte oder Dienstleistungen an, die einen Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt leisten. Social Entrepreneurship (dt. Soziales Unternehmertum) orientiert sich demnach nicht allein an den Marktanforderungen, sondern vielmehr an gegenwärtigen gesellschaftlichen Belangen. An der Universität Passau beschäftigen sich sowohl der Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship von Prof. Dr. Carolin Häussler als auch der Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Strategisches Management, Innovation und Entrepreneurship von Prof. Dr. Andreas König mit Sozialunternehmen.

An der Universität Passau können sich Studierende interdisziplinär und fakultätsübergreifend mit dem Thema Nachhaltigkeit und Wirtschaft auseinandersetzen, zum Beispiel im Mastermodul „Sustainability and Business Ethics“ oder im Bachelormodul „Global Justice & Business Ethics“. Im Teilmodul „Applied CSR“ arbeiten die Studierenden eng mit der ZF Friedrichshafen AG zusammen und im Teilmodul „Social Entrepreneurship“ besteht die Möglichkeit, eigene nachhaltige Business-Ideen zu entwickeln unter Einbindung von Gründern erfolgreicher Start-ups wie der Regiothek, Conceptnext und Spoferan als Mentoren.