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„Ich möchte ein Vorbild für afghanische Mädchen sein"

Max-Planck-Stipendiatin und Juristin Suhailah Akbari ist eine der wenigen afghanischen Frauen, die eine wissenschaftliche Karriere verfolgen. Während ihres Aufenthalts an der Universität Passau ist sie Mutter geworden und es gelang ihr erfolgreich, Familie und Forschung unter einen Hut zu bringen.

Silla Akbari und ihre Familie

Im Dezember 2015 zog Silla Akbari mit ihrem Ehemann Parwiz Akbari von Takhar, Afghanistan, nach Passau um, nachdem ihr ein Stipendium der Max-Planck-Stiftung für Internationalen Frieden und Rechtsstaatlichkeit angeboten wurde, um in Rechtswissenschaften zu promovieren. In den vergangenen vier Jahren arbeitete Silla zusammen mit Professor Christoph Herrmann und seinem Team am Lehrstuhl für Verfassungs- und Verwaltungsrecht, Europarecht, europäisches und internationales Wirtschaftsrecht, während ihr Ehemann als Internist im Krankenhaus in Vilshofen tätig war. Während ihres Aufenthalts wurde Silla Mutter und es gelang ihr erfolgreich, Familie und Forschung unter einen Hut zu bringen. Sie sagt, dass sie besonders dankbar für die Unterstützung sei, die sie und ihr Ehemann bei ihrer Ankunft vom Welcome Centre sowie vom Frauenbüro und vom Lehrstuhl von Professor Herrmann nach der Geburt ihrer Tochter Haya erhalten haben. Sie kehrt jetzt nach Afghanistan zurück, um ihre Lehrtätigkeit an der Universität Takhar fortzusetzen und sich für die Hochschulbildung von Frauen in Afghanistan einzusetzen.

Warum sind Sie an die Universität Passau gekommen?

Nach Abschluss meines Masterstudiums an der Universität Washington erhielt ich das Angebot, als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Max-Planck-Stiftung für Internationalen Frieden und Rechtsstaatlichkeit nach Passau zu kommen. Seit Beginn meines Studiums an der Universität Takhar interessiere ich mich für internationales Handelsrecht, vor allem aus dem Grund, dass es in diesem Bereich an afghanischem Fachwissen mangelt. Als ich das Angebot der Max-Planck-Stiftung erhielt, das mir erlaubte, einen Beitrag für die Wissenschaft und mein Heimatland zu leisten, nahm ich es sehr gerne an und kam nach Passau.

Wie lautet der Schwerpunkt Ihrer Dissertation?

In meiner Dissertation untersuche ich das Regime der Welthandelsorganisation (WTO) zur Transitfreiheit für Mitglieder der Binnenländer, insbesondere der Binnenentwicklungsländer, um zu erörtern, ob und inwieweit die besonderen Transitbedürfnisse der Binnenländer anerkannt werden. Die Ergebnisse meiner Forschung sind für mein Heimatland Afghanistan von besonderer Bedeutung, da politische und sicherheitspolitische Instabilitäten zwischen Afghanistan und seinen Nachbarstaaten, insbesondere Pakistan, an der Küste den Transithandel Afghanistans mit diesen Ländern oft erschweren.

Sie werden jetzt nach Afghanistan zurückkehren. Was sind Ihre Pläne nach Ihrer Rückkehr?  

In Afghanistan werde ich zu meinem Lehrauftrag an der Universität Takhar zurückkehren und ich hoffe, dass ich meine Forschung über das internationale Handelsrecht und das regionale Handelsrecht mit einem Schwerpunkt auf der Integration Afghanistans in das Welthandelssystem fortsetzen kann. Ich habe meinen Beruf als Juristin und meine Lehrtätigkeit immer als eine Gelegenheit wahrgenommen, mich für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Da ich die einzige weibliche Lehrkraft an der Fakultät für Rechts- und Politikwissenschaften an der Universität Takhar bin, möchte ich ein Vorbild für afghanische Mädchen sein, die eine wissenschaftliche Karriere einschlagen wollen. Mein Ziel ist es, die Hochschulbildung für sie zu verbessern und für die Beteiligung von Frauen an der Entscheidungsfindung an der Universität Takhar einzutreten.

Welchen Barrieren sind Frauen in Afghanistan ausgesetzt, wenn es um Hochschulbildung geht?

Der öffentliche Diskurs ist von konservativen islamischen Geschlechtervorstellungen geprägt. Demzufolge sind Frauen vor allem in ländlichen Gebieten immer noch sozialen Barrieren ausgesetzt, die sie daran hindern, am öffentlichen Diskurs teilzunehmen, und sie werden beispielsweise davon abgehalten, außerhalb ihrer Provinz zu studieren. Als ich anfing, an der Universität Takhar zu lehren, gab es in einem Kurs von 60 Studierenden bestenfalls vier Studentinnen. Seitdem hat sich dies sicherlich verbessert, aber der Anteil der Studentinnen und insbesondere der Forscherinnen ist nach wie vor gering.

Wie haben Sie die Möglichkeiten an der Universität Passau wahrgenommen?

Insbesondere die Unterstützung, die ich nach der Geburt meiner Tochter Haya erhielt, war wirklich bemerkenswert. Meiner Meinung nach ist die Universität Passau ein akademisches Vorbild in Bezug auf ihre Angebote für junge Eltern. Bei dem Versuch, die Mutterschaft und Forschung unter einen Hut zu bringen, war die Unterstützung durch das Frauenbüro eine große Erleichterung, da sie mir bei strukturellen und finanziellen Fragen halfen. Sie schaffen mit ihren Angeboten wie Babysitting und einem Platz in der Kinderkrippe „Unikinderkrippe Krümelkiste“ ein kompatibles Umfeld für junge Eltern. Außerdem bieten sie die notwendigen Annehmlichkeiten für Eltern und Kinder, zum Beispiel spezielle Räume für den Windelwechsel oder das Stillen. Ich hoffe, dass wir in Zukunft ein Frauenbüro ähnlich wie in Passau an der Universität Takhar einrichten können. Neben der bedeutsamen Unterstützung durch das Frauenbüro bin ich ebenso dankbar für die Unterstützung, die ich von Professor Herrmann und dem gesamten Team an seinem Lehrstuhl erhalten habe. Letztlich verdanke ich meine Leistungen sowohl dem Frauenbüro als auch dem Lehrstuhl, da ihre unvergleichliche Unterstützung den Abschluss meiner Promotion erleichtert hat.

Welche Erfahrungen haben Sie und Ihre Familie generell in Passau gemacht?

Mit Unterstützung des Welcome Centre der Universität hatten wir eine stressfreie Ankunft. Dank Jana und ihrem Team mussten wir bei unserer Ankunft nur noch den Mietvertrag unterschreiben und schon waren wir startklar. Sie organisierten sogar Ausflüge durch Bayern für alle internationale Forschenden. Bayern ist meine zweite Heimat geworden und Passau wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben – vor allem, weil meine Tochter hier geboren wurde! Wir haben unsere Zeit in Passau sehr genossen. Die Größe Passaus macht es auch zu einer sehr familienfreundlichen Stadt mit vielen Spielplätzen in der Nähe. Alles ist zu Fuß erreichbar, sodass wir die schöne grüne Umgebung Passaus wirklich genießen konnten.

Was wird Ihnen am meisten an Passau fehlen?

Die schöne Aussicht auf den Inn und die umliegende Natur von unserer Wohnung aus. Ich werde auch meine Kolleginnen und Kollegen vermissen, die mich während meiner Zeit hier ungemein unterstützt haben.

Künftig wird Silla Akbari Bücher aus Passau in der Lehre an ihrer Heimatuniversität einsetzen können: Die Universitätsbibliothek und der Lehrstuhl von Professor Christoph Herrmann spenden mehrere Völkerrechtsbücher.

Interview: Rebecca Neumayr