Auf dem Bildschirm läuft ein Video aus dem Jahr 2022. Anastasiya Shylina sieht sich selbst und muss lachen. "So jung und naiv", rutscht es ihr raus. Shylina war eine der ersten Promovierenden im DFG-Graduiertenkolleg 2720/01 „Digital Platform Ecosystems“. Sie war Teil einer bunten und kreativen Gruppe, die in einer Videoserie junge Forschende und ihre verborgenen Talente zeigte. Shylinas Talent war das Malen. Das ist auch heute noch so. Aber ansonsten ist viel passiert.
In den vergangenen drei Jahren hat sie nicht nur ihre Doktorarbeit abgeschlossen, sondern auch ein neues Kapitel in ihrer Karriere aufgeschlagen. Ihre Reise zeigt, wie interdisziplinäre Forschung und globale Vernetzung Türen öffnen – in Passau und darüber hinaus.
Ungewöhnlicher Forschungsansatz
Shylinas Dissertation trägt den Titel: „From CEOs to Sex Workers: Digital Platforms, Ecosystems, and the Persons Within“. Ihre Arbeit bricht damit, Plattformen primär aus technischer oder ökonomischer Perspektive zu betrachten. Sie kombiniert darin Managementtheorie mit soziologischen und psychologischen Perspektiven. „Ich rücke die Personen hinter den Plattformen in den Mittelpunkt“, erklärt die Forscherin. „Wie beeinflussen ihre Eigenschaften, Vorurteile und Emotionen die Strategien der Plattform-Ökosysteme?“
In ihrer Forschung kommt sie zu dem Schluss: Selbst marginalisierte Gruppen wie Sexarbeitende können die strategischen Entscheidungen der Plattformen beeinflussen – wenn sie ihre Stimme erheben. Das zeigt sie am Beispiel der Social-Media-Plattform OnlyFans, die Webinhalte für Erwachsene kostenpflichtig zur Verfügung stellt und damit die Erotikbranche umgewälzt hat. 2021 wollte die Plattform pornografische Inhalte verbieten. Doch der öffentliche Druck der Sexarbeitenden war so groß, dass das Unternehmen zurückruderte. „Plattformen sind kein neutraler Marktplatz“, sagt Shylina. „Sie spiegeln soziale Hierarchien wider, aber sie lassen sich auch gestalten.“
Ein internationales Sprungbrett
Möglich wurde dieser Ansatz durch die interdisziplinäre Herangehensweise des DFG-Graduiertenkollegs 2720/01 „Digital Platform Ecosystems“ an der Universität Passau, der weltweit größten Forschungsgruppe zu digitalen Plattformen. Doktorvater Prof. Dr. Andreas König und Sprecher der Gruppe förderte Shylinas interdisziplinären Blick – genauso wie die internationale Vernetzung des Kollegs.
Er und sein Team holen regelmäßig Forschende aus der ganzen Welt nach Passau. So etwa 2024 mit dem „EIASM Workshop on Top Management Teams and Business Strategy Research“, der parallel zur Graduiertenkollegs-Konferenz „DPE Forum“ stattfand. Hier lernte Shylina Timothy Quigley kennen, Professor für Strategisches Management an der University of Georgia. Dieser ist dem Graduiertenkolleg auch als Mercator-Fellow verbunden. Er verbrachte einen längeren Forschungsaufenthalt in Passau.
Die Begegnung mit Quigley wurde für Shylina zum Karrieresprung: Sie forscht und lehrt derzeit am Terry College of Business an der University of Georgia - mit Aussicht auf eine Juniorprofessur an einer der weltweit führenden Business Schools.
Shylinas Reise geht also weiter. „Ohne das Graduiertenkolleg wäre das nicht denkbar gewesen“, sagt sie. Die Mischung aus fachlicher Vielfalt, globaler Vernetzung und familiärer Atmosphäre habe ihr den Weg geebnet. Was bleibt, sind das Netzwerk und die freundschaftlichen Verbindungen zu den Mitgliedern im Graduiertenkolleg, die sie durch die Höhen und Tiefen der Promotion begleitet haben.
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