Die Tropen scheinen von Passau aus gesehen sehr fern zu sein. Dass ihr Wohlergehen uns alle angeht, dafür hatte Prof. Dr. Alexandre Antonelli bei seinem Eröffnungsvortrag auf der 9. Europäischen Konferenz für Tropenökologie an der Universität Passau ein eindrückliches Beispiel: den Kaffee am Morgen. Selbst wenn man sich nicht für Biodiversität interessiere, sollte man doch verstehen, wie sehr die Klimakrise diese tägliche Gewohnheit bedroht. „Kaffee ist zum Beispiel nicht sehr tolerant gegenüber klimatischen Veränderungen und schon jetzt ist jede Kaffeeplantage weltweit von Dürren betroffen.“
Dass die Europäische Konferenz für Tropenökologie vom 23. bis 27. Februar 2026 in Passau ausgerichtet wurde, ist Prof. Dr. Christine Schmitt zu verdanken, Inhaberin des Lehrstuhls für Physische Geographie mit Schwerpunkt Mensch-Umwelt-Forschung. Gemeinsam mit der Gesellschaft für Tropenökologie (gtö) übernahm sie die Organisation der Veranstaltung, die von knapp 240 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 31 Ländern besucht wurde. Entsprechend des Mottos der Konferenz „Arten – Ökosysteme – Menschen“ reichten die Vorträge von der ökologischen Grundlagenforschung bis hin zur Fragestellung, wie sich der Schutz und die Nutzung der sensiblen Ökosystem vereinbaren lassen. Neben wissenschaftlichen Analysen und methodischen Ausführungen brachten die Vortragenden ihre Faszination für das Thema mit eindrücklichen Bildern aus tropischen Forschungsregionen in Lateinamerika, Afrika und Südostasien zum Ausdruck. „Die Vorträge zeigen, wie international und interdisziplinär Tropenökologie heute ist – und wie dringend wir sowohl lokale als auch globale Lösungen für den Erhalt dieser einzigartigen Ökosysteme brauchen“, so die Gastgeberin.
„Tropische Ökosysteme sind weltweit durch den Einfluss des Menschen bedroht“, so auch Prof. Dr. Antonelli, Pflanzenökologe an den Royal Botanic Gardens, Kew in London, einem der weltweit führenden Zentren der Biodiversitätsforschung. Hohe Entwaldungsraten, Umwandlung zu Ackerland oder Siedlungsgebieten, und nicht zuletzt die klimatischen Änderungen wirken sich negativ auf die Artenvielfalt aus. „Alles Leben ist auf Biodiversität angewiesen, etwa auf Pflanzen und Pilze. Ich denke, wir können auf diesem Planeten nicht überleben ohne ein gesundes Ökosystem, das Leben überhaupt erst hervorbringt.“ Neben dieser utilitaristischen Sichtweise betonte Dr. Antonelli auch unsere ethische Verantwortung: „Wir dürfen Arten nicht einfach zum Aussterben bringen.“ Eine zentrale Forderung, die von vielen der internationalen Vortragenden aufgegriffen wurde.
Die Vielfalt der Tropenökologie
Die Erforschung tropischer Ökosysteme findet nicht nur im Feld statt, wie Dr. Viola Heinrich vom Potsdamer Helmholtz-Zentrum für Geoforschung erklärte. „Ich finde es sehr faszinierend zu sehen, wie wir mithilfe von Satellitendaten untersuchen können, wie sich Wälder nach Störungen wie Bränden oder Holzeinschlag erholen – und wie wir dieses Wissen nutzen können, um zentrale Herausforderungen wie den Klimawandel und den Verlust der Biodiversität anzugehen.“
So zeigt sich die Vielfältigkeit der Tropenökologie als Forschungsfeld. Die rund 180 Vorträge und 40 Poster, die in thematischen Sessions von den Teilnehmenden präsentiert wurden, reichten von Analysen unter der Erdoberfläche bis hin zu Beobachtungen aus dem All. Bohrkerne mit eingeschlossenen Pollen geben Hinweise auf vergangene Artenzusammensetzungen, Studien zu bestäubenden Insekten und samenverbreitenden Tieren beleuchten komplexe Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Tieren. Fallstudien einzelner Wälder liefern detaillierte Einblicke in lokale Dynamiken, während Satellitendaten helfen können, Wissenslücken dort zu schließen, wo bislang noch keine Felddaten zur Betrachtung großer Gebiete vorliegen.
Die Keynote-Vorträge spannten den Bogen von lokalen Herausforderungen bis zur globalen Verflechtung. Dr. Maria Fungomeli (National Museums of Kenya) diskutierte, wie Naturschutz und menschliche Bedürfnisse in den letzten Küstenwäldern Kenias vereinbar sind. Dr. Alfredo Romero-Muñoz (Humboldt-Universität zu Berlin) gab Einblicke in seine Forschung zum Erhalt von Jaguaren in den Trockenwäldern Südamerikas. Prof. Dr. Rob Marchant (University of York, UK) hob die Relevanz der Tropenökologie für uns alle hervor: „Ganz gleich, wie sehr sich die geopolitischen Verhältnisse wandeln und wie sehr wir dazu neigen, uns immer mehr nach innen zu wenden – wir kommen nicht um die Tatsache herum, dass die Welt ein vernetzter Ort ist: Das Klima, die Ökosysteme und die Artenvielfalt sind miteinander und mit uns verbunden. Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen in diesem globalen Kontext leben.“
Trotz der Krisen herrschte unter den Forschenden Zuversicht. Prof. Dr. Antonelli etwa gab sich in seinem Vortrag optimistisch: Er sehe auf dieser Konferenz „unglaubliche Projekte, die von unglaublichen Menschen umgesetzt werden“, und das gebe ihm Hoffnung. „Ich bin Optimist und glaube fest daran, dass noch Zeit bleibt, das Ruder herumzureißen. Meiner Meinung nach zeigen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass wir trotz der enormen ökologischen Herausforderungen, vor denen wir stehen, immer noch die Chance haben, die Natur zu schützen und wiederherzustellen – und das wird allen Menschen auf diesem Planeten zugutekommen.“
Als sehr motivierend wurde die Konferenz von den Nachwuchsforschenden wahrgenommen, die zahlreich vertreten waren, und von denen sieben mit den Merian Awards der Gesellschaft für Tropenökologie (gtö) ausgezeichnet wurden. Das Rahmenprogramm der Tagung richtete sich explizit auch an die Passauer Öffentlichkeit. Der Elisabeth von Kalko Erinnerungsvortrag, der dieses Jahr von Dr. Bea Maas (Universität Wien) gehalten wurden, war öffentlich zugänglich und gut besucht. Abgerundet wurde das Programm durch Exkursionen am letzten Tag, die durch Passau, in den Bayerischen Wald, an die Ilz und in den Botanischen Garten München-Nymphenburg führten. Finanziell unterstützt wurde die Tagung durch die Universität Passau, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und viele weitere Sponsoren.
Text: Liesa Cosman, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Physische Geographie mit Schwerpunkt Mensch-Umwelt-Forschung
Mehr Informationen:
Funded by the Deutsche Forschungsgemeinschaft
(DFG, German Research Foundation) – 575853546