Auf Spurensuche im "kapitalistischen Grenzland": Luftaufnahme eines Kohlefrachters, der einen Fluss im indonesischen Südkalimantan befährt. Symbolfoto: Adobe Stock
Der Lalang-Fluss schlängelt sich durch den Regenwald in Zentralkalimantan auf der indonesischen Insel Borneo. Er ist Lebensader für indigene Gemeinschaften, bestimmt ihre Arbeit, Ernährung, Kultur. Doch inzwischen prägen Industrieinteressen die Landschaft. Holztransporter und Lastwägen beladen mit Kohle sind auf der Hauptstraße entlang des Lalang-Flusses zu sehen.
Dr. Siti Maimunah beschreibt den Fluss in ihrer Dissertation als „kapitalistisches Grenzland“. „Für die einen ist der Holzschlag und der Kohleabbau in Indonesien eine lukrative Erschließung“, sagt Prof. Dr. Martina Padmanabhan, Inhaberin des Lehrstuhls für Kritische Entwicklungsforschung mit Schwerpunkt auf Südostasien an der Universität Passau. „Für andere ist er die Ursache für Wasserverschmutzung, Nahrungsmittelknappheit und andere Ungerechtigkeiten.“
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Prof. Dr. Padmanabhan ist Gastgeberin der interdisziplinären Ringvorlesung „Habitability in Times of Global Crisis“ an der Universität Passau, zu Deutsch: „Bewohnbarkeit in Zeiten von globalen Krisen“. Die englischsprachige Vorlesungsreihe fragt, was Orte bewohnbar macht und wer darüber entscheidet. Im Wintersemester 2025/2026 bringt sie Forschende aus verschiedenen Disziplinen zusammen. Der Fokus liegt auf sozial-, geistes- und wirtschaftswissenschaftlichen Perspektiven, die naturwissenschaftliche Ansätze ergänzen.
In ihrer Sitzung stellt die Passauer Agrarsoziologin Erkenntnisse aus zwei Dissertationen vor, die aus dem von ihr koordinierten europäischen Forschungsnetzwerk "WEGO: Wellbeing, Ecology, Gender and cOmmunity" hervorgegangen sind. Beide Arbeiten zeigen, wie eng Natur, Umwelt, Produktion und Konsum mit jedem einzelnen Menschen verbunden sind.
Europäisches Netzwerk "WEGO: Wellbeing, Ecology, Gender and cOmmunity"
Maskuline Bergbauindustrie trifft egalitäre, indigene Gemeinschaft: Wie verschieben sich die Machtverhältnisse der Geschlechter? Die Agrarsoziologin Professorin Martina Padmanabhan und der Entwicklungsökonom Professor Michael Grimm sind Teil eines neuen europäischen Netzwerks, das den Gender-Aspekt bei Veränderungen in der Umwelt unter die Lupe nimmt.
Dr. Maimunah untersucht, wie der Rohstoffabbau soziale Rollen verändert. Bezahlte Arbeit finden vor allem Männer in Minen und Holzfirmen. Frauen leisten weiterhin unbezahlte Arbeit: Sie sorgen die Familie und deren Ernährung. Gleichzeitig leiden sie besonders unter den Folgen der Umweltverschmutzung. Durch den Tagebau ist der Fluss vielerorts nicht mehr trinkbar. Frauen müssen weitere Wege zurücklegen, um sauberes Wasser zu holen. Oder sie sind auf Geld angewiesen, das Männer verdienen, um Wasser zu kaufen.
Forschung als Dialog
Die Forscherin arbeitet in ihrer Arbeit qualitativ. Sie führt Tiefeninterviews, besucht Familien, organisiert Gruppengespräche. Sie setzt die sogenannte Photovoice-Methode ein, bei der die Teilnehmenden ihre Meinungen und ihr Verständnis, wie Macht ihr Leben und Verhalten beeinflusst, durch Bilder ausdrücken.
Maimunah versteht Forschung als Dialog. Sie entwickelt Wissen gemeinsam mit den Beteiligten. Zentral dafür sind ihre eigenen Erfahrungen. Bevor sie die Position als Marie Sklodowska-Curie-Doktorandin im WEGO-Netzwerk antrat, war sie in Indonesien als Aktivistin tätig. Ihre Dissertation nennt sie offen ein „Lebensprojekt“.
Padmanabhan weiß, dass dieser Ansatz mit klassischen Vorstellungen von wissenschaftlicher Distanz bricht. „Gerade darin liegt seine Stärke“, sagt die Professorin. Die feministische politische Ökologie, der theoretische Rahmen der Arbeit, blende die Persönlichkeit der Forscherin nicht aus. Sie mache ihre Position sichtbar und reflektiere sie.
Padmanabhan wendet sich einer weiteren Dissertation aus dem WEGO-Netzwerk zu. Dr. Enid Still hat in Südindien geforscht. Ihre Arbeit trägt den Titel „Affective Roots – Erinnerung, Emotionen und Viszeralität innerhalb ökologischer Agrar- und Lebensmittelnetzwerke in Tamil Nadu, Indien“. Im Zentrum der mit einem Dissertationspreis der Universität Passau ausgezeichneten Arbeit stehen ökologische Landwirtschaft und lokale Lebensmittelnetzwerke.
Wie Gefühle Grenzen festigen können - und aufbrechen
Still interessiert sich für Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen. Sie fragt: Wie prägen koloniale Geschichte und persönliche Emotionen die Landwirtschaft bis heute? Welche Rolle spielen Erinnerungen bei der Weitergabe von Wissen? Und was erzählen die Gefühle von Bäuerinnen über Unsicherheit beim Zugang zu Nahrung?
Statt abstrakter Begriffe schaut Still auf konkrete Begegnungen. Sie spricht mit Landwirtinnen, Produzenten und Konsumentinnen. Viele erinnern sich an die Grüne Revolution, die in den 1960er-Jahren auf industrielle Landwirtschaft setzte. Sie brachte höhere Erträge, aber auch Abhängigkeiten von Chemikalien und Saatgut. Diese Erinnerungen sind oft mit Stolz, aber auch mit Trauer verbunden. Die Forscherin zeigt, wie solche Gefühle Entscheidungen beeinflussen: ob Menschen auf ökologische Anbaumethoden umsteigen, wem sie vertrauen und wie sie Risiken einschätzen.
Eine Erkenntnis: Gefühle können Grenzen festigen – etwa zwischen Klassen, Kasten oder Geschlechtern. Sie können diese Grenzen aber auch aufbrechen. Für die Bio-Bewegung sind emotionale Beziehungen entscheidend. Ohne Vertrauen, Angst oder Hoffnung lässt sich nicht erklären, warum nachhaltige Lebensweisen angenommen oder abgelehnt werden.
Die Ringvorlesung macht deutlich, dass Bewohnbarkeit mehr ist als saubere Luft oder fruchtbare Böden. Sie entsteht im Zusammenspiel von mehreren Faktoren, darunter Umwelt, Geschichte und sozialen Beziehungen. Weitere Vorträge vertiefen diese Perspektive: Am 21. Januar 2026 spricht João de Deus Vidal Junior von der Universität Leipzig über tropische Gebirge. Am 4. Februar 2026 folgt Maan Barua von der Universität Cambridge mit einem Vortrag zu den sozialen und ökologischen Folgen von Plantagen.
Prof. Dr. Martina Padmanabhan
Welche Chancen und Probleme birgt Digitalisierung für Benachteiligte?
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Prof. Dr. Martina Padmanabhan ist seit 2012 Inhaberin des Lehrstuhls für Vergleichende Entwicklungs- und Kulturforschung mit Fokus auf Südostasien. Sie leitet die sozial-ökologische Nachwuchsforschungsgruppe BioDIVA am Institut für Umweltplanung der Leibniz-Universität Hannover und ist Mitglied in der Arbeitsgruppe „Nachhaltige, transformative und zirkuläre Bioökonomie“ des Deutschen Komitees für Nachhaltigkeitsforschung.





