Zum Inhalt springen

Zwischen Flucht und Verbleib: Was bedeutet Bewohnbarkeit?

Zum Auftakt der Ringvorlesung zum Thema Habitability diskutiert Prof. Dr. Patrick Sakdapolrak von der Universität Wien mit dem Publikum über Migration und Vertreibung in Zusammenhang mit veränderten Klimabedingungen.

Luftbild von Tuvalu (Funafuti) mit einer der schmalsten Stellen der Insel, an der man sowohl das Meer als auch die Lagune sehen kann. Foto: Adobe Stock

Wie bewohnbar ist unsere Zukunft? Die englischsprachige Vorlesungsreihe „Habitability in Times of Global Crisis” im Wintersemester 2025/2026 an der Universität Passau gibt exemplarische Einblicke in die Habilitätsforschung an Universitäten weltweit. Ziel ist es, interdisziplinäre Ansätze von Forschenden vorzustellen. Ein Schwerpunkt liegt auf den sozial-, geistes- und wirtschaftswissenschaftlichen Perspektiven, die die naturwissenschaftliche Perspektive ergänzt und erweitert. Die Vorlesungen finden jeden zweiten Mittwoch von 18 bis 20 Uhr (c.t.) im Gebäude Philosophicum, Hörsaal 3, statt. Zum Auftakt sprach Prof. Dr. Patrick Sakdapolrak, Professor für Bevölkerungsgeographie an der Universität Wien. Zum Programm der Ringvorlesung

Inmitten des Pazifiks, einige tausend Kilometer vom nächsten Festland entfernt, leben mehr als 11 000 Menschen auf einer kleinen Gruppe an Inseln. Es handelt sich um den Inselstaat Tuvalu. Die Heimat der Bewohnenden wird zunehmend durch den steigenden Meeresspiegel bedroht.

Ihr Heimatort könnte unbewohnbar werden.

Die Tuvaluerinnen und Tuvaluer gehören zu den ersten weltweit, denen aufgrund dieser drängenden klimatischen Bedingungen eine Art von Klima-Asyl seitens Australiens angeboten wird. Über dieses Beispiel bereits so dringlicher Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels wird am Mittwochabend, 5. November, zum Start der Ringvorlesung Nachhaltigkeit an der Universität Passau rege diskutiert. In diesem Semester geht es bei der Vorlesungsreihe mit dem Titel „Habitability in Times of Global Crises“ um einen interdisziplinären Blick auf die (Un-)Bewohnbarkeit.

Prof. Dr. Patrick Sakdapolrak von der Universität Wien bei seinem Vortrag an der Universität Passau.

Angeleitet wird die Diskussion zum Auftakt von Patrick Sakdapolrak, Professor für Bevölkerungsgeographie und Demographie an der Universität Wien. Seine Arbeit untersucht die Zusammenhänge zwischen Bevölkerungsdynamik, Umweltveränderungen und Entwicklung, wobei er sich auf Migration, Vertreibung und die Reaktion gefährdeter Gruppen auf Risiken konzentriert. Er ist Mitbegründer des Environmental  and Climate Mobilities Network und des Climate Mobilities Knowledge Hub. Den Begriff der Habitability prägt der Professor auch selbst mit. Weitere renommierte Defintionen konzentrieren sich vor allem auf den Globalen Süden

Äquivalente Fälle zum prominenten Beispiel von Tuvalu häufen sich. Neben dem Meeresspiegel nehmen auch Dürre-, Sturm- und Starkregenereignisse immer mehr zu – aber nicht nur aufgrund dessen entscheiden wir, wo wir Menschen – aber genauso auch Tiere oder Pflanzen – unseren Lebensraum hin verlegen und vor allem: wo wir bleiben.

Wir müssen auch darüber nachdenken, wer Bewohnbarkeit und Unbewohnbarkeit definiert und welche Konsequenzen dies hat."

Prof. Dr. Patrick Sakdapolrak, Universität Wien

Was bedeutet Bewohnbarkeit und wer definiert das? "Wir müssen auch darüber nachdenken, wer Bewohnbarkeit und Unbewohnbarkeit definiert und welche Konsequenzen dies hat", sagt Sakdapolrak. Er verdeutlicht, dass Umweltveränderungen nicht nur naturgegeben sind, sondern vor allem sozial und politisch verhandelte Fragen von Lebensort und Zugehörigkeit.

Was das konkret bedeutet, zeigt er anhand individueller Lebensrealitäten: Eine alte Person, eine junge Person. Eine ältere Frau, ein junger Mann. Eine ältere Frau im Irak, ein junger Mann in Deutschland. Eine ältere Frau, die in einem kleinen Dorf im Irak lebt, ein junger Mann, der in Berlin in Deutschland lebt. Hier kann es sehr kleinteilig werden. So viele Elemente der soziokulturellen Struktur, wie auch Hautfarbe, verfügbares Einkommen und weitere Ressourcen unserer diversen Gesellschaften wirken sich neben den klimatischen Umweltbedingungen auf unsere Lebensrealität aus und unsere Möglichkeiten, bestimmte Entscheidungen zu treffen.

Wie sich die Vorstellung von Bewohnbarkeit wandelt

Der historische Hintergrund, wie von Sakdapolrak erläutert: Frühe Denker stuften Teile der Welt hauptsächlich aufgrund des Klimas und der Geografie als bewohnbar oder nicht bewohnbar ein. Aber mit der Weiterentwicklung unseres Verständnisses hat sich auch die Vorstellung von Bewohnbarkeit gewandelt. Soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Faktoren rücken dabei nun auch immer weiter in den Fokus.

Wichtig sei, dass die Lebensqualität selbst innerhalb desselben Ortes stark variiere. Verschiedene Menschen nehmen einen Ort je nach ihrem sozialen Status, ihren wirtschaftlichen Mitteln und ihren kulturellen Bindungen unterschiedlich wahr und erleben ihn unterschiedlich. Was für eine Gruppe eine raue Umgebung sein mag, kann für eine andere Gruppe ein Zuhause sein. Orte seien auch global miteinander verbunden – Sakdapolrak nennt als Beispiel Dubai. Es floriere in einer Wüste aufgrund globaler Ströme von Ressourcen, Arbeitskräften und Wissen und zeige, wie Verbindungen zwischen Orten die Lebensqualität beeinflussen.

Der Wissenschaftler erörtert die Komplexität von Migration und Vertreibung im Zusammenhang mit sich verändernden Umweltbedingungen. Er betont, dass Migration keine unvermeidliche oder einfache Reaktion auf ökologische Herausforderungen ist. Die Entscheidungen der Menschen würden von vielen Faktoren beeinflusst, und viele entscheiden sich trotz der Schwierigkeiten dafür, zu bleiben. Die Politik müsse diese Realitäten respektieren und das Recht der Gemeinschaften auf Verbleib und Anpassung unterstützen, anstatt sie zur Migration zu zwingen.

Komplexität der Bewohnbarkeit anerkennen

Der Forscher mahnt auch zur Vorsicht, bestimmte Orte als „unbewohnbar” zu bezeichnen, ohne die Stimmen der dort lebenden Menschen einzubeziehen. Solche Narrative würden die Gefahr bergen, koloniale Einstellungen fortzusetzen und lokales Wissen zu ignorieren. Um die Bewohnbarkeit zu verstehen, müsse man stattdessen den betroffenen Gemeinschaften zuhören und neben wissenschaftlichen Daten auch ethische und machtpolitische Dimensionen berücksichtigen.

Sakdapolrak ruft in seinem Vortrag dazu auf, die ganze Komplexität der Bewohnbarkeit anzuerkennen. Es handele sich um eine sich entwickelnde Beziehung zwischen Menschen und Orten, die von der Umwelt, der Gesellschaft und globalen Verbindungen geprägt sei. Für Forschende, politische Entscheidungspersonen und alle, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels befassen, bedeute dies, über einfache Modelle hinauszugehen und differenzierte, integrative Ansätze zu verfolgen, die die Vielfalt menschlicher Erfahrungen in einer sich verändernden Welt anerkennen.

Diese Perspektive vertiefe nicht nur das wissenschaftliche Verständnis, sondern fördere auch gerechtere und wirksamere Antworten auf eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit.

Text: Mona Hinrichs

Kommende Vorträge im Überblick

  • 19. November 2025: Facundo Martín (Nationale Universität von Cuyo in Mendoza, Argentinien) spricht über Landveränderungspolitik und Nachhaltigkeit,
  • 3. Dezember 2025: Maya Dania (School of Social Innovation, Mae Fah Luang Universität, Thailand) spricht über toxische Lebensräume und feministische Zukunftsvisionen,
  • 17. Dezember 2025: Anja Faße (TU München, Deutschland) spricht über Nachhaltigkeit und Resilienz im globalen Süden,
  • 7. Januar 2026: Martina Padmanabhan (Universität Passau, Deutschland) spricht über feministische politische Ökologie in Indien und Indonesien,
  • 21. Januar 2026: João de Deus Vidal Junior (Universität Leipzig, Deutschland) spricht über die Relevanz tropischer Gebirge und
  • 4. Februar 2026: Maan Barua (Universität Cambridge, UK) spricht über die sozialen und ökologischen Auswirkungen von Plantagen.

Die Vorträge finden jeden zweiten Mittwoch in der Innstr. 25, Gebäude Philosophicum, in Hörsaal 3 statt. Weitere Informationen und ausführliches Programm

Prof. Dr. Martina Padmanabhan

forscht zu nachhaltigen Institutionen

Welche Chancen und Probleme birgt Digitalisierung für Benachteiligte?

Welche Chancen und Probleme birgt Digitalisierung für Benachteiligte?

Prof. Dr. Martina Padmanabhan ist seit 2012 Inhaberin des Lehrstuhls für Vergleichende Entwicklungs- und Kulturforschung mit Fokus auf Südostasien. Sie leitet die sozial-ökologische Nachwuchsforschungsgruppe BioDIVA am Institut für Umweltplanung der Leibniz-Universität Hannover und ist Mitglied in der Arbeitsgruppe „Nachhaltige, transformative und zirkuläre Bioökonomie“ des Deutschen Komitees für Nachhaltigkeitsforschung.

Bluesky

Beim Anzeigen des Videos wird Ihre IP-Adresse an einen externen Server (Vimeo.com) gesendet.

Video anzeigen