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"Wissen made in Germany, Profit made abroad"

Prof. Dr. Carolin Häussler ist stellvertretende Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), die das Jahresgutachten 2026 an die Bundesregierung übergeben hat. Im Video-Interview erklärt sie, warum Deutschland das Potenzial aus seiner eigenen Forschung nicht besser nutzt und wie das zu ändern ist.

Blick in ein Forschungslabor. Symbolbild: Colourbox

Prof. Dr. Carolin Häussler ist Inhaberin des Lehrstuhls für Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship an der Universität Passau und stellvertretende Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) mit Sitz in Berlin. Diese leistet wissenschaftliche Politikberatung für die Bundesregierung und legt jährlich ein Gutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands vor. Im Video-Interview verrät die Innovationsökonomin, wie sie die Hightech Agenda der Bundesregierung bewertet, wo die Schwächen im deutschen Innovationssystem liegen und warum Forschung und Innovation Sicherheitsfaktoren für Deutschland und Europa sind.

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Die EFI Kommission bei der Übergabe des Jahresgutachtens 2026 an Bundeskanzler Friedrich Merz: Guido Bünstorf (v.l.), Joachim Henkel, Dorothee Bär, Irene Bertschek, Friedrich Merz, Carolin Häussler, Christoph M. Schmidt, Friederike Welter. Foto: Linda Köhler-Sandring

Mit welchen Themen beschäftigt sich das EFI-Gutachten 2026? 

Prof. Dr. Häussler: Im ersten Teil des Gutachtens ordnen wir die wirtschaftliche Lage und Leistungsfähigkeit des Forschungs- und Innovationssystems ein und beurteilen konkrete Vorhaben wie die Hightech Agenda Deutschland, das 10. Rahmenprogramm der EU-Kommission, das 28. Regime – einen neuen EU-Rechtsrahmen zur Stärkung des EU-Binnenmarkts –, und wir befassen uns angesichts der derzeitigen Bedrohungslage mit sicherheitsrelevanter Forschung und Innovation. 

Im zweiten Teil richten wir mit Schwerpunktkapiteln den Blick auf drei konkrete Themen. Im Gutachten 2026 sind dies: 

  • der Mittelstand, dem rund 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland angehören und der einen bedeutenden Beitrag zur Innovationsstärke der gesamten Wirtschaft leistet.
  • die Universitäten und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAWs), aus deren Forschung neue und bahnbrechende Ideen mit hohem Innovationspotenzial entstehen können, 
  • die künstliche Intelligenz, deren dynamische technologische Entwicklung in Kombination mit ihren umfassenden Anwendungsmöglichkeiten hohe Innovations- und Wachstumspotenziale birgt. 

Wie bewerten Sie die Hightech Agenda Deutschland der Bundesregierung?

Ich hoffe auf den großen Wurf. Sie ist allemal ein starkes Signal für die Priorität von Forschung und Innovation und den Fokus auf ausgewählte Schlüsseltechnologien. 
In der EFI-Kommission haben wir die Schlüsseltechnologien analysiert, die die Hightech Agenda priorisiert, darunter etwa Künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Mikroelektronik, sowie klimaneutrale Energieerzeugung. Unsere Analysen zeigen: Die Herausforderungen für Deutschland liegen weniger in der Forschung, da stehen wir gut da, als vielmehr in der Anwendung. Das ist ein Hinweis auf eine Transferschwäche im deutschen Innovationssystem, also wie Forschungserkenntnisse in die Anwendung kommen. 

Welche Rolle spielen Hochschulen für die Innovationsstärke Deutschlands?

Es gibt viele Beispiele, wie innovative Technologien aus universitären Forschungslaboren heraus kommerziell erfolgreich geworden sind – so wie die mRNA-Technologie, die maßgeblich zur schnellen Entwicklung von COVID-19-Impfstoffen beigetragen hat. Exzellente Forschung kann also ein zentraler Erfolgsfaktor für die Innovationsstärke sein.

Sehr erfreulich ist – und das zeigt unser Gutachten –, dass an Deutschlands Hochschulen – insbesondere an Universitäten – exzellente Forschung betrieben wird, die heute deutlich relevanter für weltweite Innovation ist als noch vor einigen Jahren.

Das hier entstandene Wissen wird zu einem erheblichen Teil woanders verwertet. Das ist ein bisschen wie - "Wissen made in Germany – aber Profit made abroad". 

Aber – wir heben das Potenzial nicht. Deutsche Erkenntnisse werden deutlich seltener in Patenten aufgegriffen als US-amerikanische. Trotz des hohen Potenzials sind forschungsbasierte akademische Gründungen sowie Patentanmeldungen aus Hochschulen sogar zuletzt rückläufig. Zudem geht ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen Erträge aus dieser Forschung ins Ausland. Kurzum: Das hier entstandene Wissen wird zu einem erheblichen Teil woanders verwertet. Das ist ein bisschen wie - "Wissen made in Germany – aber Profit made abroad". 

Das klingt nach einer verpassten Chance. Warum kann Deutschland die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht besser für Innovation nutzen? 

Es gibt mehrere Ursachen. Zum einen sind die Transferstrukturen an vielen Hochschulen zu wenig professionell und unzureichend ausgestattet. Zum anderen fehlen Karriereanreize für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um sich im Transfer zu engagieren - bei Karriereentscheidungen kommt es immer noch zuerst auf Veröffentlichungen in Zeitschriften oder eingeworbene Drittmittel an. Besonders problematisch sind aber die oft monatelangen Verhandlungen über geistiges Eigentum zwischen Hochschulen und Gründern. Diese Verzögerungen können dazu führen, dass Transfer und auch Gründungen scheitern, bevor sie überhaupt starten.

Was müsste sich ändern, damit unsere Hochschulen ihr Innovationspotenzial besser ausschöpfen können? 

Wir schlagen eine Initiative Transferzeit vor. Zeit ist in mehrfacher Hinsicht kritisch für Innovation – insbesondere im globalen Innovationswettlauf. Die Transferzeit-Initiative soll gezielte Freiräume geben, um sich auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis oder auf die Gründung von Start-ups konzentrieren zu können. 
Eng in Zusammenhang mit "Zeit" stehen die Hürden im Umgang mit geistigem Eigentum. Derzeit dauern Verhandlungen über dementsprechende Rechte zwischen Hochschulen und Gründerinnen oder Unternehmen oft Monate – das bremst Innovation aus und führt dazu, dass Ideen im schlimmsten Fall gar nicht umgesetzt werden. Wir brauchen hier dringend Verfahren, die schneller und flexibler sind. Dabei sollten auch klare Leitlinien für eine faire Aufteilung von Rechten und Erträgen etabliert werden, die allen Beteiligten –den Hochschulen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie den Unternehmen – Planungssicherheit geben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die lückenhafte Förderkette von der Grundlagenforschung zur Verwertung. In dieser Phase fehlt es an gezielter Unterstützung. Programme können hier helfen, gezielt die Lücke zwischen öffentlich geförderter Forschung und marktfähigen Innovationen zu schließen. Letztlich gilt aber auch: Transfer muss gelebt werden an den Hochschulen und als Daueraufgabe von allen verstanden werden. 

Wie steht es um die künstliche Intelligenz in Deutschland?

Unsere Analysen zeigen auch hier: Deutschland und die Europäische Union bleiben trotz starker Forschungsbasis bei der wirtschaftlichen Nutzung von KI hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das ist gefährlich, denn damit drohen wir, dauerhaft in Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern zu geraten. 
Unsere Empfehlungen gehen hier ganz klar in die Richtung: Ob KI-Modell, Recheninfrastruktur oder Daten,zur Stärkung der digitalen Souveränität ist dringend erforderlich, zentrale Elemente der KI-Wertschöpfung in Europa zu verankern und sicherheitsrelevante Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern zu reduzieren.

Wie kann sicherheitsrelevante Forschung und Innovation gestärkt werden, damit wir der neuen Bedrohungslage gerecht werden?

Die Bedrohungslage ist tatsächlich komplexer und akuter denn je. Wir sprechen von sogenannten hybriden Bedrohungen, die nicht nur militärische Gefahren umfassen, sondern auch Cyberangriffe, wirtschaftlichen Druck und gezielte Desinformation – vor allem über soziale Medien. 

Es gilt, strategisch und technologisch besser als diejenigen aufgestellt zu sein, die uns bedrohen, damit wir abschrecken und uns im Ernstfall verteidigen können. Es geht also hier durchaus um technologische Führerschaft.  

Diese Herausforderungen erfordern nicht nur schnelle, sondern auch strategisch durchdachte Antworten. Den Bedrohungen kann am besten durch Innovation begegnet werden. Es gilt, strategisch und technologisch besser als diejenigen aufgestellt zu sein, die uns bedrohen, damit wir abschrecken und uns im Ernstfall verteidigen können. Es geht also hier durchaus um technologische Führerschaft.  

Als Kommission, die das Thema aus dem Blick der Forschung- und Innovationsbrille betrachtet, sind drei zentrale Punkte wichtig: Erstens muss die sicherheitspolitische Strategiefähigkeit erhöht werden. Die Politik muss in einem Umfeld sich wandelnder Bedrohungslagen informiert und strategisch handeln können. Sie muss auf Expertise zurückgreifen können – und dazu sollte die sicherheitspolitische relevante Forschung und Lehre gestärkt werden – insbesondere sollte der ein oder andere wissenschaftliche Leuchtturm geschaffen bzw. ausgebaut werden, der sich auf sicherheitspolitisch relevante Themen spezialisiert und dieses Wissen in die Politik transferiert.

Zweitens muss der Kreis der Akteure im Verteidigungsbereich erweitert werden. Es reicht nicht, auf etablierte Akteure zu setzen. Neue Akteure – wie Start-ups, interessierte Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen müssen stärker eingebunden und mit der Truppe vernetzt werden, um innovative Lösungen zu fördern. Das neue Innovationszentrum der Bundeswehr am Standort Erding bei München, wo Forschung, Innovation und militärische Praxis zusammengebracht werden, klingt vielversprechend.

Drittens: Die innovationsorientierte Beschaffung von Verteidigungsgütern muss gelingen. Hier liegt Potenzial brach.

Was ist mit innovationsorientierter Beschaffung gemeint und was muss sich ändern?

Die ehemalige Wehrbeauftragte Eva Högl brachte es treffend auf den Punkt: „Innovative Lösungen finden oft keinen Weg durch die bestehenden Strukturen.“ Genau das gilt es zu ändern. Wir empfehlen die Einrichtung eines eigenständigen Arms innerhalb des Beschaffungsamts der Bundeswehr, der für die Beschaffung innovativer Lösungen zuständig ist und dementsprechend sehr innovationsfördernd agiert mit hohem Maß an Freiheit und positiver Fehlerkultur. 

Eine Innovationsquote könnte sicherstellen, dass ein fester Anteil der Mittel gezielt im Rahmen innovationsorientierter Beschaffungsinstrumente zu verausgaben ist. Das verleiht der innovativen Beschaffung Nachdruck. Die Quote könnte zeitlich befristet sein.

Gerade im Verteidigungsbereich sind Sprunginnovationen von zentraler Bedeutung – Deutschland muss hier technologisch vorne mitspielen. Um Sprunginnovationen voranzutreiben, sollten sie außerhalb der klassischen Beschaffungsstrukturen gefördert werden – beispielsweise durch den Ausbau der Agentur für Sprunginnovationen oder der Gründung einer eigenständigen Agentur. Diese könnte strategische Partnerschaften mit anderen EU- und NATO-Staaten eingehen und langfristig möglicherweise zu einer europäischen Innovationsagentur ausgebaut werden.

Prof. Dr. Carolin Häussler

Prof. Dr. Carolin Häussler

forscht zu Zusammenarbeit und Innovation

Wie können wir die Innovationskraft fluider Organisationen nutzen und stärken?

Wie können wir die Innovationskraft fluider Organisationen nutzen und stärken?

Prof. Dr. Carolin Häussler ist seit 2011 Inhaberin des Lehrstuhls für Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship und DFG-Vertrauensdozentin an der Universität Passau. Sie ist außerdem Projektleiterin im DFG-Graduiertenkolleg 2720: "Digital Platform Ecosystems (DPE)" an der Universität Passau. Sie ist Mitglied der Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung. Mit dem International Center for Economics and Business Studies lockt sie Forscherinnen und Forscher aus aller Welt nach Passau.

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Bluesky

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