Wer eine Milliarde Probleme löst, wird Milliardär. Ein Gast des DPE Forum 2026 wirft dieses Zitat in die Runde und fragt: Gilt diese Formel noch? In Zeiten des ersten Tech-Billionärs, der Meinungsmacht anhäuft und demokratische Prozesse beeinflusst?
Das Urteil der Teilnehmenden auf dem Podium im IT-Zentrum an der Universität Passau ist gespalten. Professor Hemant K. Bhargava von der University of California, Davis, erinnert an die Anfänge des Silicon Valley. Damals stand tatsächlich das Problemlösen im Zentrum. Oder an das alte Google-Motto: „Don’t be evil“, sei nicht böse. Wenn digitale Plattformen aber um des Profits willen Schäden in Kauf nehmen, sagt Bhargava, dann müsse Regulierung eingreifen. Europa sei hier viel weiter als die USA.
Um Entwicklung, Macht und Regulierung digitaler Plattformen ging es beim DPE Forum 2026, das am 15. und 16. Juni an der Universität Passau und in der Passauer Redoute stattfand. Die Konferenz ist das öffentliche Flaggschiff des DFG-Graduiertenkollegs 2720 „Digital Platform Ecosystems“ (DPE). Seit 2022 erforscht dort der wissenschaftliche Nachwuchs die Entwicklung digitaler Plattformen aus verschiedenen Disziplinen. Das diesjährige Leitmotiv: „Kritische Perspektiven auf digitale Plattform-Ökosysteme: Steuerung, Einfluss und Folgen.“
Aftermovie mit Einblicke in die Themen der Nachwuchsforschenden:
Zwei Tage lang diskutierten die Forschenden, wie Plattformen unsere Wirtschaft und Gesellschaft prägen – und wie sie gesteuert werden sollten. Maßgeblich mitorganisiert haben das Forum die Kollegiatinnen und Kollegiaten des Graduiertenkollegs. Sie bekamen die Gelegenheit, ihre Themen in Vorträgen und Postersessions zu präsentieren. Das Ziel: Feedback und Kritik aus der Community, besonders von erfahrenen Forschenden einzuholen.
Die Themen zeigten die Breite der Forschung: Darunter war ein Rahmenwerk für Social-Media-Plattformen, das Risiken für Kinder und Jugendliche einschätzt. Oder eine Studie zur Cannabis-Industrie, um zu untersuchen, wie Plattformen soziale Stigmata verändern. Oder die Wirkung von Negativ- und Positivbewertungen auf die Kundschaft von digitalen Plattformen. Im Video verraten die Doktorandinnen Sonja Herrmann, Verena Kummer und Sarah ben Messaoud mehr zu ihrer Forschung.
Kluge Steuerungsmechanismen und Mittel der Diplomatie
Dem Organisations-Team war es gelungen, prominente Keynote-Speaker nach Passau zu holen. In der Passauer Redoute zog Professor Bhargava Bilanz zu zwei Jahrzehnten Plattform-Entwicklung, zu Erfolgen, Schäden und ungelösten Machtfragen.
In seiner Keynote präsentierte er auch eine Lösung: Eine attention tax – eine Aufmerksamkeitssteuer. „Besteuert Aufmerksamkeit, sammelt die Erlöse und gebt sie den Nutzenden zurück“, fordert er. Weg von den kostenfreien Angeboten, hin zu guten Bezahlplattformen, denn: „Wenn Plattformen mit solchen Bezahlprodukten konkurrieren müssen, mäßigen sie sich automatisch.“
Einblicke in Verhandlungen zu globalen Regulierungsstrategien gab Dr. Tawfik Jelassi. Er ist stellvertretender Generaldirektor für Kommunikation und Information bei der UNESCO und leitet dort die Programme zur digitalen Transformation, Meinungsfreiheit und ethischen KI-Steuerung. Während die EU Verstöße bestrafen kann, bleibt der UNESCO nur die Diplomatie. „Es gilt, alle Stakeholder an einen Tisch zu bekommen“, sagte er.
Als Meta Elon Musks Politik folgte und Faktenprüfung abschaffte, war das für Jelassi ein Signal zum Handeln. Die Verbreitung von Falschinformationen sei nicht mit dem UNESCO-Ziel des freien Zugangs zu Informationen vereinbar. Er stieß ein Beteiligungsverfahren mit vielen betroffenen Gruppen an, darunter auch Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft und der Tech-Unternehmen. Am Ende des zweijährigen Verhandlungsmarathons standen die „UNESCO Guidelines for the Governance of the Digital Platforms“. Eingeflossen sind mehr als 10.000 Beiträge aus 130 Ländern.
Wie er es schaffe, die Beteiligten bei solch strittigen Themen an einen Tisch zu bringen, wollte DPE-Doktorandin Sally Boyani Mokaya wissen. Sie forscht zu Politikdiskursen in der Plattformregulierung. Es sei leichter, sagt Jelassi, wenn die Verhandlungen in Präsenz stattfinden. In Kaffeepausen könne er mit Vertreterinnen und Vertretern widerwilliger Länder ausloten, wie sie ihre Schmerzpunkte überwinden.
Helfen dürften ihm dabei seine Erfahrungen aus beiden Welten – der Wissenschaft und der Politik. Jelassi wurde in seiner Karriere immer wieder auf prominente Ämter berufen, etwa als Minister in der demokratischen Übergangsregierung in Tunesien. Die Wissenschaft sei der einzige Bereich, für den er sich bewusst entschieden habe. „Die Freiheit der Wissenschaft ist großartig. Diese Freiheit finden Sie nirgendwo sonst.“
Interdisziplinäre Forschung mit globalem Blick
Das DPE Forum biete die Gelegenheit, globale Perspektiven zusammenzubringen, betont Jelassi – aus dem Norden wie aus dem Süden. "Für mich ist es eine großartige Gelegenheit, mich mit Doktorandinnen und Doktoranden auszutauschen und die Rolle von Wertesystemen bei der globalen Steuerung und Regulierung digitaler Plattformen zu ermitteln, mit dem Ziel, diese zu einer echten Kraft für das Gute zu machen“, sagt er.
Das DFG-Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems“ (DPE) wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Es ist die weltweit größte Forschungsgruppe zur Plattformökonomie, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften, und prägt das strategische Forschungsprofilfeld „Digitale Plattformen“ der Universität Passau. Das Besondere an der Gruppe: „Wir untersuchen digitale Plattform-Ökosysteme aus einer wirklich interdisziplinären Perspektive“, sagt Sprecher Professor Andreas König. Hinzu komme der globale Blick: „Unser Fokus liegt dabei nicht nur auf dem Norden, sondern auch auf dem Globalen Süden.“
Was aber folgt aus diesen Perspektiven für die politische Praxis?
Auf dem eingangs erwähnten Podium hat Moderator Prof. Dr. Jan Krämer an die Teilnehmenden eine knifflige Frage: Welche Politikmaßnahme sie als erstes umsetzen würden, wären sie ein wohlwollender Diktator? Prof. Dr. Carolin Häussler, Innovationsforscherin und Mitglied der EFI-Kommission, zitiert den kanadischen Premier Mark Carney, wonach wir momentan „at the menu“ sind – auf der Speisekarte, und nicht am Tisch. Ihr Wunsch: Die EU solle es schaffen, einen einheitlichen Binnenmarkt für Unternehmensgründungen umzusetzen. 450 Millionen Menschen, ein Markt. Dann, so Häussler, sei mit der EU „ein weiteres Land am Tisch“.
Wie beeinflussen digitale Plattformen Wirtschaft und Gesellschaft weltweit? Im Profilfeld "Digitale Plattformen" analysieren unsere Forschenden digitale Plattform-Ökosysteme mit Blick auf Organisation, Wertschöpfung, Wettbewerb, sozio-ökonomische Teilhabe und Regulierung. Mehr Informationen zu den Themen und Beteiligten