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Die ungewollten Folgen von Plattform-Entscheidungen

Dr. Hendrike Werwigk untersucht am DFG Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems (DPE)“, wie vermeintlich kleine Entscheidungen von Führungskräften wirkmächtige Folgen haben können.

Dr. Hendrike Werwigk untersucht am DFG Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems (DPE)“, wie vermeintlich kleine Entscheidungen von Führungskräften wirkmächtige Folgen haben können.

Ein Konzernchef trifft eine aus seiner Sicht kleine Entscheidung für sein Plattform-Unternehmen, doch diese hat Auswirkungen weit über sein Unternehmen hinaus. „Wenn zum Beispiel ein CEO beschließt, Hassrede auf einer Social-Media-Plattform zu deregulieren, entsteht dort eine andere Art von Diskurs – mit Folgen für unsere Demokratie“, erklärt Dr. Hendrike Werwigk im Video, die als Postdoktorandin zum Team des DFG-Graduiertenkollegs 2720 „Digital Platform Ecosystems (DPE)“ an der Universität Passau gehört.

Sie erforscht, was Führungskräfte bei ihren Entscheidungen nicht im Blick haben. Es geht um indirekte Auswirkungen, ungewollte Effekte, die in der Summe massive Folgen haben können. Werwigk interessiert sich für schwer Messbares, Subtiles, für vermeintliche Kleinigkeiten, die sich anhäufen und ein System zum Kippen bringen können. Oder auch nicht.

Vimeo-Video

Mit dem Abspielen des Videos stimme ich dem Verbindungsaufbau zu Vimeo und der Übermittlung personenbezogener Daten (z.B. der IP-Adresse) zu.

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Vom Klinik-Versagen zu Plattform-Unternehmen

Schwerpunktmäßig forscht Werwigk an der Schnittstelle von Management- und Organisationsforschung, insbesondere zu strategischen Führungskräften. In ihrer Dissertation hat sie sich unter anderem mit organisationalen Fehlverhalten beschäftigt, und zwar anhand eines prominenten Falls: dem institutionellen Versagen seitens der Kliniken im Umgang mit dem ehemaligen Krankenpfleger und verurteilten Serienmörder Niels Högel. Er tötete Patienten, indem er ihnen nicht verordnete Medikamente spritzte. 2019 wurde er wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch Vorgesetzte und ehemals leitende Pfleger standen vor Gericht.

Die Frage, wie es so weit kommen konnte, warum Kollegen und Vorgesetzte nicht auf Verdachtsmomente reagierten, hat sich Werwigk im Rahmen einer qualitativen Studie angeschaut. Auch hier ging es zunächst um vermeintliche Kleinigkeiten. Ein Verdacht hier, ein komisches Gefühl dort. Aber reichen ein paar vage Hinweise aus, um einen gut integrierten Kollegen mit einem solch schwerwiegenden Verdacht zu konfrontieren?

Im Krankenhaus sind es Hinweise, die ignoriert werden. Im Konzern sind es Entscheidungen, deren Wirkung unterschätzt wird. Am Passauer DFG Graduiertenkolleg richtet Werwigk ihren Blick nun auf die Menschen an der Spitze von Plattform-Unternehmen.

Suche nach verborgenen Mustern

Ihre Forschung gleicht einer Detektivarbeit. Am Anfang steht ein Phänomen, eine Intuition, eine Idee, wohin die Sache führen könnte. Dann die Spurensuche: Werwigk arbeitet mit qualitativen Methoden, wertet Dokumentationen, Medienberichte, Pressemitteilungen und Interviews aus, gräbt sich tief in ihr Thema ein. Sie sucht Muster, Prozesse, Mechanismen. „Das Schöne an qualitativen Methoden ist, dass sie ein tiefergreifenderes Verständnis eines Phänomens ermöglichen.“

Angesiedelt ist Werwigk am Lehrstuhl von Top-Management-Forscher Prof. Dr. Andreas König, der zugleich Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs ist. Ihre Arbeit ist verortet im Bereich „Innovation, Transformation und Organisation im Plattform-Ökosystem“, einem von drei Forschungsbereichen am Graduiertenkolleg. Die Projekte darin fragen nach den Folgen der Plattformökonomie für Organisationen und Management. Dass diese Fragen nicht mehr rein privatwirtschaftlich sind, sondern Folgen für Gesellschaften und demokratische Ordnungen haben, zeigt, wie dynamisch sich das Feld seit der Einrichtung des Graduiertenkollegs im Jahr 2021 entwickelt hat.

Digitale Plattformen – weit mehr als ein technisches Phänomen

Umso vorausschauender erweist sich der Passauer Ansatz, das Thema aus dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen anzugehen. Das DFG-Graduiertenkolleg vereint Forschende der Wirtschaftsinformatik, der Betriebswirtschaftslehre, der Volkswirtschaftslehre und der Kommunikationswissenschaft – und ist damit die weltweit größte Forschungsgruppe zur Plattformökonomie, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften. Für Werwigk ist diese Vielfalt der Disziplinen entscheidend: „Plattformen sind ein technologisches, organisatorisches, aber auch politisches und gesellschaftliches Phänomen.

Dass die Zusammenarbeit der Forschenden aus den verschiedenen Disziplinen überhaupt gelingt, hat Werwigk zufolge einen Grund, der über die gut organisierte Zusammenarbeit hinausgeht. Die „geheime Zutat“ des Kollegs sei der „DPE-Spirit“: „Die Gruppe hält wirklich zusammen, treibt gemeinsam die Forschungsthemen voran – und die Zusammenarbeit macht einfach großen Spaß.“

Prof. Dr. Andreas König

Prof. Dr. Andreas König

forscht zu organisationalem Wandel und Kommunikation von Führungskräften

Wie reagieren etablierte Organisationen und deren Führungskräfte auf digitale Transformation?

Prof. Dr. Andreas König ist Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Strategisches Management, Innovation und Entrepreneurship sowie Sprecher des DFG-Graduiertenkolleg 2720: "Digital Platform Ecosystems (DPE)" an der Universität Passau. Seine Forschungsergebnisse werden in weltweit führenden wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, darunter das Administrative Science Quarterly, der Academy of Management Review und Research Policy.

DFG-Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems“ (DPE)

Das DFG-Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems“ (DPE) vereint Forschende aus der Wirtschaftsinformatik, der Betriebswirtschaftslehre, der Volkswirtschaftslehre und der Kommunikationswissenschaft. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Kolleg ist die weltweit größte Forschungsgruppe zur Plattformökonomie, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften. Es prägt das strategische Forschungsprofilfeld „Digitale Plattformen“ der Universität Passau.

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