Was tun, wenn das nächste Krankenhaus drei Stunden entfernt ist und man nicht sicher ist, ob der Husten einen Arztbesuch rechtfertigt? Für Millionen Menschen in ländlichen Regionen Subsahara-Afrikas ist diese Frage Alltag. Laura Stock, Doktorandin am Graduiertenkolleg „Digital Platform Ecosystems“ der Universität Passau, will herausfinden, ob ein Mobiltelefon die Antwort sein kann, also ob Telemedizin die Gesundheitsversorgung in diesen Regionen tatsächlich verbessert.
Vor wenigen Wochen flog die Forscherin in den Norden Togos, um dort Haushaltsbefragungen durchzuführen. Wie suchen die Menschen derzeit medizinische Hilfe? Wie stehen sie der Idee der Telemedizin gegenüber? Und vor allem: Haben sie überhaupt die technischen Voraussetzungen dafür – Internetzugang, ein Mobiltelefon?
Stock gehört zu den Doktorandinnen und Doktoranden am DFG Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems“ (DPE) an der Universität Passau. Es untersucht digitale Plattformen interdisziplinär – nicht nur aus technologischer Perspektive, sondern etwa auch mit Blick auf Risiken und Chancen digitaler Plattformen im Globalen Süden.
Subsahara-Afrika: Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung
„Die Gesundheitssysteme in vielen Ländern Subsahara-Afrikas sind durch Angebots- und Nachfrageprobleme gekennzeichnet“, erklärt Stock im Video. „Die Wege zu einer Behandlungsstelle sind oft sehr, sehr lang. Die Patientinnen und Patienten müssen stundenlang reisen, lange warten. Das medizinische Personal ist häufig überlastet und nicht ausreichend qualifiziert, um komplexe Probleme zu behandeln.“ Hinzu komme mangelndes Wissen: Patientinnen und Patienten wissen nicht, wann sie die lange Reise zum Arzt von manchmal mehreren Stunden auf sich nehmen sollten.
Hier kommen die Plattformen ins Spiel. „Über digitale Plattformen kann man beispielsweise Fernversorgung anbieten“, sagt Laura Stock. „Man kann mit Medizinerinnen und Medizinern anderorts sprechen. Denkbar wäre auch, dass Regierungen diese für Informationskampagnen nutzen, die vielleicht kosteneffizienter sind als herkömmliche Methoden.“
Ergebnisse und Impressionen aus Togo
Laura Stock bei ihrem Aufenthalt in Bassar im nördlichen Togo, zusammen mit lokalen Partnerinnen und Partnern. Fotos: Benjamin Koffi
Die Daten von ihrem Aufenthalt in Togo hat Stock inzwischen ausgewertet. Die Ergebnisse sind vielversprechend – nicht nur, was die technische Ausstattung betrifft. Die Menschen stehen der Telemedizin offen gegenüber. Das ist keine Selbstverständlichkeit in Regionen, in denen medizinisches Vertrauen oft an persönliche Begegnungen geknüpft ist.
Für Laura Stock hatte der Aufenthalt in Togo eine vorbereitende Funktion zu einem aufwändigeren Experiment. Die Forscherin arbeitet mit sogenannten Randomised Controlled Trials (RCT) – randomisierten kontrollierten Studien. Bei diesem Verfahren der evidenzbasierten Forschung teilt man die Teilnehmenden per Zufall in Gruppen auf. Die eine Gruppe erhält die Intervention – in diesem Fall Zugang zur Telemedizin –, die andere dient als Kontrollgruppe und wird weiterhin traditionell versorgt. Indem man die Entwicklung beider Gruppen über einen längeren Zeitraum vergleicht, lässt sich nachweisen, ob eine Veränderung tatsächlich auf die Intervention zurückzuführen ist. Erst aus diesen Daten kann Stock dann ablesen, ob die digitale Versorgung den Gesundheitszustand der Menschen tatsächlich verbessert.
Vielfalt der Disziplinen als Stärke
Stocks Doktorvater ist der Passauer Entwicklungsökonom Prof. Dr. Michael Grimm. Er bringt langjährige Erfahrungen mit solchen Experimenten mit. So hat ein Team unter seiner Leitung untersucht, ob sich Social-Media-Kampagnen zu Diabetes eignen, um in Indonesien Risikopatientinnen und -patienten ausfindig zu machen. Das Ergebnis: Solche Kampagnen können eine kostengünstige und effiziente Möglichkeit sein, um Fälle zu entdecken, die andernfalls unerkannt geblieben wären.
Auch an dieses Projekt knüpft Stock in ihrer Doktorarbeit an: Gemeinsam mit Forschenden des Kenya Medical Research Institute und der University of Minnesota untersucht sie, ob Informationskampagnen auf Dating Apps Anreize für Risikogruppen setzen können, sich auf HIV oder sexuell übertragbare Infektionen testen zu lassen.
Was Laura Stock an ihrer Angliederung im Graduiertenkolleg besonders schätzt, ist die Vielfalt der Disziplinen. „Es ist großartig, weil hier Personen aus so vielen verschiedenen Fachrichtungen zusammenkommen“, sagt sie. „Wenn ich jemanden brauche, der mit Google Ads arbeitet, frage ich meinen Kollegen, der genau das erforscht. Es ist fantastisch, diese Informationen immer an der Hand zu haben und sich mit anderen auszutauschen, die vielleicht nicht aus der VWL kommen.“
Das DFG-Graduiertenkolleg 2720 „Digital Platform Ecosystems“ (DPE) vereint Forschende aus der Wirtschaftsinformatik, der Betriebswirtschaftslehre, der Volkswirtschaftslehre und der Kommunikationswissenschaft. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Kolleg ist die weltweit größte Forschungsgruppe zur Plattformökonomie, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften. Es prägt das strategische Forschungsprofilfeld „Digitale Plattformen“ der Universität Passau.