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Deutsche Staatsbürgerschaft reduziert Jugendkriminalität

Der Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft durch Geburt senkt die Kriminalität unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dies zeigt eine neue Studie der Universität Passau und des ifo Instituts zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000.

Der Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft durch Geburt senkt die Kriminalität unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dies zeigt eine neue Studie der Universität Passau und des ifo Instituts zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000.

Wenn Jugendkriminalität in die öffentliche Debatte rückt, fordern Politikerinnen und Politiker häufig ein härteres Durchgreifen und strengere Strafen. Eine Studie von Ökonominnen und Ökonomen aus Passau, München und San Diego richtet nun den Blick auf eine bislang wenig beachtete Maßnahme zur präventiven Verringerung der Jugendkriminalität: die Staatsbürgerschaft bei Geburt.

Die Forschenden analysieren dazu die Wirkung der Reform des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts im Jahr 2000. Seitdem erhalten in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft nach dem Geburtsortsprinzip, sofern mindestens ein Elternteil seit acht Jahren in Deutschland lebt. Vor 2000 erwarben nur Kinder mit mindestens einem deutschen Elternteil die Staatsbürgerschaft bei Geburt.

Frühere Integration, weniger Kriminalität

Das zentrale Ergebnis der Studie, an der Prof. Dr. Stefan Bauernschuster von der Universität Passau beteiligt war: Jugendliche der zweiten und dritten Migrantengeneration, die durch die Reform von Geburt an einen deutschen Pass besaßen, wurden später im Jugendalter rund 70 Prozent seltener als Tatverdächtige registriert als vergleichbare Jugendliche ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt bei Eigentums- und Drogendelikten.

Die Autoren sprechen sich deshalb für eine „frühestmögliche Integration“ aus. „Unsere Analyse zeigt, dass frühzeitige Interventionen, wie etwa die Verleihung der Staatsbürgerschaft bei Geburt, Jugendkriminalität wirksam reduzieren können, indem sie Chancen, Zugehörigkeit und Vertrauen stärken“, sagt der Passauer Ökonom Prof. Dr. Bauernschuster.

Staatsbürgerschaft schafft Perspektiven

Den Forschenden zufolge liegt der Grund für den deutlichen Effekt unter anderem in besseren Bildungswegen und Arbeitsmarktperspektiven, die die Staatsbürgerschaft durch Geburt eröffne. Frühere Studien zeigen, dass durch die Einführung des Staatsbürgerschaftsrechts bei Geburt die schulischen Leistungen von Kindern mit Migrationshintergrund gestiegen sind. Durch den besseren Zugang zu Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche kriminell werden.

Methode und Datengrundlage

Der Studie liegen Einzeldaten zu mehr als 120 000 Kriminalitätsfällen mit jugendlichen Tatverdächtigen aus Baden-Württemberg, Hessen und Berlin zugrunde, die um den Reformstichtag herum geboren wurden. Diese Regionen eignen sich besonders gut, weil sie hohe Migrantenanteile haben und damit viele von der Reform betroffene Jugendliche umfassen. Der Datensatz beinhaltet unter anderem detaillierte Informationen zur Art der Straftat, zur Tatzeit, zum Tatort sowie zum Geburtsmonat, Geschlecht und zur Nationalität der erfassten Tatverdächtigen.

Unsere Analyse zeigt, dass frühzeitige Interventionen, wie etwa die Verleihung der Staatsbürgerschaft bei Geburt, Jugendkriminalität wirksam reduzieren können, indem sie Chancen, Zugehörigkeit und Vertrauen stärken.
Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Universität Passau

Den Forschenden ist es gelungen, zwischen dem Staatsbürgerschaftsrecht und der Verringerung der Jugendkriminalität einen ursächlichen Zusammenhang festzustellen, indem sie deutsche und nicht-deutsche Tatverdächtige vergleichen, die kurz vor und kurz nach dem Reformstichtag geboren wurden. Sie schließen aus, dass die Effekte rein dadurch zustandekommen, dass die Polizei ihr Meldeverhalten verändert.

Die Studie „Birthright Citizenship and Crime“ erscheint in der Reihe “Papers and Proceedings” der „American Economic Association“, der führenden wissenschaftlichen Gesellschaft für Wirtschaftswissenschaften in den USA. Davor wurde sie unter anderem bei CESifo als Working Paper publiziert. Das Münchner ifo Institut veröffentlichte die Erkenntnisse im aktuellen ifo Schnelldienst.

Über die Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau, Projektleiter im DFG-Graduiertenkolleg 2720 "Digital Platform Ecosystems" und Forschungsprofessor am ifo Institut München.

Prof. Helmut Rainer, PhD, leitet das ifo Zentrum für Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsökonomik am Münchner ifo Institut.

Leander Andres ist Doktorand am ifo Zentrum für Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsökonomik.

Prof. Dr. Gordon B. Dahl ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California in San Diego, USA.

Dr. Simone Schüller ist wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in München.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

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Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist seit 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau sowie Projektleiter im DFG-Graduiertenkolleg 2720. Er ist Forschungsprofessor am ifo Institut München, Research Fellow des CESifo Netzwerks, Research Fellow des IZA Bonn und Mitglied des Ausschusses für Sozialpolitik beim Verein für Socialpolitik.

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