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Prävention wirkt: Wie Schulsozialarbeit Jugendkriminalität senkt

Die Ökonomin Katharina Drescher von der Universität Passau zeigt in einer neuen Studie, dass Schulsozialarbeit nicht nur positive Bildungseffekte hat, sondern auch die Jugendkriminalität reduziert.

Schulsozialarbeit sorgt für ein besseres soziales Klima an Schulen. Symbolbild: Colourbox

Nach Amokläufen an Schulen in den USA folgen oft reflexhafte Debatten über Waffengesetze – nicht selten mit der Konsequenz, dass noch mehr Waffen in Umlauf kommen.

Im Jahr 2009 schockierte der Amoklauf von Winnenden ganz Deutschland. Baden-Württemberg reagierte darauf, indem es die präventive Sozialarbeit erheblich ausweitete. Es erhöhte die Zahl der Fachkräfte an Schulen in diesem Bereich um mehr als das Doppelte.

Katharina Drescher, Ökonomin am Lehrstuhl für Public Economics an der Universität Passau, hat untersucht, wie sich diese Maßnahme auf Jugendkriminalität und Bildung auswirkt. Anhand einer Beispielschule mit 1000 Schülerinnen und Schülern berechnet sie, welche Effekte eine zusätzliche Fachkraft hätte:

  • Deutliche Reduktion von Jugendkriminalität: Die Jugendkriminalität würde um durchschnittlich 17 Prozent pro Jahr sinken. Dieser Effekt hängt nicht von Geschlecht oder Migrationshintergrund der Jugendlichen ab und ist in sozial benachteiligten Regionen besonders stark.
  • Deutliche Senkung von Gewaltdelikten: Eine noch stärkere Wirkung stellt die Forscherin bei schweren Gewaltdelikten fest. Hier würde eine zusätzliche Fachkraft die Fälle um rund 25 Prozent reduzieren, auch innerhalb von Familien.
  • Mehr Aufklärung bei sexualisierter Gewalt: Schulsozialarbeit deckt Opfer von sexuellen Übergriffen auf, die Meldequoten steigen um 24 Prozent, weil Betroffene eher Hilfe suchen.
  • Bessere Bildungschancen: Eine zusätzliche Kraft reduziert die Wahrscheinlichkeit von Klassenwiederholungen um etwa 10 Prozent.
The graph shows that increases in school social work lead to a decline in youth crime – not only in the same year, but also in the longer term.

Die Grafik zeigt, dass Erhöhungen der Schulsozialarbeit zu einem Rückgang von Jugendkriminalität führen – und zwar nicht nur im gleichen Jahr, sondern auch längerfristig. Der fehlende Effekt im negativen Zeitraum dient als Validitätstest und spricht dafür, dass die beobachteten Rückgänge nicht durch andere Faktoren erklärt werden.

Das Konzept der Schulsozialarbeit setzt auf professionelle sozialpädagogische Tätigkeit. Die  Fachkräfte agieren als Vertrauenspersonen, stärken soziale Kompetenzen, leisten Krisenhilfe oder beugen Bildungsbenachteiligung vor.

Bezogen auf den tatsächlich erfolgten Ausbau in Baden-Württemberg kommt Drescher zu dem Ergebnis, dass die zusätzlichen Fachkräfte, die nach dem Amoklauf von Winnenden insbesondere auch an Realschulen und Gymnasien eingestellt wurden, die Jugendkriminalität um durchschnittlich 2 bis 3 Prozent im Jahr gesenkt haben.

Methodik und Vorgehensweise
Drescher analysiert Kriminalitäts-, Bildungs- und Sozialarbeitsdaten aus Baden-Württemberg von 2006 bis 2018. In ihrer Studie wertet sie etwa 800 000 Straftaten von unter 19-Jährigen aus – von Diebstählen bis hin zu schwerer Gewalt – sowie regionale Statistiken zu Schulleistungen.

„In der Studie mache ich mir die regional unterschiedliche Umsetzung der Sozialarbeitsförderung nach dem Amoklauf von Winnenden zunutze“, erklärt Drescher. Die Methode ähnelt einem natürlichen Experiment: Weil der Ausbau regional unterschiedlich verlief, ließen sich die kausalen Effekte der Schulsozialarbeit isolieren; grundsätzliche Unterschiede zwischen Regionen sowie generelle Trends lassen sich mit dem Ansatz herausrechnen.

Katharina Drescher.

Katharina Drescher, Ökonomin an der Universität Passau.

Schulsozialarbeit rechnet sich
Die Ökonomin nimmt auch eine Kosten-Nutzen-Analyse vor. Demnach kostet eine zusätzliche Fachkraft pro 1000 Schüler etwa 50 000 Euro jährlich. Doch der Nutzen überwiegt: Durch weniger Kriminalität und höhere Bildungserfolge spart diese Fachkraft der Gesellschaft 110 000 Euro im Jahr. Und diese Zahl ist eher eine untere Grenze der tatsächlichen positiven Effekte: Sie berücksichtigt nämlich nicht mögliche langfristige Effekte wie bessere Berufschancen oder weniger Straftaten im Erwachsenenalter.

„Schulsozialarbeit ist mehr als nur Krisenintervention“, betont Drescher. „Sie verbessert nachweislich die Zukunftschancen junger Menschen – und entlastet dabei Gesellschaft und öffentliche Haushalte.“

Zur Person

Katharina Drescher ist Doktorandin am Lehrstuhl für Public Economics unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Bauernschuster. Sie forscht zu sozialpolitischen Maßnahmen und deren Wirkung. Ihre Studie ist eine der ersten, die den quantitativen Einfluss von Schulsozialarbeit nachweist. Bisher standen Lehrkräfte im Fokus der Bildungsforschung. Die Ergebnisse hat sie bereits mehrfach auf wissenschaftlichen Konferenzen präsentiert. Im Jahr 2024 wurde sie aufgrund dieser Arbeit mit dem Young Economist Award der Österreichischen Nationalökonomischen Gesellschaft ausgezeichnet.

Die Studie „Does School Social Work Work? The Impact of School Social Workers on Youth Crime and Education“ ist vor kurzem als Diskussionspapier im Bavarian Graduate Program in Economics erschienen. Es handelt sich dabei um eine Publikation, die noch kein Begutachtungsverfahren durchlaufen hat. Forschende nutzen Diskussionspapiere, um ihre Arbeit einem Fachpublikum zugänglich zu machen, bevor sie bei referierten Zeitschriften eingereicht wird.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

forscht zu empirischer Evaluation politischer Maßnahmen

Wie beeinflussen politische Maßnahmen Entscheidungen von Individuen und Familien?

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Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist seit 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau sowie Projektleiter im DFG-Graduiertenkolleg 2720. Er ist Forschungsprofessor am ifo Institut München, Research Fellow des CESifo Netzwerks, Research Fellow des IZA Bonn und Mitglied des Ausschusses für Sozialpolitik beim Verein für Socialpolitik.

Bluesky

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