Elf Hochschulen aus zehn Nationen verfolgen derzeit ein gemeinsames Ziel: Im Rahmen eines Europäischen Hochschulnetzwerks (EUN) mit dem Titel „REform: Responsible Innovation & Transformation for Europe – a new transformative European University Alliance“ soll ein Netzwerk zu Lehre, Forschung und Transfer unter ethischen Aspekten geschaffen werden. Die Universität Passau hat mit den Projektpartnern Anfang 2024 einen Projektantrag im Programm Erasmus+ eingereicht. Das Campus Magazin sprach mit Prof. Dr. Christina Hansen, Vizepräsidentin für Internationales und Diversity an der Universität Passau, über die Notwendigkeit und die Ausrichtung eines solchen Netzwerks.
Was hat es mit den Europäischen Hochschulnetzwerken (EUN) auf sich?
Es handelt sich dabei um eine Vielzahl an grenzüberschreitenden Hochschulnetzwerken, die gemeinsam Lehr- und Lernformate sowie neue Kooperationsformen bei Bildung, Forschung sowie Technologie- und Wissenstransfer entwickeln. Diese gemeinsamen Strukturen und Projekte sollen die Basis dafür bilden, dass sich Studierende, Promovierende, Mitarbeitende und Forschende reibungslos zwischen den Hochschulen eines Netzwerks bewegen können. Dabei spezialisieren sich die Hochschulen in ihren Netzwerken meist auf bestimmte Themen- oder Fachgebiete. Die EUN gehen zurück auf eine Idee des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und sind Teil des Programms Erasmus+ der EU. Wir arbeiten derzeit gemeinsam mit elf weiteren Universitäten und Hochschulen an einem gemeinsamen Antrag, in dem wir unser Augenmerk auf verantwortungsvolle Innovationen und Ethik in der Wissenschaft richten wollen. Die Universität Passau kooperiert bereits mit Einrichtungen zu diesem Thema. Es ist unser Ziel, diese Kooperationen durch den EUN-Antrag gemeinsam auf ein nächstes Level zu heben und dadurch die Zusammenarbeit zu intensivieren. Bei den EUN-Anträgen handelt es sich um ein hochkompetitives Verfahren. Deshalb ist es mir wichtig zu betonen, dass unser Antrag 2024 so konzipiert wird, dass viele Vorhaben aus dem Antrag auch im Fall einer Nicht-Förderung in Angriff genommen werden können.
Warum ist aus Ihrer Sicht eine Beteiligung an einem solchen EUN so wichtig?
Ich sehe hier vor allem die folgenden vier zentralen Punkte: Stärkung des Wissenschaftsstandorts, strategische Vernetzung, thematische Profilierung und gesellschaftliche Relevanz. Was verstehe ich nun darunter? Teil eines thematischen Hochschulnetzwerks zu sein, bedeutet, mit diesem Thema sichtbar in Europa zu werden und damit auch die Universität Passau als Wissensstandort zu stärken. Aus einem solchen europäischen Netzwerk kann langfristig eine starke Wirtschafts- und Forschungsregion bei gleichzeitiger Wahrung der Autonomie der jeweiligen Universitäten und Hochschulen werden. Außerdem können wir so zum Magneten für die besten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und internationalen Studierenden werden. Mit der strategischen Vernetzung meine ich ein funktionierendes, europaweit agierendes Netzwerk für den Austausch von Studierenden- und Dozierenden, vor allem im Hinblick auf interdisziplinäre Lehre sowie weitere Forschungsarbeiten und Transferprojekte. Dies würde nicht nur für unsere Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine einfachere Mobilität mit sich bringen, sondern auch eine noch bessere Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit unserer Universität mit einem starken Wissensdreieck aus Bildung, Forschung und Innovation.
Sie haben als dritten Punkt die thematische Profilierung genannt. Die Universität Passau will sich hier auf verantwortungsvolle Innovation und Ethik in der Wissenschaft fokussieren. Warum?
Wie bereits angedeutet, hat jedes Netzwerk sein spezifisches Thema. So gibt es beispielweise technologische Allianzen oder Forschungsnetzwerke zu Fragen sauberer Energie oder Mobilität, Arbeits- und Wirtschaftswachstum. All diese Netzwerke teilen die Einsicht, dass man komplexe gesellschaftliche Herausforderungen nicht allein lösen kann. Dabei ist klar, dass Lehre, Forschung und Transformation zusammen gedacht werden müssen, damit nicht nur die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon profitieren, sondern auch kommende Generationen.
Mit unserem geplanten Netzwerk „REform: Responsible Innovation & Transformation for Europe – a new transformative European University Alliance“ wollen wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur exzellente, sondern auch soziale und ethisch verantwortungsvolle Wissenschaft und Technologie fördern. Dabei ist es entscheidend, Forschungsziele und Innovationsprozesse an die Bedürfnisse und Werte der Gesellschaft anzupassen. Unser Netzwerk strebt eine intensive Kooperation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie Industrie und Politik an, die zu mehr wechselseitiger Transparenz und Akzeptanz beiträgt und aus der Lösungen für komplexe Herausforderungen hervorgehen sollen. Das Projekt will die Wissenschaftskultur weiterentwickeln, eine Art Campus schaffen, auf dem verantwortungsvolle Lehre, Forschung und Innovation als eine der zentralen Leitideen fungiert – und damit als Nukleus für eine gesellschaftlich verantwortliche Ausrichtung unserer Universität.
Die gesellschaftliche Relevanz, Ihr vierter Punkt, hängt vermutlich eng mit Ihren Ausführungen zur thematischen Profilierung zusammen?
Richtig. Der Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stellt eine Herausforderung für die kommenden Jahrzehnte dar. Verantwortungsbewusste Forschung und Innovation hat sich als eines der Schlüsselworte auf der europäischen Bühne herauskristallisiert. Transformative Wissenschaft ist ein Begriff, der in Deutschland immer häufiger im Rahmen von Nachhaltigkeitsfragen genannt wird – und für diese Fragen will unser Netzwerk eine profilierte Rolle einnehmen und Antworten finden. Wir haben aktuell an der Universität Passau acht Professorinnen und Professoren aus allen fünf Fakultäten, die in ihren jeweiligen Fachgebieten ausgewiesene Expertinnen und Experten zu Fragen ethischer Verantwortung sind. Aber natürlich betrifft die Frage der Verantwortung im Umgang mit Wissenschaft alle Forschenden an unserer Universität. Es ist überhaupt eines der zentralen Themen, mit denen wir uns in Zukunft auseinandersetzen müssen – nicht nur im Rahmen des EUN.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Passauer Projekt PASSAUtonomy ist einer der Gewinner des Hochschulwettbewerbs im Wissenschaftsjahr 2024, das diesmal dem Thema „Freiheit“ gewidmet ist. Das Projekt entdeckt die alte Idee des Philosophen Immanuel Kant – Frei sind wir, wenn wir uns selbst Gesetze geben können – neu. Dafür organisiert das Team Schulworkshops, Gesprächsrunden im Biergarten sowie eine interaktive Ausstellung in der Uni Passau.
Aus knapp 160 Einreichungen im Wissenschaftsjahr 2024 – Freiheit hat die Jury die besten zwölf Projektideen ausgezeichnet. Darunter das Passauer Projekt PASSAUtonomy. Ein Team um Johanna Sinn und Marie Hirsch, wissenschaftliche bzw. studentische Mitarbeiterinnen an der Professur für Angewandte Ethik von Prof. Dr. Karoline Reinhardt, hat die Freiheitsidee des Philosophen Immanuel Kant, der in diesem Jahr 300. Geburtstag feiert, als Ausgangspunkt ihres Konzeptes genommen. „Zum Thema Freiheit finden sich in Kants Philosophie viele Überlegungen zu Fragen, die heute individuell und gesellschaftlich wichtig sind: Wie steht meine Freiheit im Verhältnis zu anderen und dem Respekt vor ihnen? Wie kann die Freiheit von Bürger*innen in Gesetzgebungsverfahren einfließen?“, erklären sie. „Wir finden, dass Kants Philosophie gerade in unserer Zeit nicht nur innerhalb von Philosophieseminaren diskutiert werden sollte und freuen uns daher außerordentlich, dass wir das Projekt nun umsetzen können.“
Professorin Reinhardt teilt diese Freude: „Philosophie gehört auf die Marktplätze – oder eben in den Biergarten – und nicht in den Elfenbeinturm. Die Themen, die uns in der Philosophie interessieren, sind die Fragen, die sich letztlich alle stellen. Das zeigt dieses Projekt nicht nur, sondern setzt es auch um: Es ist eine Einladung, gemeinsam nachzudenken, weiterzudenken und im Gespräch zu neuen Einsichten zu gelangen."
PASSAUtonomy geht philosophischen und gesellschaftlichen Fragen zu Freiheit in mehreren Formaten nach, darunter ein Workshop für Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen sowie ein offenes „Philosophieren im Biergarten“ für alle interessierten Passauerinnen und Passauer. „Für eine lebendige Diskussion innerhalb der Universität wird es außerdem eine mit Studierenden organisierte Ausstellung und eine Podiumsdiskussion geben“, so das Projektteam, zu dem neben Johanna Sinn und Marie Hirsch auch Paulina Dannhäuser, Fabian Willemsen, Lena Scholz, Julia Berner und Marian Micke gehören.
Die Jury zeichnete insgesamt 12 Ideen junger Forschender aus, die neben Passau aus Chemnitz, Detmold, Freiburg, Halle, Jena, München, Nordhausen, Nürnberg, Oldenburg, Regensburg und Tübingen kommen. In den prämierten Kommunikationsideen spiegelt sich die große thematische Vielfalt des Wissenschaftsjahres 2024 wider. Dabei setzen die Teams jeweils auf unterschiedliche Kommunikationsformate – von der Webserie über ein Kartenspiel bis zur interaktiven Ausstellung. Die Gewinnerteams erhalten jeweils 10.000 Euro Preisgeld, mit dem sie ihre Ideen bis Ende des Jahres umsetzen können. Begleitend zur Umsetzung besuchen sie Schulungen und Veranstaltungen von Wissenschaft im Dialog, bei denen sie sich auch untereinander vernetzen können. Mitte März findet ein Auftakt-Workshop zum Thema Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit statt.
Über den Hochschulwettbewerb
Der Hochschulwettbewerb ist ein Projekt von Wissenschaft im Dialog (WiD) und wird seit 2013 jährlich im Rahmen des jeweiligen Wissenschaftsjahres für Studierende, Promovierende, Postdocs und junge Forschende ausgeschrieben. Der Wettbewerb wird durch die Hochschulrektorenkonferenz und den Bundesverband Hochschulkommunikation unterstützt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.
Mehr Informationen:
Bild von links: Marie Hirsch, Fabian Willemsen, Lena Scholz, Johanna Sinn und Paulina Dannhäuser im Durchlauferhitzer, wo die Ausstellung zu sehen sein wird.
| Projektleitung an der Universität Passau | Johanna Sinn (Professur für Angewandte Ethik) Marie Hirsch (Professur für Angewandte Ethik) |
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| Laufzeit | 01.03.2024 - 31.12.2024 |
| Mittelgeber |
BMBF - Bundesministerium für Bildung und Forschung
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| Themenfelder | Didaktik der Philosophie/Ethik |