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„Verantwortung in der Wissenschaft ist eines der zentralen Zukunfts­themen“

Im Rahmen des Europäischen Hochschulnetzwerks „REform“ möchte die Universität Passau gemeinsam mit zehn weiteren europäischen Hochschulen verantwortungsvolle Innovation und Ethik in der Wissenschaft fördern. Interview: Barbara Weinert

Im Rahmen des Europäischen Hochschulnetzwerks „REform“ möchte die Universität Passau gemeinsam mit zehn weiteren europäischen Hochschulen verantwortungsvolle Innovation und Ethik in der Wissenschaft fördern. Interview: Barbara Weinert

Elf Hochschulen aus zehn Nationen verfolgen derzeit ein gemeinsames Ziel: Im Rahmen eines Europäischen Hochschulnetzwerks (EUN) mit dem Titel „REform: Responsible Innovation & Transformation for Europe – a new transformative European University Alliance“ soll ein Netzwerk zu Lehre, Forschung und Transfer unter ethischen Aspekten geschaffen werden. Die Universität Passau hat mit den Projektpartnern Anfang 2024 einen Projektantrag im Programm Erasmus+ eingereicht. Das Campus Magazin sprach mit Prof. Dr. Christina Hansen, Vizepräsidentin für Internationales und Diversity an der Universität Passau, über die Notwendigkeit und die Ausrichtung eines solchen Netzwerks.

Was hat es mit den Europäischen Hochschulnetzwerken (EUN) auf sich?

Es handelt sich dabei um eine Vielzahl an grenzüberschreitenden Hochschulnetzwerken, die gemeinsam Lehr- und Lernformate sowie neue Kooperationsformen bei Bildung, Forschung sowie Technologie- und Wissenstransfer entwickeln. Diese gemeinsamen Strukturen und Projekte sollen die Basis dafür bilden, dass sich Studierende, Promovierende, Mitarbeitende und Forschende reibungslos zwischen den Hochschulen eines Netzwerks bewegen können. Dabei spezialisieren sich die Hochschulen in ihren Netzwerken meist auf bestimmte Themen- oder Fachgebiete. Die EUN gehen zurück auf eine Idee des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und sind Teil des Programms Erasmus+ der EU. Wir arbeiten derzeit gemeinsam mit elf weiteren Universitäten und Hochschulen an einem gemeinsamen Antrag, in dem wir unser Augenmerk auf verantwortungsvolle Innovationen und Ethik in der Wissenschaft richten wollen. Die Universität Passau kooperiert bereits mit Einrichtungen zu diesem Thema. Es ist unser Ziel, diese Kooperationen durch den EUN-Antrag gemeinsam auf ein nächstes Level zu heben und dadurch die Zusammenarbeit zu intensivieren. Bei den EUN-Anträgen handelt es sich um ein hochkompetitives Verfahren. Deshalb ist es mir wichtig zu betonen, dass unser Antrag 2024 so konzipiert wird, dass viele Vorhaben aus dem Antrag auch im Fall einer Nicht-Förderung in Angriff genommen werden können.

Mit unserem geplanten Netzwerk „REform“ wollen wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur exzellente, sondern auch soziale und ethisch verantwortungsvolle Wissenschaft und Technologie fördern.
Prof. Dr. Christina Hansen

Warum ist aus Ihrer Sicht eine Beteiligung an einem solchen EUN so wichtig?

Ich sehe hier vor allem die folgenden vier zentralen Punkte: Stärkung des Wissenschaftsstandorts, strategische Vernetzung, thematische Profilierung und gesellschaftliche Relevanz. Was verstehe ich nun darunter? Teil eines thematischen Hochschulnetzwerks zu sein, bedeutet, mit diesem Thema sichtbar in Europa zu werden und damit auch die Universität Passau als Wissensstandort zu stärken. Aus einem solchen europäischen Netzwerk kann langfristig eine starke Wirtschafts- und Forschungsregion bei gleichzeitiger Wahrung der Autonomie der jeweiligen Universitäten und Hochschulen werden. Außerdem können wir so zum Magneten für die besten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und internationalen Studierenden werden. Mit der strategischen Vernetzung meine ich ein funktionierendes, europaweit agierendes Netzwerk für den Austausch von Studierenden- und Dozierenden, vor allem im Hinblick auf interdisziplinäre Lehre sowie weitere Forschungsarbeiten und Transferprojekte. Dies würde nicht nur für unsere Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine einfachere Mobilität mit sich bringen, sondern auch eine noch bessere Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit unserer Universität mit einem starken Wissensdreieck aus Bildung, Forschung und Innovation.

Prof. Dr. Christina Hansen

Prof. Dr. Christina Hansen

forscht zu Diversität und Begabung im internationalen Kontext

Wie funktionieren Anordnungs- und Re-Figurationsprozesse in (Bildungs)Räumen?

Prof. Dr. Christina Hansen ist Lehrstuhlinhaberin für Pädagogik (Primarstufe) mit dem Schwerpunkt Diversität an der Universität in Passau. Seit August 2020 ist sie Vizepräsidentin für Internationales, Europa und Diversity.

Sie haben als dritten Punkt die thematische Profilierung genannt. Die Universität Passau will sich hier auf verantwortungsvolle Innovation und Ethik in der Wissenschaft fokussieren. Warum?

Wie bereits angedeutet, hat jedes Netzwerk sein spezifisches Thema. So gibt es beispielweise technologische Allianzen oder Forschungsnetzwerke zu Fragen sauberer Energie oder Mobilität, Arbeits- und Wirtschaftswachstum. All diese Netzwerke teilen die Einsicht, dass man komplexe gesellschaftliche Herausforderungen nicht allein lösen kann. Dabei ist klar, dass Lehre, Forschung und Transformation zusammen gedacht werden müssen, damit nicht nur die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon profitieren, sondern auch kommende Generationen.

Mit unserem geplanten Netzwerk „REform: Responsible Innovation & Transformation for Europe – a new transformative European University Alliance“ wollen wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur exzellente, sondern auch soziale und ethisch verantwortungsvolle Wissenschaft und Technologie fördern. Dabei ist es entscheidend, Forschungsziele und Innovationsprozesse an die Bedürfnisse und Werte der Gesellschaft anzupassen. Unser Netzwerk strebt eine intensive Kooperation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie Industrie und Politik an, die zu mehr wechselseitiger Transparenz und Akzeptanz beiträgt und aus der Lösungen für komplexe Herausforderungen hervorgehen sollen. Das Projekt will die Wissenschaftskultur weiterentwickeln, eine Art Campus schaffen, auf dem verantwortungsvolle Lehre, Forschung und Innovation als eine der zentralen Leitideen fungiert – und damit als Nukleus für eine gesellschaftlich verantwortliche Ausrichtung unserer Universität.

Die gesellschaftliche Relevanz, Ihr vierter Punkt, hängt vermutlich eng mit Ihren Ausführungen zur thematischen Profilierung zusammen?

Richtig. Der Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stellt eine Herausforderung für die kommenden Jahrzehnte dar. Verantwortungsbewusste Forschung und Innovation hat sich als eines der Schlüsselworte auf der europäischen Bühne herauskristallisiert. Transformative Wissenschaft ist ein Begriff, der in Deutschland immer häufiger im Rahmen von Nachhaltigkeitsfragen genannt wird – und für diese Fragen will unser Netzwerk eine profilierte Rolle einnehmen und Antworten finden. Wir haben aktuell an der Universität Passau acht Professorinnen und Professoren aus allen fünf Fakultäten, die in ihren jeweiligen Fachgebieten ausgewiesene Expertinnen und Experten zu Fragen ethischer Verantwortung sind. Aber natürlich betrifft die Frage der Verantwortung im Umgang mit Wissenschaft alle Forschenden an unserer Universität. Es ist überhaupt eines der zentralen Themen, mit denen wir uns in Zukunft auseinandersetzen müssen – nicht nur im Rahmen des EUN.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Beitrag stammt aus dem Campus Magazin (01/2024)

Projekte im Bereich Ethikforschung

StMWK-gefördertes Projekt AIEP: Ethische Fragen bei Künstlicher Intelligenz im Berufsalltag

Ein interdisziplinäres Team der Universität Passau entwickelt unter der Leitung von Ethik-Professorin Prof. Dr. Karoline Reinhardt ein Hochschulzertifikat, das Beschäftigte aus dem technisch-ingenieurwissenschaftlichen Bereich über ethische Herausforderungen beim Einsatz von KI weiterbilden soll. Beteiligt sind auch Unternehmen aus der Region Passau.

KI findet in immer mehr Bereichen des Berufslebens Anwendung: Bei Bewerbungen sieht sie Lebensläufe automatisiert durch, manche Firmen nutzen sie als Organisationstool für den Arbeitsalltag. Jedoch stellt die relativ neue Technologie immer mehr Unternehmen vor ethische Herausforderungen, etwa im Bereich Datenschutz.

Ein Team der Universität Passau unter Leitung von Prof. Dr. Karoline Reinhardt, Professur für Angewandte Ethik, erforscht im vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (StMWK) geförderten Projekt „AI Ethics In Practice“ (AIEP) die ethischen Probleme, die sich Technikerinnen und Technikern in Firmen beim Einsatz von KI bei Produktentwicklung und Technologien stellen. Auf Basis dieser Ergebnisse konzipieren die Forschenden eine Weiterbildung mit abschließendem Hochschulzertifikat an der Universität Passau.

Die ethischen Herausforderungen sind vielfältig: Eine KI lernt anhand von Daten aus der Wirklichkeit. So können sich bereits bestehende Diskriminierungen durch die Technologie verstärken, etwa wenn sie in Bewerbungsverfahren Personen aufgrund ihres Namens oder Geschlechts aussortiert.

„Häufig gibt es auch Probleme mit der Verantwortungszurechnung“, so Dr. Heiner Koch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Angewandte Ethik und bei AIEP. Diese träten etwa beim autonomen Fahren auf, wenn KI-Produkte eingesetzt würden. Bei einem Unfall stelle sich hier die Frage, wer verantwortlich sei: Ist es „die Person, die das Auto verwendet, die Person, die das Auto produziert oder die Person, die die steuernde KI entwickelt hat?“.

Zudem treten auch die Fragen der sinnvollen Anwendung von KI in Unternehmen und des Datenschutzes auf: „Wo kommen die Daten her, mit denen die KI trainiert wird, welche Daten kann sie ausspielen, ohne dass es Datenschutzverletzungen gibt?“, gibt Dr. Koch Beispiele für einige zentrale Punkte.

Genau für diese Fragen entwickelt das Forschungsteam im Rahmen des Projekts eine Weiterbildung inklusive Hochschulzertifikat. Zielgruppe sind Technikerinnen und Techniker sowie Ingenieurinnen und Ingenieure in Unternehmen in der Region Passau. Die Weiterbildung soll über die reine Vermittlung von Inhalten hinausgehen. Es soll für die Teilnehmenden Möglichkeiten geben, die eigenen Erfahrungen und Problemstellungen aus der Praxis in der Gruppe zu diskutieren.

Neben Prof. Dr. Karoline Reinhardt und Dr. Heiner Koch sind an der Universität Passau noch Dr. Alexandra Schick und Mitarbeitende des Referats Karriere und Kompetenzen für den Aufbau der Strukturen im Bereich Wissenschaftliche Weiterbildung beteiligt. Prof. Dr. Werner Gamerith (Vize-Präsident für Transfer und interne Vernetzung) ist von Seiten der Hochschulleitung zuständig. Zudem sind die Lehrstühle für AI Engineering (Prof. Dr. Steffen Herbold), Psychologie mit Schwerpunkt Mensch-Maschine Interaktion (Prof. Dr. Susanne Mayr), KI im Strafrecht (Prof. Dr. Brian Valerius) und Katholische Theologie (Prof. Dr. Bernhard Bleyer) beteiligt. Aus der Region nehmen die Unternehmen Knorr-Bremse, Micro Epsilon, Sumida AG, ZF Group, Motorenfabrik Hatz GmbH, das Unternehmerforum Neuburger Gesprächskreis und TIBAY teil.

Gefördert wird das Projekt vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (StMWK) im Zeitraum von 01.07.2024 bis 31.06.2025 im Rahmen der Förderung des Ausbaus von Hochschulzertifikaten im technisch-ingenieurwissenschaftlichen Bereich zur Stärkung der akademischen Weiterbildung an bayerischen Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften (digital.ING II).

Projektleitung an der Universität Passau Prof. Dr. Karoline Reinhardt (Professur für Angewandte Ethik)
Laufzeit 01.07.2024 - 30.06.2025
Mittelgeber
BayStMWK - Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
BayStMWK - Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
Projektnummer L.3-H2434.5.2.1/24/6

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