Die Management-Professorin Alina Kasinska, die aus der heftig umkämpften Stadt Mykolaiw geflohen ist, treibt an der Universität Passau gemeinsam mit ihrer ebenfalls geflohenen Doktormutter Olha Komelina ein Projekt voran, um die Kriegsfolgen für Nationalparks zu untersuchen. Die ukrainischen Gäste arbeiten gemeinsam mit einem interdisziplinären Team der Universität Passau und den USA und erhalten Förderung von der VolkswagenStiftung.
Das Loch im Gebäude der Regionalverwaltung in der Stadt Mykolaiw ist zum Sinnbild geworden für die heftig umkämpfte Front im Süden des Landes. Mykolaiw liegt im Küstengebiet des Schwarzen Meeres. Die gleichnamige Region grenzt an die inzwischen russisch besetzte Region Cherson an. „Die Situation dort wird jeden Tag schlimmer“, berichtet Prof. Dr. Alina Kasinska. Vor ihrer Flucht nach Passau im April diesen Jahres hat die Management- und Nachhaltigkeitsexpertin an der dortigen Pylyp Orlyk International Classical University geforscht und gelehrt. „Seit Kriegsbeginn gibt es kaum Tage ohne Bomben- und Raketenangriffe.“
Die Kämpfe betreffen Mensch und Natur. 44 Prozent der Nationalparkgebiete seien von russischen Truppen besetzt, berichtet Prof. Dr. Kasinska. Es komme regelmäßig zu Explosionen, Bombardierungen, die Küstengebiete seien vermint. Allein in ihrer Heimatregion Mykolaiw gebe es mehr als 140 Naturreservate, sieben davon von nationaler Bedeutung.
Die Forscherin befasst sich seit ihrer Dissertation mit der Organisation solcher Schutzgebiete. Gemeinsam mit ihrer Doktormutter Olha Komelina, die ebenfalls nach Passau geflohen ist, treibt sie an der Universität Passau nun ein neues Projekt voran. Am Beispiel des Nationalparks "Biloberezhia Sviatoslava" um die Stadt Otschakiw an der Küste des Schwarzen Meeres untersuchen die ukrainischen Gastforscherinnen, wie solche Reservate auf extreme Ereignisse wie Krieg und Krise reagieren. Förderung erhalten sie in Form eines Stipendiums der VolkswagenStiftung. Die Stiftung hatte nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar sehr schnell ein Gastforschungsprogramm für geflohene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgelegt.
An der Universität Passau sind die Forscherinnen eingebunden in ein interdisziplinäres Team aus Prof. Dr. Andreas König (Management), Prof. Dr. Carolin Häussler (Innovation) und Prof. Dr. Christine Schmitt (Mensch-Umwelt-Forschung, Physische Geographie). Außerdem erhält das Team Unterstützung aus den USA: Prof. Dr. Jonathan Bundy, Experte für Organisationskrisen von der Arizona State University, ist ebenfalls beteiligt.
„In unseren Gesprächen mit den Professorinnen Kasinska und Komelina haben wir festgestellt, dass ihr Forschungsinteresse sehr gut zu unseren Bereichen passt“, sagt Prof. Dr. König. So stünden Krisenbewältigung, Flexibilität und Innovation sowie deren Verknüpfung mit Fragen der Nachhaltigkeit und Biodiversität auch im Mittelpunkt der Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Universität Passau. Zur Resilienz, also Anpassungsfähigkeit, von Organisationen forscht Prof. Dr. Carolin Häussler und berät, basierend auf ihren Erkenntnissen, die Politik dazu auf oberster Ebene. Strategische Pläne und Routinen könnten sich derzeit über Nacht in Luft auflösen, sagt sie. „Jene Unternehmen und Organisationen, die schnell reagieren und sich rasch anpassen, kommen am besten durch diese Zeiten.“
Auf Biodiversität wirke sich Krieg direkt und indirekt aus, sagt Geographin Prof. Dr. Christine Schmitt. „Eine direkte Auswirkung ist zum Beispiel eine Militäraktion in einem Nationalpark, bei der Wälder zerstört werden, die Vegetation vernichtet wird und Tiere getötet werden.“ Zu indirekten Auswirkungen komme es etwa in Ländern, in denen Menschen stark auf natürliche Ressourcen angewiesen seien. Bislang hat Prof. Dr. Schmitt vor allem zu Umweltkrisen in Afrika geforscht. Ihre Erkenntnisse bringt sie nun in das Projekt der ukrainischen Gäste ein.
Die Professorinnen Kasinska und Komelina gehören zu den ukrainischen Wissenschaftlerinnen, die an der Universität Passau mit Hilfe von Stipendien der VolkswagenStiftung ihre Projekte vorantreiben können (Pressemitteilung dazu). Wir stellen sie in einer Serie vor. Teil 1: Dr. Hannah Sarmina und digitaler Journalismus in Deutschland und der Ukraine