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31.05.2022

Forschen, während zu Hause Krieg herrscht

Sechs ukrainische Wissenschaftlerinnen können ihre Arbeit dank eines Stipendiums der VolkswagenStiftung an der Universität Passau fortsetzen. Der Krieg in der Ukraine beschäftigt sie auch in ihrer Forschung – direkt und indirekt. Wir stellen die Forscherinnen, ihre Projekte und ihren Weg nach Passau vor. Den Auftakt macht Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Hanna Sarmina, die bei Prof. Dr. Ralf Hohlfeld digitalen Journalismus in Deutschland und der Ukraine untersuchen wird.

Dr. Hanna Sarmina im Gespräch mit Prof. Dr. Ralf Hohlfeld vor dem Zentrum für Medien und Kommunikation an der Universität Passau.

Dr. Hanna Sarmina im Gespräch mit Prof. Dr. Ralf Hohlfeld, der ihre Habilitation an der Universität Passau betreuen wird. Fotos: Valentin Brandes, Studio Weichselbaumer

Dr. Hanna Sarmina - digitaler Journalismus in Deutschland und der Ukraine

Es ist eine vertraute Umgebung, in die Dr. Hanna Sarmina zurückkehrt. Die Ukrainerin kennt Passau aus früheren, gemeinsamen Projekten mit dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Ralf Hohlfeld. Er war es denn auch, der sie und ihre Tochter Anfang März, kurz nach Kriegsbeginn, an der ungarisch-ukrainischen Grenze abholte.

Nun sitzt die Wissenschaftlerin, die an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität in Kiew geforscht und gelehrt hat, in ihrem neuen Büro im Zentrum für Medien und Kommunikation an der Universität Passau. Noch sind die Regale leer. Das dürfte sich in den nächsten Monaten ändern.

Denn mit Hilfe des Stipendiums der VolkswagenStiftung will die Forscherin ihre Habilitationsschrift vorantreiben. Darin will sie eine vergleichende Analyse zum digitalen Journalismus in Deutschland und der Ukraine erstellen. Idee und Konzept entstanden in Passau und bauen auf Erkenntnissen aus dem EU finanzierten TEMPUS-IV-Projekt „Crossmedia und Qualitätsjournalismus“ unter der Leitung von Prof. Dr. Hohlfeld auf. Im Zuge des Projekts war Dr. Sarmina 2016 erstmals nach Passau gekommen. Eine Erkenntnis des Forschungsteams: Das Thema „digitaler Journalismus“ ist in der ukrainischen Kommunikationswissenschaft bisher kaum ausgearbeitet.

Das will Dr. Sarmina ändern und die erste theoriegeleitete Studie zu den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen erstellen, unter denen sich der digitale Journalismus in der Ukraine in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt hat. „In der Ukraine ist Printjournalismus unattraktiv. Das liegt auch daran, dass die Post die Zeitungen unzuverlässig liefert. Da verliert das Wort Tageszeitung schnell seine Bedeutung“, sagt sie. „Online-Medien hingegen gewinnen immer mehr an Popularität.“ Prof. Dr. Hohlfeld, der Dr. Sarminas Habilitation an der Universität Passau betreuen wird, ergänzt: „Genau das finde ich spannend. Während wir in Deutschland noch eine starke Printmedienlandschaft haben, überspringt das die Ukraine einfach. Welche Entwicklung nimmt digitaler Journalismus unter solchen Bedingungen?“

Dr. Hanna Sarmina am Campus der Universität Passau

Wieder angekommen auf dem Campus der Universität Passau: Dr. Hanna Sarmina.

Noch ein weiteres Thema verbindet Dr. Sarmina mit den Forschungsschwerpunkten von Prof. Dr. Hohlfeld: der Umgang mit Desinformation, Fake News und Propaganda. Unter anderem diesen Aspekten will sie in ihrer Analyse besondere Aufmerksamkeit widmen. Auch hier bietet die Ukraine viel Forschungsmaterial. Russische Propaganda sei nach den Protesten auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan Nesaleschnosti in Kiew und infolge der Krim-Annexion im Jahr 2014 erfolgreich unterdrückt worden – zum einen durch technische Tools, indem russische Quellen und Kontaktnetzwerke abgeschaltet wurden, zum anderen durch Kampagnen, um die Verbreitung von Falschnachrichten zu stoppen. Darüber hinaus sei mit Hilfe von „weißer Propaganda“ eine Art ukrainischer Patriotismus aufgebaut worden. „Vor der Krim-Annexion war Russisch die Sprache der Intellektuellen, Ukrainisch die Sprache der Bauern“, sagt Sarmina. „Danach hat sich das komplett gewandelt. Ukrainisch ist in Mode, ebenso wie ukrainische Tracht.“ Die Kombination der Maßnahmen habe dazu geführt, dass russische Propaganda in der Ukraine weniger Wirkung erzielte als anderswo.

Faszination für deutsche Sprache - in Erpresserbriefen und Literatur

Dr. Sarmina, deren Muttersprache Russisch ist, erzählt in fließendem Deutsch, der Sprache, die sie sich erst in ihrem Germanistik-Studium angeeignet hat. Auch die Habilitationsschrift wird sie auf Deutsch verfassen und es wirkt so, als hätte sie davor am meisten Respekt. Dabei hat sich die Philologin wie kaum eine Muttersprachlerin mit dieser Sprache auseinandergesetzt. In ihrer Doktorarbeit analysierte Sarmina deutsche Erpresserbriefe und war überrascht vom „extrem hohen Grad an Höflichkeit“, den sie vorfand. Die Erpresser hätten sich strikt an formale Struktur und Sprache eines Briefes gehalten, selbst Beleidigungen in der Anrede mit Höflichkeitsfloskeln wie „sehr geehrter“ oder „sehr geehrte“ garniert.

Die Begeisterung für deutsche Sprache, weniger in Erpresserbriefen als vielmehr in klassischer Literatur, ist ihr geblieben. Unter den Büchern auf ihrem Schreibtisch in dem Passauer Büro zieht sie eins hervor. Es ist „Die Schweigeminute“ von Siegfried Lenz. Dr. Sarmina liest die Novelle nicht zum ersten Mal. Aber diese „wunderbare poetische Sprache“, sagt sie, die fasziniere sie immer wieder aufs Neue.

Text: Kathrin Haimerl

Prof. Dr. Ralf Hohlfeld steht in schwarzem T-Shirt auf einem Gang der Universität.

Prof. Dr. Ralf Hohlfeld

forscht zu redaktioneller Konvergenz und Desinformation im Internet

Welche Herausforderungen für die Herstellung von Öffentlichkeit entstehen durch die Digitalisierung?

Welche Herausforderungen für die Herstellung von Öffentlichkeit entstehen durch die Digitalisierung?

Prof. Dr. Ralf Hohlfeld ist seit September 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Passau. Er hat den Bachelorstudiengang „Journalistik und Strategische Kommunikation“ gegründet und von 2017 bis 2021 geleitet. Zudem ist er Sprecher der Kollegialen Leitung des Passau Centre for Digitalisation in Society (CeDiS). Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der empirischen Journalismusforschung, des Medienwandels und der Desinformation in der digitalen Gesellschaft.

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