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Im Land der Verschwörungsmythen

Wir haben in der Corona-Pandemie 1800 Facebook- und Telegram-Posts inhaltlich ausgewertet, um das Weltbild von Verschwörungs-Influencern und Rechtspopulisten zu untersuchen. Von Prof. Dr. Ralf Hohlfeld und Studierenden der Universität Passau

Foto: Adobe Stock

Prof. Dr. Ralf Hohlfeld ist Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Passau. Unter seiner Leitung analysierten 24 Studierende des Masterstudiengangs „Medien und Kommunikation“ die Kommunikation von Populistinnen und Populisten zur Corona-Pandemie auf Telegram und Facebook. Die Studie entstand im Wintersemester 2020/21 im Rahmen des Hauptseminars „Populismus, Postfaktizität und Medienkommunikation“ und ist als Preprint über die Wissenschaftsplattform Researchgate abrufbar. Die Studie fügt sich in die Forschung des Lehrstuhls zum Thema Fake News und Desinformation ein.

Die COVID-19-Pandemie hat im vergangenen Jahr Gruppen von Staatsskeptikerinnen, Querdenkenden sowie Vertreterinnen und Vertreter von Verschwörungserzählungen zusammengebracht, die den Staat und seine Institutionen scharf attackieren. Diese Entwicklung haben wir zum Anlass genommen für unsere wissenschaftliche Studie „Communicating COVID-19 against the backdrop of conspiracy ideologies: How public figures discuss the matter on Facebook and Telegram“. Darin analysieren wir das Weltbild und die Kommunikation der Populistinnen und Populisten auf Telegram und Facebook. 

Wir untersuchten Gruppen und Kanäle von prominenten Populistinnen und Populisten wie Attila Hildmann, Eva Hermann, Michael Wendler und Rüdiger Dahlke sowie die Posts ausgewählter AfD-Politikerinnen und Politiker, darunter etwa Björn Höcke und Mitglieder der Bundes-AfD, deren populistischen Parolen besonders viele Menschen in den sozialen Netzwerken folgen. Wir wählten jeweils die vier reichweitenstärksten Accounts aus.

Wir wollten wissen, inwiefern sich die Weltbilder der prominenten Verschwörungs-Influencer mit denen der parteizugehörigen Rechtspopulistinnen und -populisten decken. Zudem wollten wir analysieren, in welchem Maße sich Corona-Verschwörungsmythen in den Posts der beiden populistischen Gruppen finden.

In der Summe der Beiträge sehen wir eine krude Mischung aus Geschichtsklitterung, Herabsetzung, Hetze, Aufwiegelung und Antisemitismus, die sich durch alle Kanäle ziehen.

Von März bis Dezember 2021 analysierten wir mehr als 1800 Telegram- und Facebook-Post, die einen inhaltlichen Bezug zu COVID-19 aufweisen. Wir arbeiteten dabei mit Methoden der quantitativen Inhaltsanalyse, die wir mit computergestützten Verfahren der Stichprobengenerierung anreicherten.

Wir haben in einen tiefen Abgrund geblickt. In der Summe der Beiträge sehen wir eine krude Mischung aus Geschichtsklitterung, Herabsetzung, Hetze, Aufwiegelung und Antisemitismus, die sich durch alle Kanäle ziehen – egal, ob es sich um Verschwörungs-Influencer handelt, oder um rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker. Wir haben versucht, diesen Abgrund zu strukturieren:

Stark vernetztes Paralleluniversum

In 40 Prozent der Kommunikation der rechtspopulistischen Akteurinnen und Akteure sowie ihrer Gruppen finden sich eindeutige Bezüge auf Verschwörungserzählungen. Diese sind meist pandemiespezifisch ausgerichtet und schaffen ein stark vernetztes Paralleluniversum. In manchen heißt es, das Virus sei erfunden worden, um das Bargeld abzuschaffen. In anderen wird behauptet, dass der Mobilfunkstandard 5G nicht nur die Ausbreitung des Virus begünstige, sondern überhaupt erst Auslöser des Virus sei.

Die Diskurse in den Telegram- und Facebookgruppen sind durchsetzt vom sogenannten Blame-Game, also der Frage „Wer hat Schuld?“. Zwei Drittel der Beiträge enthalten derartige Schuldzuweisungen. Mehr als die Hälfte davon richtet sich gegen regierende Politikerinnen und Politiker sowie gegen Microsoft-Gründer Bill Gates.

Die Etablierung einer Diktatur ist Fluchtpunkt der meisten Verschwörungsmythen; wahlweise will Bill Gates durch die Impfkampagne und das „Chippen“ der Menschen die Kontrolle über den Planeten erlangen, oder die staatlichen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung sollen bewusst die Grundrechte aushebeln, um anschließend eine Diktatur zu etablieren. In diesem Zusammenhang wird oft das diffuse Bedrohungsszenario eines Kriegs heraufbeschworen. Die jeweilige Gegnerschaft macht denn auch die ideologische Gesinnung deutlich: So sind diese Aufrufe zum Teil antisemitisch, antikommunistisch oder richten sich gegen Freimaurer. Das Narrativ „Wir gegen die anderen“, das für rechtspopulistische Bewegungen typisch ist, findet sich auch bei den Verschwörungs-Influencern. Insgesamt können wir dieses in der Hälfte aller untersuchten Beiträge nachweisen.

Populistische Rhetorik mit deutlicher Wissenschaftsskepsis  

Die Kommunikation auf den rechtspopulistischen Plattformen ist von negativer Rhetorik und Herabsetzung geprägt. In fast drei Viertel der Beiträge stellen wir Formen von radikaler Herabsetzung fest. Mehr als die Hälfte der Posts enthält explizite rechtspopulistische Rhetorik, wobei sich die verbale Herabsetzung in erster Linie gegen die Politik richtet: In 53 Prozent der Fälle waren „die Machthaber“ die Adressaten der Rhetorik, nur in jeweils neun Prozent waren es Medienvertreterinnen und -vertreter oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Gleichwohl können wir in fast jedem dritten Beitrag eine deutliche Wissenschaftsskepsis nachweisen. Diese steht ebenfalls meist im Zusammenhang mit populistischer Rhetorik.        

Handlungsaufforderungen in 30 Prozent der Hassposts

Wir zeigen in unserer Studie auch, dass die radikale Ablehnung der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung die Kommentare der Facebook-Nutzerinnen und –Nutzer beeinflusst: Je negativer die Maßnahmen der Politik bewertet werden, desto negativer fallen auch die Nutzerkommentare aus. In 30 Prozent der Fälle enthält die praktizierte Hassrede konkrete Handlungsaufforderungen, zumeist gegen staatliche Maßnahmen gerichtet. Ein Viertel davon ist extrem radikal in der Sprechhaltung der Forderungen und reicht von Aufforderungen, den Bundestag zu stürmen, bis hin zu Morddrohungen gegen die Bundeskanzlerin.

Die ablehnende Haltung gegenüber den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie und des auslösenden Virus Sars-COV-2 finden wir als durchgängiges Muster in allen untersuchten Gruppen der rechtspopulistischen Akteurinnen und Akteure.

Dass der Diskurs bei Telegram deutlich radikaler geführt wird als bei Facebook, wundert uns nicht. Während bei Facebook in der jüngeren Vergangenheit Regulierungsmaßnahmen zivilisierend auf die Kommunikation einwirken, ist Telegram vollkommen unreguliert, Gesetzesverstöße lassen sich hier nicht ahnden.   

Begriff „Corona-Leugner“ unzutreffend

Die ablehnende Haltung gegenüber den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie und des auslösenden Virus Sars-COV-2 finden wir als durchgängiges Muster in allen untersuchten Gruppen der rechtspopulistischen Akteurinnen und Akteure. Klar wird aber auch, dass der Begriff „Corona-Leugner“ die Bewegung in den sozialen Netzwerken nur unzureichend beschreibt. Denn lediglich in neun Prozent der Posts wird das Virus verharmlost, in sieben Prozent komplett geleugnet. Stattdessen wird das Corona-Virus in beinahe jedem zweiten Beitrag als künstlich gezüchtetes Kontrollinstrument aufgefasst, mit dem die Regierung die Bevölkerung kontrollieren und unter ihren Willen zwingen will. So, wie es der Verschwörungsmythos verlangt.

    Prof. Dr. Ralf Hohlfeld und Studentin Isabel Käsbauer. Foto: Valentin Brandes, Universität Passau

    Prof. Dr. Ralf Hohlfeld und Isabel Käsbauer, die das Projekt auf Seiten der Studierenden koordiniert hat. Foto: Valentin Brandes, Universität Passau

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