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Wie Klimawandel und Geburtenrate zusammenhängen

Warum stockt der demographische Übergang in Subsahara-Afrika? Anhand von historischen Daten aus den USA kann ich zeigen, weshalb der Klimawandel die Geburtenrate in den ärmsten Regionen steigern könnte. Von Prof. Dr. Michael Grimm

Prof. Dr. Michael Grimm ist Inhaber des Lehrstuhls für Development Economics an der Universität Passau. Er konzentriert sich in seiner Forschung auf die Ressourcen der Ärmsten und führt Forschungsprojekte in Subsahara-Afrika durch, wo der demographische Wandel derzeit stockt. Seine Arbeit hat ihn auf die Idee gebracht, in historischen Daten nach möglichen Ursachen zu forschen. Die Studie ist in der renommierten amerikanischen Fachzeitschrift „Journal of Economic Geography“ erschienen.

Das Video oben zeigt einen Landwirt in Südafrika, der über den ausgetrockneten Grund eines Damms läuft. Ein Großteil Südafrikas ist derzeit von einer extremen Dürre betroffen. Video: Adobe Stock 

Prof. Dr. Michael Grimm

Prof. Dr. Michael Grimm

forscht zum technologischen Wandel in Entwicklungsländern

Welche Maßnahmen ermöglichen Entwicklungsländern Teilhabe an größeren internationalen Marktprozessen?

Welche Maßnahmen ermöglichen Entwicklungsländern Teilhabe an größeren internationalen Marktprozessen?

Prof. Dr. Michael Grimm ist Inhaber des Lehrstuhls für Development Economics an der Universität Passau und Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Darüber hinaus ist er Vorsitzender des Entwicklungsökonomischen Ausschusses des Vereins für Socialpolitik. Zuvor arbeitete der Ökonom unter anderem als  Professor für Applied Development Economics an der Erasmus Universität Rotterdam, als Gastprofessor an der Paris School of Economics sowie als Berater bei der Weltbank in Washington D.C., USA.

Dass Kinder in armen, ländlichen Regionen der Altersvorsorge dienen, ist hinlänglich bekannt. Das alleine erklärt aber nicht, weshalb der demographische Wandel in manchen Ländern in Subsahara-Afrika stockt. Die Menschen dort sind extrem risikoavers, sie haben viel zu verlieren. Trifft sie wirtschaftlicher Schaden, beispielsweise in Form eines Ernteausfalls, dann riskieren sie, in extreme Armut abzugleiten. Häufig schaffen sie es aus dieser Situation nicht mehr heraus.

Warum aber entscheiden sie sich trotzdem für mehr Kinder? Meine These: Kinder dienen in armen, ländlichen Regionen nicht nur der Altersvorsorge, sondern auch der Absicherung gegen befürchtete Schäden, wie eben Ernteausfälle. Kinder übernehmen Arbeiten im Haushalt und erlauben dadurch älteren Familienmitgliedern, mehr Arbeit auf dem Feld oder in nicht-landwirtschaftlichen Tätigkeiten zu verbringen. Mit zunehmendem Alter können die Kinder in schlechten Zeiten auch selbst direkt bei der Einkommenserzielung mitwirken.

Diese These kann ich mit Hilfe historischer Daten zum demographischen Übergang in den USA belegen, der in der Zeit nach dem Bürgerkrieg bis zur Großen Depression richtig Fahrt aufnahm. Der Begriff „demographischer Übergang“ beschreibt einen typischen Verlauf in der Bevölkerungsentwicklung, bei dem zunächst die Sterberate sinkt und – zeitlich versetzt dazu – auch die Geburtenrate. Für kaum ein anderes Land sind historische Bevölkerungsdaten so gut aufbereitet und zugänglich wie in den USA. Inzwischen sind die Zensus-Daten auch online über die Seite der„Integrated Public Use Microdata Series (IPUMS USA)“ zugänglich.

Auf Daten wie diese konzentriere ich mich in meiner Studie. Vier verschiedene Quellen flossen ein - zur Bevölkerung, zum Wetter, zur Landwirtschaft und zum Bankenwesen. Mit Hilfe der Wetterdaten, die sehr kleinteilig für Gebiete von einer Größe von je 16 Quadratkilometern vorlagen, ermittelte ich für jeden einzelnen County die durchschnittliche Regefallmenge und Regenfallvariabilität (siehe Abbildung). Aus den Zensus-Daten flossen insgesamt 945.038 Beobachtungen zu Frauen zwischen 15 und 39 ein (zur genauen Methode siehe Paper, Section 4)

Geburtenrate verteilt über Counties und Jahre

Die einzelnen Abbildungen zeigen das Verhältnis zwischen Kleinkindern und Frauen in den Counties für die Jahre 1880, 1900 und 1910. Dunkelgrüne Flächen stehen für jene Gebiete, in denen Frauen viele Kleinkinder zu betreuen hatten.

Quelle: US population census (IPUMS)

Parallelen zur heutigen Situation in Subsahara-Afrika

Die Rahmenbedingungen in dieser Zeit weisen viele Parallelen zur heutigen Situation in Subsahara-Afrika auf. Ein Großteil der US-amerikanischen Haushalte war in der Landwirtschaft tätig, insbesondere jene Siedlerinnen und Siedler, die sich nach Westen ausbreiteten. Maschinen gab es nicht, der Kapitalstock lag bei Null. In vielen Gegenden herrschten starke Wetterschwankungen mit wechselnden Perioden von zu wenig oder zu viel Regen. Die erbitterte Dürre in den 1930ern ging als Dust Bowl in die Geschichte ein. Die Menschen hatten mit harten Zeiten zu kämpfen, zum Beispiel im Winter 1886, in dem Millionen Rinder erfroren und verhungerten, oder 1918, als die spanische Grippe ausbrach.

Meine Auswertung zeigt, dass bäuerliche Familien in Gegenden mit starken Wetterschwankungen mehr Kinder hatten als in Regionen mit weniger starken Wetterschwankungen.

Der Effekt, wonach starke Wetterschwankungen mit einer hohen Geburtenrate einhergehen, hält auch dann stand, wenn potentielle andere strukturelle Unterschiede zwischen Gegenden mit hohen und niedrigen Wetterschwankungen berücksichtigt werden (siehe Paper, Section 5.2). Der Grund ist, dass Kinder, und insbesondere junge Erwachsene, in schwierigen Zeiten auf dem Bauernhof und in anderen Bereichen arbeiten konnten. Sie konnten den Haushalt finanziell unterstützen. Sie waren daher ein wertvoller Versicherungsersatz, trotz der Kosten, die mit dem Aufziehen der Kinder zunächst verbunden waren.

Die Notwendigkeit dieser Absicherung schwand mit dem Einzug von Bewässerungsanlagen, modernen landwirtschaftlichen Methoden und dem Bankenwesen. In Zusammenhang mit den Bewässerungsanlagen konnte ich den größten Effekt feststellen: Bereits bei einem Anteil von 25 Prozent bewässerter Fläche gemessen an der gesamten landwirtschaftlichen Fläche führte eine erhöhte Regenfallvariabilität zu keiner erhöhten Geburtenrate mehr; diese glich dann der Geburtenrate in Gegenden mit geringer Regenfallvariabilität. Bewässerungsanlagen bedeuteten, dass die Höfe nicht mehr fürchten mussten, dem Risiko von Schäden etwa durch Dürren hilflos ausgesetzt zu sein. Einen signifikanten Effekt konnte auch beim Einsatz von Maschinen festgestellt werden. Das aufkommende Bankenwesen spielte eine geringe Rolle, obgleich es die Möglichkeit bot zu sparen und Kredite aufzunehmen.

Geburtenrate und Anteil an bewässerter landwirtschaftlicher Fläche

Die linke Karte zeigt nochmals das Verhältnis Kleinkind(er) pro Frau in den Counties im Jahr 1910. Rechts zu sehen ist der Anteil an bewässerter Fläche gemessen an der gesamten landwirtschaftlichen Fläche. Die dunkelblauen Bereiche stehen für einen höheren Anteil an bewässerter Fläche.

Quelle: US agricultural census 1910 (NHGIS)

Aspekt Absicherung in Zeiten des Klimawandels

Die historischen Daten liefern wichtige Erkenntnisse für aktuelle Herausforderungen der Entwicklungspolitik: Denn bereits jetzt stockt der demographische Übergang in manchen Regionen in Subsahara-Afrika und blockiert die dortige ökonomische Entwicklung. Der Klimawandel – und damit das gestiegene Risiko von extremen Wetterlagen – könnten diese Situation noch verschärfen. Um den demographischen Wandel zu beschleunigen, müssen künftige Maßnahmen neben den Industrialisierungsbestrebungen den Aspekt der Absicherung berücksichtigen, etwa in Form von Krankenversicherungen oder sozialer Sicherungsnetze.