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Erkenntnis, verborgen in Datenbergen

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster und Dr. Ramona Rekers haben vier Jahre lang Millionen Daten ausgewertet, um zu zeigen: Blitzmarathons wirken nur sehr kurzfristig.

Kritikerinnen und Kritiker können jetzt sagen, sie hätten es schon immer gewusst: Blitzmarathons führen zu keiner nachhaltigen Änderung des Fahrverhaltens. Zwar fahren die Menschen während der Aktion vorsichtiger, aber am Tag danach ist dieser Effekt verschwunden.

Blitzmarathon – so nennt die Polizei die Überwachung des Straßenverkehrs, die meist einen Tag andauert, und systematisch Geschwindigkeitsüberschreitungen sanktioniert. Ein paar Tage vorher kündigt sie die Offensive an und informiert in einer Kampagne über die Gefahren des Rasens.

Die Initiatorinnen und Initiatoren glauben, mit dieser Aktion das Fahrverhalten verändern zu können. Ein harter Beleg dafür, wer jetzt Recht hat, hat jedoch bislang gefehlt. Den liefern Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics, und seine ehemalige Mitarbeiterin Dr. Ramona Rekers in der Studie „Speed Limit Enforcement and Road Safety“, die in der Reihe IZA Discussion Paper erschienen ist.

 

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

forscht zu Familienpolitik und Digitalisierung

Wie verändern neue Technologien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Wie verändern neue Technologien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist seit 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau. Er ist Forschungsprofessor am ifo Institut München, Research Affiliate des CESifo Netzwerks und Mitglied des Ausschusses für Sozialpolitik beim Verein für Socialpolitik.

Das Ökonomen-Team hat dazu vier Jahre lang Millionen Daten ausgewertet. Die Studie zeigt, welch enorme Rechercheleistung sich hinter einer vermeintlich banalen Aussage verbirgt. Und sie liefert wichtige Anhaltspunkte, welche Maßnahmen sinnvoll sein könnten, um das Fahrverhalten tatsächlich nachhaltig zu beeinflussen. Dazu später mehr.

So viel vorab: Informationskampagnen zu den Gefahren von zu hoher Geschwindigkeit sind so gut wie wirkungslos. „Gut zureden hilft bei Raserinnen und Rasern nicht“, sagt Prof. Dr. Bauernschuster. Zwar fahren die Menschen an den Tagen vor den Blitzmarathons langsamer. Das liegt aber eher daran, dass sie über die Medien von den Blitzmarathons gehört haben, sich aber nicht mehr ganz sicher sind, wann der Blitzmarathon stattfindet, denn: „Sobald die Blitzerei vorbei ist, können wir keine Veränderung mehr feststellen. Blitzmarathons haben also keinen anhaltenden Effekt für Sicherheit auf den Straßen“, sagt Ökonomin Dr. Ramona Rekers.

„Nudging“ – wirkungslos bei Raserinnen und Rasern

Forscherinnen und Forscher sprechen in Zusammenhang mit Informationskampagnen von „Nudging“, einer Methode, die Menschen dazu „anstupsen“ soll, ihr Verhalten in eine bestimmte Richtung zu ändern. „Das funktioniert aber vor allem dann, wenn damit tatsächlich ein Erkenntnisgewinn einhergeht“, erklärt Prof. Dr. Bauernschuster. Beim Rasen ist das offenbar nicht der Fall. Die Menschen scheinen zu wissen, dass Geschwindigkeitsüberschreitungen die meisten Unfälle verursachen – und nehmen es in Kauf, das eigene Leben und das der anderen zu gefährden. Es sei denn, sie müssen fürchten, dabei erwischt zu werden.

Aber wie lässt sich dieses Denken durch Daten belegen? Prof. Dr. Bauernschuster und Dr. Rekers haben vier Effekte gefunden, die den Schluss nahelegen, dass es die Angst vor Strafe ist, die die Menschen bremsen lässt:

  • Während des Blitzmarathons halten sich Fahrerinnen und Fahrer viel häufiger an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die Zahl der Unfälle geht signifikant zurück.
  • Am Tag nach dem Blitzmarathon verschwinden diese Effekte, obwohl das Thema noch in den Medien präsent ist.
  • Wenn Blitzmarathons länger dauern, wie in Bayern, dann ist der Effekt auch länger da. Sobald die Blitzer abgebaut sind, ist aber auch hier der Effekt weg.
  • Auf Autobahnen, wo kein Tempolimit herrscht und damit auch nicht geblitzt wird, zeigen sich während der Blitzmarathons keinerlei Effekte.

Überwiegend männlich, keine Fahranfänger

Für ihre Studie haben Prof. Dr. Bauernschuster und Dr. Rekers Forschungsdaten der Landesämter für Statistik zu allen 1,5 Millionen polizeilich gemeldeten Verkehrsunfällen in deutschen Landkreisen in der Zeit von 2011 bis 2014 ausgewertet. Diese Daten lieferten feingliedrige Informationen zu Ort, Zeit, Unfallbeteiligten und Unfallursache und ließen Rückschlüsse auf die Merkmale der Unfallverursacher zu: Diese waren überwiegend männlich und keine Fahranfänger. Hinzu kamen Daten von mehr als 2400 automatischen Messstationen, die stündlich das Verkehrsaufkommen und die Geschwindigkeit an bestimmten Punkten maßen.

Unsere Studie reiht sich in eine Reihe von Studien ein, die zeigen, dass Tempo-Limits wirken, dass also niedrigere Geschwindigkeiten Unfälle vermeiden können.“

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Universität Passau

Um zu erkennen, ob die begleitende Informationskampagne das Publikum erreichte, werteten die Forscherin und der Forscher eine Datenbank mit 60 Millionen Presseartikeln aus sowie Suchanfragen bei Google und Hashtags auf Twitter. Die Online-Daten ließen Rückschlüsse zu, ob das Thema Blitzmarathon die Bürgerinnen und Bürger erreichte: Tatsächlich schossen die Zahlen kurz vor und während der Aktion nach oben.

Begeisterung für Arbeit mit feingliedrigen Datensätzen

Dr. Ramona Rekers, ehemalige Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

Dr. Ramona Rekers, ehemalige Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Public Economics an der Universität Passau

Die Idee zu der Arbeit hatte Dr. Ramona Rekers, die 2017 am Lehrstuhl von Prof. Dr. Bauernschuster promovierte, und inzwischen als Gesundheitsökonomin bei der Deutschen Rentenversicherung arbeitet. Die Studie war Teil ihrer kumulativen Dissertation.

Dahinter verbirgt sich eine Sammlung von mehreren wissenschaftlichen Fachartikeln zu unterschiedlichen Themen: In einem Artikel beschäftigt sich Dr. Rekers mit Extremwetterlagen in Indien und deren Auswirkungen auf ungeborene Kinder infolge von Mangelernährung bei Schwangeren. In einem weiteren Paper geht sie der Studie nach, wonach Erstgeborene statistisch gesehen im späteren Leben erfolgreicher sind als Zweit- und Drittgeborene. Anhand von dänischen Registerdaten untersucht sie, ob dieser Vorteil womöglich bereits bei der Geburt angelegt ist (Ergebnis: Ist er nicht).

Gemeinsam ist allen Papern (neben dem inhaltlichen Fokus auf Gesundheit) die Methode: Dr. Rekers führt stets mikroökonometrische Studien durch. Sie sucht also in großen, feingliedrigen Datensätzen nach möglichen Belegen für einen vermeintlich kausalen Effekt, aus denen sich dann wiederum Erkenntnisse für gesellschaftliche oder politische Debatten ableiten lassen.

Studien zeigen: Tempo-Limits wirken

Wie eben auch im Falle der Studie zu den Blitzmarathons: „Unsere Studie reiht sich in eine Reihe von Studien ein, die zeigen, dass Tempo-Limits wirken, dass also niedrigere Geschwindigkeiten Unfälle vermeiden können“, sagt Prof. Dr. Bauernschuster. Die Ökonomin und der Ökonom gehen davon aus, dass sich während der Blitzmarathons das Kosten-Nutzen-Kalkül der Fahrerinnen und Fahrer verändert. Durch die erhöhte Gefahr, geblitzt und bestraft zu werden, erhöhen sich die Kosten von zu hoher Geschwindigkeit im Verhältnis zum Nutzen, wie etwa Zeitersparnis oder Freude am schnellen Fahren.

„Wir Ökonominnen und Ökonomen wollen Menschen grundsätzlich nicht paternalisieren und ihnen alles Mögliche verbieten“, sagt Prof. Dr. Bauernschuster. Aber: Wenn durch das eigene Verhalten unbeteiligten Dritten Kosten entstehen, wie das beim Verkehr beispielsweise in Form von Unfällen oder auch Luftverschmutzung der Fall ist, dann sehen Ökonomen hier  einen guten Grund für einen Staatseingriff. Somit ließen sich Tempo-Limits rechtfertigen, aber auch Steuern auf Benzin oder unterschiedliche KfZ-Steuern für besonders PS-starke oder schwere Fahrzeuge.

Text: Kathrin Haimerl