Zum Inhalt springen

Alkohol mit 16 – Gesetzliche Lizenz zum Komasaufen

In deutschsprachigen Ländern darf man im Alter von 16 Alkohol trinken. Am Beispiel von Österreich zeigen wir, dass dieses im internationalen Vergleich sehr niedrige gesetzliche Mindestalter ganz besonders Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien schadet. Von Ökonomen und einer Ökonomin aus Passau und Linz

Europa steht in Sachen Alkoholkonsum weltweit an der Spitze. Trotzdem ist die Wirkung des niedrigen gesetzlichen Mindestalters für Alkoholkonsum in europäischen Ländern kaum erforscht. Studien dazu gibt es vor allem aus den USA; allerdings sind diese für deutschsprachige Länder wenig aussagekräftig. Denn in den USA liegt das gesetzliche Mindestalter für Alkoholkonsum bei 21. In Belgien, Deutschland, Österreich und der Schweiz hingegen dürfen Jugendliche bereits ab dem Alter von 16 Jahren alkoholische Getränke wie Bier oder Wein konsumieren. In unserer Studie „Minimum Legal Drinking Age and the Social Gradient in Binge Drinking“, die kürzlich als JKU Working Paper erschienen ist, beschäftigen wir uns erstmals damit, wie sich dieses niedrige Mindestalter auf das Trinkverhalten der Jugendlichen in Österreich auswirkt.

Warum Alkohol?

Warum interessiert uns Ökonominnen und Ökonomen das? Im Jahr 2016 sind in der EU+ (EU-Länder mit Norwegen und Schweiz) 10,3 Millionen Menschen an den Folgen von Alkoholkonsum gestorben. Mehr als 10 Prozent aller Todesfälle in Europa sind auf Alkohol zurückzuführen. Es handelt sich hier also um ein relevantes Gesundheitsproblem, das Kosten für die Gesellschaft verursacht. Neben dem Verlust gesunder Lebensjahre hat sich die Forschung insbesondere auch mit den Auswirkungen von Alkohol auf Produktivität und Bildung beschäftigt. Außerdem wurde gezeigt, dass Alkohol eben nicht nur denen schadet, die ihn trinken, sondern tatsächlich auch negative Effekte auf unbeteiligte Dritte hat, zum Beispiel weil Alkoholkonsum auch Kriminalität erhöht und zu einem Anstieg von Verkehrsunfällen führt.

Warum Österreich?

Österreich sticht beim "Heavy Drinking Index" heraus.

Österreich - aus mehreren Gründen interessant. Unter anderem, weil es mit dem Trinkverhalten beim „Heavy Drinking Index“ heraussticht.

In unserer Studie nehmen wir Österreich in den Blick. Dieses Land ist für uns aus mehreren Gründen interessant. Zum einen sticht es mit dem Trinkverhalten beim „Heavy Drinking Index“ heraus: Im Jahr 2010 gaben mehr als 50 Prozent aller nicht abstinent lebenden erwachsenen Österreicher an, im vergangenen Monat mindestens bei einer Gelegenheit mehr als 0,5 Liter Wein ein oder drei Bier getrunken zu haben. In den USA liegt dieser Anteil nur bei 25 Prozent, in Deutschland bei 16 Prozent.

Zum anderen verfügen wir hier über eine sehr gute Datenlage. In unsere Studie fließen nicht nur repräsentative Daten des European School Survey Project on Alcohol and other Drugs (ESPAD) ein, in dem im Jahr 2015 mehr als 7000 Neunt- und Zehntklässler an österreichischen Schulen zu Alkohol- und Drogenkonsum befragt wurden. Wir verfügen auch über einen Registerdatensatz der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse, in dem wir 91.208 Jugendliche über das Alter von 13 bis 21 Jahren beobachten können – also bevor sie das gesetzliche Mindestalter erreichen und danach. Von diesen Jugendlichen kennen wir jede Krankenhauseinweisung mit genauer ärztlicher Diagnose. So wissen wir auch, wenn sie etwa wegen einer Alkoholvergiftung in die Klink mussten. Nicht zuletzt nutzen wir auch Daten einer großen Feldstudie, bei der minderjährige Testkäufer versuchten, Alkohol in oberösterreichischen Geschäften zu kaufen.

Zunächst einmal ist für uns interessant, ob Alkohol in Österreich für Teenager leicht zur Verfügung steht. Das ist der Fall: In circa 25 Prozent der Fälle ist es 14- und 15-Jährigen Testkäuferinnen und -käufern gelungen eine Flasche Wodka zu kaufen. Das heißt, die gesetzliche Regelung wird in den Läden nicht sehr streng gehandhabt; selbst harter Alkohol ist recht leicht zu beschaffen. Das bestätigt sich noch mehr in Befragungsdaten: Hier geben schon knapp 85 Prozent der 15-jährigen an, dass sie leicht an Alkohol kämen.

Wenn dem so ist, dann würden wir erwarten, dass es im Alter von 16 Jahren nicht zu einem sprunghaften Anstieg des Konsums kommt. Denn schließlich ist Alkohol ja auch schon vorher verfügbar.

Starker Anstieg des Alkoholkonsums mit 16

Doch sobald der 16. Geburtstag erreicht ist, machen wir folgende Beobachtungen:

  • Die Menge an Alkohol, die die Jugendlichen in der vergangenen Woche konsumierten, steigt sprunghaft um 90 Prozent – und zwar von 55 Gramm Alkohol pro Woche auf 105 Gramm. Das entspricht etwa drei 0,5l Flaschen Bier mehr im Durchschnitt. Die Effekte sind besonders stark für Jungen und für Kinder aus sozial benachteiligten Familien.
  • Die Wahrscheinlichkeit, im vergangenen Monat bei mindestens einer oder zwei Gelegenheiten 5 alkoholische Getränke oder mehr getrunken zu haben, steigt jeweils um 10 Prozentpunkte.
  • Die Wahrscheinlichkeit, mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingewiesen zu werden, steigt unmittelbar nach dem 16. Geburtstag um 42 Prozent.
Ab dem 16. Geburtstag weichen die Kurven der Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten deutlich voneinander ab.

Jugendliche aus verschiedenen sozialen Schichten im Vergleich: Ab dem 16. Geburtstag weichen die Wahrscheinlichkeiten, wegen Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, deutlich voneinander ab.

Vor allem Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien trinken mehr, sobald sie das gesetzliche Mindestalter erreicht haben. Während die Wahrscheinlichkeit einer Alkoholvergiftung vor dem 16. Geburtstag bei Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten noch sehr ähnlich ist, entsteht nach dem 16. Geburtstag eine deutliche Lücke: Vom 16. bis zum 21. Geburtstag ist die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung wegen Alkoholvergiftung bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien durchgängig substantiell höher.

Offenbar herrscht das Motto: Wenn es der Gesetzgeber erlaubt, dann kann es ja nicht so tragisch sein. Und das deckt sich mit den Umfragewerten: Ab dem Alter von 16 schätzen Jugendliche plötzlich regelmäßiges Rauschtrinken an Wochenenden als nicht mehr so gefährlich ein wie zuvor. Etwas salopp formuliert könnte man die Wirkung des niedrigen gesetzlichen Mindestalters als staatliche Lizenz zum Komasaufen beschreiben.

Zuletzt befassen wir uns noch mit der Frage, wie es bei Jugendlichen aussieht, die aus Familien kommen, in denen es Hinweise auf schadhaften Alkoholmissbrauch der Eltern gibt. Letzteres vermuten wir bei der Diagnose einer alkoholbedingten Leberzirrhose. In dieser Gruppe beobachten wir keinen sprunghaften Anstieg, wenn die Jugendlichen das gesetzliche Mindestalter erreichen. Das heißt aber nicht, dass diese Jugendlichen nicht trinken würden – im Gegenteil: Oft trinken Jugendliche dieser Risikogruppe bereits vor Erreichen des gesetzlichen Mindestalters exzessiv. Die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung wegen Alkoholvergiftung ist für Jugendliche aus sozial benachteiligten, alkoholvorbelasteten Familien bereits vor dem 16. Geburtstag mehr als doppelt so hoch wie in nicht-alkoholvorbelasteten Familien. Die Jugendlichen dürften also das Verhalten der Eltern kopieren – und zwar ganz unabhängig von den Vorgaben des Gesetzgebers.

Uns Ökonominnen und Ökonomen geht es nicht darum, das Trinkverhalten insgesamt als gut oder schlecht zu bewerten. Freiheit und Selbstbestimmung über den eigenen Körper sind in unserer Gesellschaft zurecht wichtige Werte.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Hannah Lachenmaier (beide Universität Passau), Prof. Dr. Martin Halla, Prof. Dr. Alexander Ahammer (beide Johannes Kepler Universität Linz)

Was also sind unsere Schlussfolgerungen? Uns Ökonominnen und Ökonomen geht es nicht darum, das Trinkverhalten insgesamt als gut oder schlecht zu bewerten. Freiheit und Selbstbestimmung über den eigenen Körper sind in unserer Gesellschaft zurecht wichtige Werte. Und der Konsum von Alkohol stiftet durchaus auch Nutzen – beispielsweise in Form von Entspannung oder Freude am geselligen Beisammensein. Doch es entstehen eben auch Kosten. Aus gesellschaftspolitischer Sicht beunruhigend könnte insbesondere der Effekt bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien sein. Diese Gruppe könnte ein höheres Mindestalter vom Rauschtrinken am Wochenende abhalten. Aus weltweiter, aber auch aus europäischer Perspektive ist ein Mindestalter für Alkoholkonsum von 16 sehr niedrig. Ein Vergleich mit den USA, wo das Mindestalter für Alkoholkonsum bei 21 liegt, zeigt folglich auch erhebliche Unterschiede im Trinkverhalten der Jugendlichen:

Vergleich Österreich und USA beim jugendlichen Trinkverhalten.

Statt das Mindestalter für alle zu erhöhen, könnte die Politik auch spezielle Maßnahmen in Erwägung ziehen, die ganz gezielt auf Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien zugeschnitten sind und auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol abzielen. Diese Maßnahmen könnten dann auch die besonders gefährdeten Jugendlichen erreichen, die in alkoholvorbelasteten Familien aufwachsen. Denn an der Situation dieser Risikogruppe würde, wie wir gezeigt haben, auch ein höheres gesetzliches Mindestalter nichts ändern.

Über die Autoren und die Autorin

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

forscht zu empirischer Evaluation politischer Maßnahmen

Wie beeinflussen politische Maßnahmen Entscheidungen von Individuen und Familien?

Wie beeinflussen politische Maßnahmen Entscheidungen von Individuen und Familien?

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist seit 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau. Er ist Forschungsprofessor am ifo Institut München, Research Fellow des CESifo Netzwerks, Research Fellow des IZA Bonn und Mitglied des Ausschusses für Sozialpolitik beim Verein für Socialpolitik.

Hannah Lachenmaier hat International Economics and Business studiert und promoviert an der Universität Passau am Lehrstuhl von Prof. Dr. Bauernschuster. Die Studie ist der erste Teil ihrer kumulativen Dissertation. Von ihr stammt die Idee für die Studie: Bei ihrer Masterarbeit, in der sie sich mit Alkoholkonsum und Kriminalität befasste, fiel ihr auf, dass es kaum Studien aus Europa zu diesem Thema gibt.

Prof. Dr. Martin Halla leitet die Abteilung für Wirtschaftspolitik an der Johannes Kepler Universität  Linz. Er ist Research Fellow des IZA Netzwerks und wissenschaftlicher Berater der Gesundheit Österreich GmbH.

Prof. Dr. Alexander Ahammer ist Assistenzprofessor (tenure track) für Applied Econometrics und Big Data am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster und seine Doktorandin Hannah Lachenmaier.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster und Doktorandin Hannah Lachenmaier, die die Idee zu der Studie hatte. Foto: Universität Passau