Zum Inhalt springen

Was verbinden Sie mit Europa?

Wir haben die Europawahl und unseren Themenschwerpunkt "Europa und globaler Wandel" zum Anlass genommen und Professorinnen und Professoren aller Fakultäten zum Thema befragt.

Geht alle wählen! Diese Aufforderung richte ich besonders an die jungen Menschen, denn sie gestalten in Zukunft Europa.

Prof. Dr. Brigitte Forster-Heinlein, Inhaberin der Professur für Angewandte Mathematik.

Prof. Dr. Brigitte Forster-Heinlein

Für die Mathematikerin Prof. Dr. Brigitte Forster-Heinlein ist es selbstverständlich, auf europäischer und internationaler Ebene Kontakte in ihrem Fach zu pflegen. Sie profitiert von EU-Netzwerken aus ihrer Zeit als Postdoc, aus denen sich länderübergreifend Bekanntschaften und Freundschaften entwickelt haben.

„Geht alle wählen! Diese Aufforderung richte ich besonders an die jungen Menschen, denn sie gestalten in Zukunft Europa. Ich durfte das Zusammenwachsen Europas von Kind auf erleben. Ich komme aus einem kleinen Dorf mit 1800 Einwohnern, das eine Jumelage, eine Städtepartnerschaft, mit einem französischen Dorf hatte. Als ich sechs Jahre alt war, haben wir das französische Dorf das erste Mal besucht. Unsere Handwerksleute haben sich bei den französischen Kolleginnen und Kollegen umgeschaut. Mit Hilfe der gemeinsamen Tätigkeiten und Interessen konnte man sich recht gut verständigen.

Mir selbst hat damals die Mathestunde im Unterricht an der französischen Grundschule am besten gefallen, denn Französisch habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht gesprochen. Aber Mathe ist international verständlich. Fast jedes Jahr besuchte uns unsere französische Partnerfamilie. Ich kann mich noch erinnern, wie sie einmal aufgeregt kamen: ‚Wir sind über die Grenze gefahren und mussten keinen Ausweis zeigen!‘ Offene Grenzen, der Euro, die Möglichkeiten, die Erasmus bietet – all das hat Europa näher zusammengebracht. Ich wünsche mir, dass sich alle hier in Europa so verwurzeln können, wie dies uns Forscherinnen und Forschern möglich ist. Da entstehen europaweit Freundschaften, die Grenzen im Kopf sind weg.“

Ich wünsche Europa, dass diese Zeit der nationalen Abgrenzungen, wie wir sie momentan erleben, schnell wieder zu Ende geht, dass die Grenzen wieder offen werden.

Prof. Dr. Franz Lehner, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt Informations- und IT-Service-Management

Professor Franz Lehner

Gemeinsam mit Prof. Dr. Hannah Schmid-Petri und Prof. Dr. Susanne Mayr organisiert Prof. Dr. Franz Lehner im Sommersemester 2019 wieder eine Ringvorlesung darüber, wie Digitalisierung Wirtschaft und Gesellschaft verändert. Das Team lädt alle an diesem Thema Interessierten fach- und grenzübergreifend ein.

„Mit Europa verbindet mich ein weitverzweigtes europäisches Netzwerk, beruflich wie privat. Das ist für meine Generation keine Selbstverständlichkeit: Als ich in Wien und in Linz Informatik studiert habe, war Auslandserfahrung eher die Ausnahme. Der Weg zu anderen europäischen Ländern führte bei mir über ein USA-Projekt in Ann Arbor, Michigan. Ich war 34, als ich für drei Monate das Abenteuer wagte und testete, ob ich in den USA auf Englisch lehren und forschen könnte. Die ersten zwei Wochen waren hart, aber ich habe mich durchgebissen. Ich lernte bei diesem Besuch Prof. Dr. Rick Watson von der University of Georgia kennen, der uns auch als Familie viele Türen geöffnet und mich letztlich mit seiner Reiselust, seiner Neugierde auf andere Länder und Kulturen angesteckt hat.

Ich wünsche Europa, dass diese Zeit der nationalen Abgrenzungen, wie wir sie momentan erleben, schnell wieder zu Ende geht, dass die Grenzen wieder offen werden. Das, was im akademischen Bereich so selbstverständlich geworden ist – nämlich der unkomplizierte, grenzüberschreitende Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, sollte für alle möglich sein. Es wäre gut für die europäische Integration, wenn dem Siegeszug technologischer Innovationen ein ähnlicher Durchbruch im sozialen und gesellschaftlichen Bereich folgen würde. Und vielleicht gelingt es uns ja durch unsere Tätigkeit als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu beizutragen.“

„Frauenrechte – ein Bereich, in dem Europa weltweit vorbildhaft wirken kann und auch sollte.“

Prof. Dr. Daniela Wawra, Vizepräsidentin der Universität Passau für Studium, Lehre und Internationalisierung

Prof. Dr. Daniela Wawra ist Inhaberin des Lehrstuhls für Englische Sprache und Kultur sowie Vizepräsidentin der Universität Passau für Studium, Lehre und Internationalisierung. Seit 2010 ist sie außerdem Vizepräsidentin des Deutschen Hochschulverbands. An der Universität Passau leitet sie die Prüfungskommissionen der Studiengänge B.A. (Major) und M.A. European Studies, die Studierende mit einer Verbindung aus kulturwissenschaftlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen, Theorienund Methoden befähigen, sich auf unterschiedlichen Ebenen und aus diversen Perspektiven mit europäischen Themen und Problemstellungen wissenschaftlich fundiert auseinanderzusetzen – und sich später beruflich in einem vielfältig verflochtenen Europa einzubringen.

"Ich verbinde mit Europa kulturelle und sprachliche Vielfalt und Werte wie Menschenwürde, Menschenrechte und insbesondere auch Frauenrechte – ein Bereich, in dem Europa weltweit vorbildhaft wirken kann und auch sollte. Und, das sollten wir bei allen derzeitigen Verwerfungen nicht vergessen: Europa ist ein Friedensprojekt."

„Für mich ist Europa etwas sehr Persönliches.“

Prof. Dr. Harald Kosch, Vizepräsident der Universität Passau für IT und Akademische Infrastruktur

Prof. Dr. Harald Kosch vertritt mit seinem Lehrstuhl das Fach Verteilte Informations- und Multimedia-Systeme. Als Forscher und Netzwerker treibt er seit mehr als einem Jahrzehnt die europaweite Zusammenarbeit insbesondere mit Frankreich voran und hat mit IRIXYS ein internationales Forschungszentrum in intelligenten digitalen Systemen aufgebaut, an dem neben Passau die INSA Lyon sowie die Università degli Studi di Milano beteiligt sind. Für sein Engagement wurde Harald Kosch unter anderem mit dem Preis für Verdienste um die Internationalisierung der Universität Passau sowie mit dem französischen Verdienstorden "Chevalier de l‘Ordre des Palmes Académiques" ausgezeichnet.

"Nach dem Vordiplom und einem weiteren Studienjahr an der TU München habe ich mich damals entschlossen, nach Frankreich zu gehen. Der Einstieg dort war durch das zusammenwachsende Europa bereits einfacher geworden: Man konnte sich als Ausländer beispielsweise gleichberechtigt zu französischen Studierenden bewerben, die Studienleistungen wurden weitgehend anerkannt – aber darüber hinaus, war es gar nicht so einfach für mich. Es gab noch keine ERASMUS-Stipendien und ich musste im Gegensatz zu meinen französischen Kollegen, die Zugang zu Doktorandenstipendien hatten, mein Leben selbst finanzieren. Ich wollte unbedingt weiter in diesem französischen Forschungslabor bleiben, wo die Bedingungen, zum Thema Parallel Computing zu forschen, hervorragend waren. So habe ich einen Nebenjob als Deutschlehrer angenommen und in einem Kindergarten unterrichtet. 1995 kam dann die Richtlinie zum gemeinsamen Arbeitsraum in Europa, und das hat mir sehr geholfen: Ich war als Deutscher plötzlich gleichberechtigt auf dem französischen Arbeitsmarkt, konnte eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter annehmen und meine Dissertation abschließen. Für mich ist Europa insofern etwas sehr Persönliches."

Europa zeichnet eine ganz spezifisch europäische Idee von Gerechtigkeit aus: Es geht um Reason und Fairness.“

Prof. Dr. Ulrike Müßig, Inhaberin des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht sowie Deutsche und Europäische Rechtsgeschichte

Prof. Dr. Ulrike Müßig

Prof. Dr. Ulrike Müßig ist Advanced Grantee des European Research Council. Unter ihrer Leitung erforschten in dem Projekt „ReConFort – Reconsidering Constitutional Formation“ (Grant-Agreement Nummer 339529, ReConFort)  Juristinnen und Juristen vier Jahre lang historische Verfassungsdebatten in Belgien, Deutschland, Italien, Polen und Spanien.

„Europa zeichnet eine ganz spezifisch europäische Idee von Gerechtigkeit aus: Es geht um Reason und Fairness. Darin steckt die aristotelische Güte in der Gerechtigkeit, die englische Equity, die Härten im Recht ausgleicht, und eine über formale Gerechtigkeit hinausgehende vernunftgebundene Fairness. Professor Kurt Lipstein, bei dem ich als Studentin in Cambridge lernen durfte, beeindruckte mich mit seiner davon durchdrungenen Rechtsgelehrsamkeit. Als jüdischer Assessor 1933 nach England geflohen, harrte er während des Blitzkriegs als Fakultätsassistent auf dem sehr spitzen Dach der Squire Law Library aus. Mit drei Eimer Wasser gegen deutsche Bomben!

Diesem Grand Seigneur des englischen Internationalen Erbrechts und Autor des ersten englischen Lehrbuchs über Europarecht konnte noch wollte sich keine(r) entziehen, die oder der je in der alten Squire ein – verwirrenderweise nach Größe sortiertes – Buch gesucht hat. Wahrnehmbare Gerechtigkeit (‚justice seen to be done‘) basierte auf Werten, die britisch und europäisch zugleich sind: auf Reason und Fairness. Kurt Lipstein lebte und lehrte uns deutschen Studierenden der 1990er Jahre, dass sich Fairness mit Vernunft erreichen lässt, wenn man sich immer wieder neu um die Unterscheidung zwischen ‚Was ist’ und Interpretation bemüht."

„Man fühlt sich in Europa überall zu Hause. Wenn Notre Dame brennt, brennt auch das eigene Herz.“

Prof. Dr. Carolin Häussler, Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Organisation, Technologiemanagement und Entrepreneurship

Prof. Dr. Carolin Häussler

Seit 1. Mai ist Prof. Dr. Carolin Häussler Mitglied der Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung. Mit dem International Centre for Economics and Business Studies holt sie regelmäßig Forscherinnen und Forscher aus anderen europäischen Ländern, aus den USA und aus Asien nach Passau, um den internationalen Austausch zu stärken und auch damit sich der wissenschaftliche Nachwuchs frühzeitig ein internationales Netzwerk aufbauen kann.

„Europa steht für mich für eine unglaubliche Vielfalt an Ländern, Sprachen, Kulturräumen innerhalb kurzer Distanzen. Zugleich fühlt man sich überall zu Hause: Wenn Notre Dame brennt, dann brennt auch ein Stück weit das eigene Herz. Europa ist das Gebilde, das diese Vielfalt, diese Gegensätze, eint, eine demokratische Wertegemeinschaft. Diese Einheit erlebt gerade stürmische Zeiten. Sie muss sich extremen Herausforderungen stellen: Da sind die Auswüchse der Globalisierung, die zu neuen nationalistischen Tendenzen führen, da sind die technologischen Veränderungen und der Klimawandel. Alles hängt zusammen.

Beispiel Digitalisierung: Wir haben es nicht geschafft, auf diesem Feld einen europäischen Champion hervorzubringen. Das muss uns jetzt Warnung genug sein, wenn es um Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz oder die Genschere Crispr geht. Wir brauchen hier europäische Unternehmen, die auf dem globalen Markt bestehen können. Das erfordert europäische Abstimmungen und Regelungen, ein einzelnes Land kann wenig ausrichten. Wenn Europa es schafft, hier zusammenzustehen, kann es Freiheit, Friede und Wohlstand erfolgreich garantieren. Das alles hängt an einem europäischen Zusammenhalt, der derzeit leider erodiert.“

Es braucht politische Eliten, die den Menschen ehrlich sagen, wo die Leistung dieses Europa liegt.

Prof. Dr. Daniel Göler, Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls für Europäische Politik

Professor Daniel Göler

Am Dienstag, 14.5., spricht Prof. Dr. Daniel Göler ab 18 Uhr auf dem Podium der Bundeszentrale für politische Bildung auf  dem Donauschiff Sissi zum Thema "Europa an der Grenze?!". Am Sonntag, 26.5., begleiten er und sein Team zusammen mit der Hochschulgruppe Europawahl den Wahlabend bis in die frühen Morgenstunden hinein live mit einer Wahlparty im Audimax.

„Mit Europa verbinde ich Frieden und offene Grenzen. Als Saarländer und Luxemburger weiß ich, was es bedeutet, wenn willkürlich gezogene Grenzen gewachsene Kulturräume durchschneiden. Vom Fenster meines Kinderzimmers blickte ich auf die Spicherer Höhen, ein Schlachtfeld im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und später wieder im Zweiten Weltkrieg.  Dort, wo wir spielten, kämpften früher Soldaten, die nur wenige Jahre älter waren als wir. Mein luxemburgischer Landsmann und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat das einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht: ‚Wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!’ Das stimmt. Diese Orte machen betroffen und führen den Wert dieses Europa, in dem wir heute leben, direkt vor Augen.  

Mein erstes wissenschaftliches Forschungsprojekt hatte sich mit dem damaligen EU-Verfassungsprozess befasst, in dem es neben institutionellen und technischen Fragen auch ganz zentral darum ging, was Europa im Innersten zusammenhält. Aus meiner Sicht braucht es politische Eliten, die den Menschen ehrlich sagen, wo die Leistung dieses Europa liegt. Die Schuldzuweisung an Brüssel für die Umsetzung national unliebsamer Verordnungen und Richtlinien muss aufhören. Außerdem müssen wir uns daran gewöhnen, dass Europa kompliziert ist. Es gibt keine einfache Lösung, um 28 Länder zusammenzubringen. Zugleich muss klar werden, dass Europa viele Dinge vereinfacht: Die EU ist eine ganz wichtige Förderin unserer wissenschaftlichen Arbeit. Dabei wäre es verkürzt, diese Förderung auf das Finanzielle zu reduzieren. Häufig ergeben sich dadurch neue Kontakte und Netzwerke, die weit über den rein materiellen Wert hinausgehen.“

Europa ist für mich geistige Heimat, weil es nicht zuletzt in geistiger Hinsicht Großartiges geleistet hat.

Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig, Inhaberin der Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte

Professorin Barbara Zehnpfennig

Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und erforscht neben antiker Philosophie unter anderem auch die totalitären Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts. Am Mittwoch, 22. Mai, hält sie kurz vor der Europawahl bei der Eröffnung des Österreichischen Städtetags in Rust die Festrede mit dem Titel: Europa – unser Schicksal?

„Europa ist für mich geistige Heimat, weil es nicht zuletzt in geistiger Hinsicht Großartiges geleistet hat. Unübertroffen klar hat dies unser erster Bundespräsident Theodor Heuss zum Ausdruck gebracht: ‚Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom.’ Jerusalem, Athen und Rom: Im Universalismus des Christentums als Grundlage des Menschenwürde-Gedankens, der Vernunft-Philosophie der Antike und dem römischen Recht liegen die Wurzeln unserer gemeinsamen Werte, die sich auf so wunderbare Weise zusammengefügt haben. Mit der grandiosen Erfindung des Staates, seiner spezifisch westlichen Form der Wissenschaft und der Bindung der Politik an das Recht ist Europa Vorbild für die ganze Welt geworden.

Zugegeben, Europa hat nicht nur Großes im Guten hervorgebracht, sondern auch im Bösen – beispielsweise den Kolonialismus oder die totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Umso wichtiger ist es, dass sich Europa heute auf seine Wurzeln besinnt und daraus eine Vision entwickelt, die Chinas Nationalismus, Russlands Imperialismus und dem radikal anti-westlichen Islamismus etwas entgegensetzen kann. Denn diesen Herausforderungen wird man sich nicht stellen können, wenn in der Europäischen Gemeinschaft kleinliche Nutzenkalküle und nationale Egoismen vorherrschen.“