Forschende haben sich im Europe-Horizon-Verbund TaCT-FoRSED europaweit unter Koordination der Universität Passau zusammengeschlossen, um manifestem Verschwörungsglauben auf den Grund zu gehen. Im Rahmen eines Arbeitspakets führten sie Studien in insgesamt acht europäischen Ländern durch, die kürzlich als Pre-Print, also als Vorabfassung, erschienen sind. Methodisch handelt es sich um Sekundäranalysen: Das Team erhob keine eigenen Umfragen, sondern führte vorhandene Daten zusammen – große Bevölkerungsbefragungen, internationale Demokratie-Indizes und Fachliteratur. Ein gemeinsames Analyseraster macht die acht Länder vergleichbar. Eine Reise von West nach Ost:
Spanien: Alte Geschichten in neuer Verpackung
Spaniens Verschwörungserzählungen folgen oft einem Drehbuch, das noch zu Francos Zeiten geschrieben wurde. Diese Erzählungen seien tief in den Medien, der Parteipolitik und der Zivilgesellschaft verwurzelt. Das bereits vorhandene Misstrauen habe während der Pandemie als eine Art Einstiegspunkt in ein umfassenderes verschwörungsideologisches Denken gewirkt. Die hartnäckigste Schwachstelle liege jedoch in der Kluft zwischen formaler demokratischer Qualität und wahrgenommener Legitimität. Spanien ist eine gefestigte Demokratie. Trotzdem fühlen sich viele Bürgerinnen und Bürger von der Politik nicht vertreten. Verschwörungserzählungen „bieten eine Erklärung dafür, warum ein formal demokratisches System Ergebnisse hervorbringt, die die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht als von ihnen autorisiert empfinden“, schreibt das Autoren-Team. Gegengewichte bilden eine positive Einstellung zur Wissenschaft, ein starkes Bekenntnis zur Demokratie und Reformen in der politischen Bildung. Zur Länderstudie Spanien
Großbritannien: Der Durchschnittswert verbirgt die wahre Geschichte
Großbritannien zählt zu den Ländern Europas, in denen Verschwörungsdenken am wenigsten verbreitet ist. Dennoch gewinnt es auch hier zunehmend an Boden. Ein Großteil dieser Anfälligkeit, so argumentiert die Studie, sei systemimmanent. Im britischen Mehrheitswahlsystem verfallen viele Stimmen und nehmen so kaum Einfluss auf das Wahlergebnis. Regierungskrisen nach 2019, eine hohe Konzentration der Medien und regionale Ungleichheiten verstärkten die Belastung zusätzlich. Doch auch die Gegengewichte seien beträchtlich: ein unabhängiger Oberster Gerichtshof, eine BBC, die jede Woche rund 90 Prozent der Erwachsenen erreicht, ein hohes Bildungsniveau, aktive Faktenprüfer und eine parlamentarische Kultur, in der Verschwörungserzählungen tabu seien. Medienkompetenz allein sei aber nicht ausreichend, heißt es in der Studie. Grund dafür sei, dass die strukturellen Anreize für die Verbreitung von Falschinformationen die individuellen Möglichkeiten zur Erkennung bei weitem übersteigen. Zur Länderstudie Großbritannien
Frankreich: Stark auf dem Papier, zerbrechlich in der Praxis
Frankreich schneidet bei fast allen formalen Maßstäben für Demokratie gut ab – und bietet dennoch einen fruchtbaren Boden für Verschwörungstheorien. Der moderne französische Verschwörungsglaube hat eine lange Tradition und reicht zurück bis zu Abbé Barruels Darstellung der Französischen Revolution als freimaurerische Verschwörung. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „die formale demokratische Qualität kein ausreichender Garant für Widerstandsfähigkeit gegen Verschwörungserzählungen ist“. Die Kluft zwischen der institutionellen Stärke Frankreichs und der alltäglichen Erfahrung der Bürgerinnen und Bürger schaffe ein Legitimitätsvakuum, das von Verschwörungsnarrativen ausgefüllt wird. Zwei mögliche Hebel stechen hervor: Medien und mehr Partizipation. Eigentumsvorschriften und die Unterstützung unabhängigen Journalismus könnten der Konzentration des Medienbesitzes entgegenwirken. Bürgerversammlungen und partizipative Haushaltsplanung könnten das Gefühl der Einflussnahme der Menschen stärken. Starke wissenschaftliche Institutionen, eine aktive Fact-Checking-Szene und eine moderate emotionale Polarisierung tragen außerdem dazu bei, das Problem einzudämmen. Zur Länderstudie Frankreich
Deutschland: Starke Institutionen, hartnäckige Minderheit
Deutschland gilt als gefestigte Demokratie - und widerspricht im europäischen Vergleich doch der einfachen Formal ‚mehr Demokratie, weniger Verschwörungsglaube'. In der Europäischen Sozialerhebung (ESS) erzielt Deutschland nach Schweden den zweitniedrigsten Wert, wenn es um Verschwörungslauben geht. Gleichzeitig wisse man aus Erhebungen aber auch, dass zwischen einem Viertel und einem Drittel der Deutschen tendenziell anfällig für solches Denken sind. Zudem belegt die Studie eine hohe Verankerung von Verschwörungsideologien in bestimmten Regionen und Milieus, insbesondere unter AfD-Anhängern und in Ostdeutschland. In der Pandemie seien alte Verschwörungserzählungen massenhaft aktiviert worden. Hinzu komme ein fehlendes Gefühl politischer Wirksamkeit vieler Bürgerinnen und Bürger. Die Studie empfiehlt einen Ausbau direktdemokratischer oder partizipativer Elemente sowie Maßnahmen, die über individuelle Förderung von Medienkompetenz hinausgehen. Zur Länderstudie Deutschland
Tschechien: Eine gesunde Demokratie mit einem blinden Fleck
Die Tschechische Republik gehört zu den stabilsten Demokratien Mitteleuropas. Dennoch haben Verschwörungstheorien Einzug ins Parlament und in die Regierung gehalten. Die Autorinnen und Autoren bezeichnen den tschechischen Fall als „warnendes Beispiel“ dafür, wie sich formale demokratische Qualität und das Gefühl der politischen Selbstwirksamkeit der Bürgerinnen und Bürger voneinander entfernen können. Ein Hebel steche hervor: qualitativ hochwertige Medien. Die Autorinnen und Autoren sehen deren Schutz auch als „Maßnahme zur Stärkung der demokratischen Widerstandsfähigkeit“. Darüber hinaus seien historische Erfahrungen zu berücksichtigen. Erzählungen über Netzwerke der Geheimpolizei und Täuschungsmanöver der Elite finden nach wie vor Resonanz. Gegenerzählungen sollten diese historischen Erfahrungen ernst nehmen. Zur Länderstudie Tschechien
Österreich: Formal stark, kulturell ambivalent
Auch Österreich zählt zu den Ländern mit dem geringsten Verschwörungsglauben Europas – und doch prägen Verschwörungserzählungen dort Wahlen und Gesetzgebung. Extreme politische Positionen und Verschwörungsmentalität hängen in Österreich deutlich stärker zusammen als in anderen Ländern. Die Autorinnen und Autoren beschreiben das Land mit der Formel „formale Stärke und kulturelle Ambivalenz“. Starke Institutionen verhindern eine Aushöhlung der Demokratie. Darüber aber liegen populistische Unterströmungen und eine lange uneindeutige Haltung zur NS-Vergangenheit. Überraschend ist ein weiterer Befund: Viele Menschen in Österreich trauen sich durchaus zu, politisch etwas zu bewirken – nur erleben manche gerade den Protest gegen das System als wirksam. Weil das Gleichgewicht in ruhigen Zeiten hält, in Krisen aber kippen kann, empfiehlt die Studie, Medienkompetenz und politische Bildung durch schnelle Reaktionsmechanismen für Krisenzeiten zu ergänzen. Zur Länderstudie Österreich
Slowakei: Von den Rändern ins Zentrum
Die Slowakei veranschaulicht, was passiert, wenn Verschwörungserzählungen vom Rand ins politische Zentrum vordringen. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico gewann die Wahl nicht zuletzt mit solchen Narrativen und regiert mit Anhängern solcher Erzählungen. Demokratische Makrostrukturen haben sich messbar verschlechtert. Menschen, die sich machtlos fühlten, seien empfänglicher für Verschwörungsglauben, was das Gefühl der Machtlosigkeit weiter vertiefe, schreibt das Autoren-Team. Sind verschwörungsideologische Akteure erst einmal im Amt, schwächen sie genau jene Institutionen, die sie zur Rechenschaft ziehen könnten. Angriffe auf NGOs und unabhängige Medien seien deshalb keine Zufälle. Faire Wahlen alleine reichten nicht aus: Die Slowakei schneidet bei der Wahlintegrität gut ab, während Pressefreiheit und zivilgesellschaftlicher Raum zurückgehen. Eine aktive Zivilgesellschaft, EU-Auflagen und engagierte junge Menschen wirken dennoch weiterhin als Gegengewicht, obwohl sie zunehmend unter Druck geraten. Zur Länderstudie Slowakei
Bulgarien: Wo Misstrauen die Norm ist
Bulgarien weist nicht nur nach fomalen Demokratieindizes eine der schwächsten Demokratien in der EU auf, sondern auch eine der höchsten Raten an Verschwörungsglauben in Europa. Aber Bulgariens Fall zeigt dem Autoren-Team zufolge auch, dass Verschwörungsdenken demokratische Überzeugungen nicht einfach ersetzt. „Verschwörungsdenken kann mit demokratischen Bestrebungen koexistieren, wenn die vorhandenen Institutionen eben diese demokratischen Ansprüche enttäuscht haben“, heißt es in der Studie. In einem solchen Umfeld, so das Fazit, sei Verschwörungsglaube „keine Anomalie, sondern ein strukturelles Merkmal“. Die Studie sieht politische Selbstwirksamkeit – das Gefühl, etwas bewirken zu können – neben Reformen der Justiz und der Medienregulierung als das entscheidende Defizit und den vielversprechendsten Ansatzpunkt für Maßnahmen an. Zur Länderstudie Bulgarien
Erste Erkenntnisse aus dem Vergleich
Insgesamt gebe es den Autorinnen und Autoren zufolge keine Hinweise darauf, dass Verschwörungsideologien heute verbreiteter sind als in vergangenen Zeiten. „Auch wenn es nicht zwingend mehr Menschen mit diesen Einstellungen gibt, scheinen Verschwörungsideologien in den vergangenen Jahren politisch und gesellschaftlich wirkmächtiger geworden zu sein“, sagt Dr. Stefan Christoph, Politikwissenschaftler an der Universität Passau und Hauptautor der Studien zu Deutschland und Frankreich sowie einer übergreifenden Vergleichsstudie. Das liege insbesondere am Einfluss von organisierten Gruppen sowie verschwörungsideologischen Mediennetzwerken, die entsprechende Einstellungen aus der Bevölkerung aufgreifen, verstärken und damit Politik und Gesellschaft durchlässig für Verschwörungsglauben machen.
Die Länderstudien haben Forschende der Universität Passau zusammen mit ihren europaweiten Partnerinnen und Partner im Rahmen des Horizon-Europe-Verbundprojekts TaCT-FoRSED untersucht, der von Passau aus koordiniert wird. Die Europäische Union fördert den Verbund im Rahmen des Programms Horizont Europa (Fördervereinbarung 101178926 im Call „Past, present and future of democracies; HORIZON-CL2-2024-DEMOCRACY-01“). An der Universität Passau ist der Verbund Teil des Forschungsprofilfelds „Resiliente Demokratien“. Darin untersuchen Forschende aus verschiedenen Disziplinen die Bedrohungen für demokratische Systeme, um zu erkennen, wie sich deren Resilienz stärken lässt.
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