Die Krankenkasse lockt mit einem Bonus: Wer seine Schlafdaten trackt und verbessert, bekommt Geld. Was für die einen der Selbstoptimierung dienen kann, wird für andere zum Risiko.
Ein Forschungsteam der Universität Passau um die Ethikerin Prof. Dr. Karoline Reinhardt hat gemeinsam mit Kooperationspartnern der Universitäten Kassel, Tübingen und Duisburg-Essen untersucht, wer im digitalen Raum besonders schutzbedürftig ist. Die zentrale Erkenntnis: Verletzlichkeit, in der Fachsprache Vulnerabilität, ist in Zusammenhang mit Datenschutz keine feste Eigenschaft. Sie entsteht erst im jeweiligen Kontext. Das Passauer Team, das an dem vom BMFTR geförderten Projekt DiversPrivat – Diversitätsgerechter Privatheitsschutz in digitalen Umgebungen beteiligt ist, hat seine Erkenntnisse und Empfehlungen in Form eines Policy Paper vorgelegt.
„Klassische Diskriminierungskategorien wie Geschlecht, Herkunft oder Alter greifen beim Datenschutz oft zu kurz“, sagt Prof. Dr. Karoline Reinhardt, die das Passauer Teilprojekt im Rahmen von DiversPrivat leitet. Dr. Lukas Naegeli, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Hauptautor, ergänzt: „Die spezifische Verletzlichkeit im Bereich des Datenschutzes ist kontextabhängig und kann je nach technischen, sozialen und institutionellen Umständen unterschiedlich ausgeprägt sein.“
In dem Policy Paper, das in der Reihe Forschungsberichte der Plattform Privatheit erschienen ist, schildern die Forschenden dies am Beispiel digitaler Gesundheitsanwendungen. Während die Nutzung einer Fitness-, Zyklus- oder Mental-Health-App für manche Personen harmlos ist, kann sie für andere mit erheblichen Risiken verbunden sein. Wer etwa in einem prekären Arbeitsverhältnis steckt, ist stärker darauf angewiesen, dass sensible Gesundheitsdaten nicht an Dritte gelangen, da Versicherungen oder Arbeitgeber sie als Druckmittel verwenden könnten. Personen in stabilen Verhältnissen haben demgegenüber häufig größere Handlungsspielräume. Sie können datenschutzfreundliche Alternativen wählen, kostenpflichtige Dienste nutzen oder im Konfliktfall den Job wechseln.
Ein und dieselbe Person kann somit entlang unterschiedlicher Dimensionen verletztlich sein, die in manchen Situationen relevant werden und in anderen nicht. Das Forschungsteam schlägt deshalb vor, den offeneren Begriff der Diversität mit dem Konzept der Vulnerabilität zu kombinieren, um Schutzbedarfe näher an den Lebenswirklichkeiten der Betroffenen zu ermitteln. Entscheidend sei zudem, Betroffene bei der Entwicklung konkreter Maßnahmen einzubeziehen.
Das Policy Paper formuliert folgende praktische Empfehlungen:
Über das Projekt DiversPrivat
Das interdisziplinäre Projekt DiversPrivat wird von der Universität Duisburg-Essen koordiniert. Beteiligt sind Forschende aus Psychologie, Recht, Angewandter Ethik sowie Medienethik und Wissenschaftskommunikation. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert das Projekt seit mehr als drei Jahren.
Das Team der Universität Passau verantwortet das Teilprojekt Sozialethik. Die Forschenden untersuchen, welche Personengruppen beim Schutz ihrer Privatheit benachteiligt sind und wie sich dies äußert. Das Policy Paper ist das erste des Projekts. Die Empfehlungen der Passauer Gruppe fließen auch in die anderen Teilprojekte ein. Beispielsweise testet ein Team aus der Sozialpsychologie, ob und wie der Einbau körperlich wahrnehmbarer Reize das Bewusstsein für Datenschutz schärft.