Symbolfoto: Adobe Stock
Suchmaschinen bestimmen, welche Informationen wir finden – und welche nicht. Wer die Infrastruktur der Websuche kontrolliert, beeinflusst öffentliche Debatten, demokratische Prozesse und wirtschaftliche Entwicklungen. Aktuell liegt diese Macht bei wenigen US-amerikanischen Unternehmen.
Das EU-Projekt OpenWebSearch.EU unter Koordination der Universität Passau hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, das zu ändern. Ein zentraler Meilenstein ist nun erreicht: Das europäische Forschungsteam hat den Open Web Index (OWI) an den Start gebracht – einen offenen, europäischen Webindex als Grundlage für alternative Suchtechnologien.

Prof. Dr. Michael Granitzer bei seinem Vortrag auf dem Next Generation Internet Forum 2025 in Brüssel. ©Mario Amé, NGI Outreach Office
„Der Open Web Index ist der erste funktionale Prototyp seiner Art“, erklärt Prof. Dr. Michael Granitzer, Inhaber des Lehrstuhls für Data Science an der Universität Passau und Projektkoordinator. „Mit dem OWI bekommen Unternehmen und Forschende einfach Zugang zu aufbereiteten Webdaten.“
Suchtechnologien bleiben auch in Zeiten von künstlicher Intelligenz entscheidend, betont der Datenwissenschaftler. „Online-Suche ist ein Kernbestandteil moderner KI. Auch Sprachmodelle nutzen Suchmaschinen über sogenannte Suchagenten.“ Das heißt, der OWI könnte auch zum Fundament europäischer KI-Anwendungen werden und die Entwicklung eines europäischen ChatGPT unterstützen.
Was ist der Open Web Index?
Im Kern handelt es sich dabei um ein ständig wachsendes Verzeichnis von Webseiteninhalten, das neutral und quelloffen aufgebaut ist. Der OWI enthält bereits mehrere hundert Millionen Webseiten, die Forschende in dem Team um Prof. Dr. Granitzer automatisiert durchsuchen und indexieren lassen. Der Fokus liegt dabei auf Inhalten, die für Forschung, Bildung und Behörden relevant sind, darunter vor allem Seiten aus dem europäischen Raum und mehrsprachige Inhalte.
Im Gegensatz zu Suchmaschinen wie Google oder Bing, die ihre Indizes als Geschäftsgeheimnis hüten und personalisierte Werbung in den Mittelpunkt stellen, verfolgt der OWI einen gemeinwohlorientierten Ansatz. Er trennt klar zwischen der Datenbasis, die der Index bildet, und den darauf aufbauenden Anwendungen. So sollen vielfältige Dienste entstehen – von spezialisierten Suchmaschinen über Sprachmodelle bis hin zu Analysesystemen –, ohne dass Einzelne die Kontrolle über die gesamte Infrastruktur besitzen.
Der Zugang zu Information ist kein Geschäftsmodell, sondern ein Grundpfeiler der Demokratie."
Prof. Dr. Michael Granitzer, Universität Passau
„Der Zugang zu Information ist kein Geschäftsmodell, sondern ein Grundpfeiler der Demokratie“, betont Prof. Dr. Granitzer. „Wir müssen dafür sorgen, dass der digitale Raum ebenso offen und pluralistisch gestaltet ist wie unsere Gesellschaften.“ Mit dieser Forderung stieß der Wissenschaftler beim Next Generation Internet Forum 2025, das im Juni in Brüssel stattfand, auf breite Unterstützung. Dort präsentierte er den OWI Vertreterinnen und Vertretern aus Forschung, Politik und Zivilgesellschaft.
Index in der Testphase
Aktuell befindet sich der OWI in einer Testphase und wird kontinuierlich erweitert und aktualisiert. Der Zugang erfolgt über eine offene Schnittstelle (API), die Forschungseinrichtungen, gemeinnützigen Organisationen, Entwicklerinnen und Entwicklern sowie Start-ups zur Verfügung steht. Interessierte können sich über die Plattform OpenWebSearch.EU registrieren, um Zugriff auf die Daten zu erhalten. „Wir sammeln derzeit Feedback und identifizieren technische Herausforderungen, um so die Grundlage für einen stabilen, skalierbaren Betrieb zu schaffen“, erklärt Prof. Dr. Granitzer.
Über OpenWebSearch.EU
Das Vorhaben startete im September 2022 und läuft noch bis Februar 2026. Die Europäische Kommission fördert es im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms „Horizont Europa“ unter der Fördervereinbarung 101070014. Es vereint ein Konsortium aus 14 europäischen Forschungseinrichtungen und Rechenzentren. Koordiniert wird es von der Universität Passau und der gemeinnützen Open Search Foundation e. V.
Die EU stellt für das Projekt eine Fördersumme von 8,5 Millionen Euro zur Verfügung. Vergleicht man diese Summe mit den Milliarden, die die US-Konzerne jährlich in die Weiterentwicklung ihrer Technologien stecken, wirkt sie gering. Doch zeigt insbesondere der Fall Google, welch Durchschlagskraft universitäre Forschung haben kann: Die Google-Suche basiert auf einer Technologie, die die Google-Gründer noch als Doktoranden an der Standford-Universität entwickelt haben.
Mehr Informationen
EU-Projekt OpenWebSearch.EU: Unabhängigkeit Europas bei der Internetsuche
Für das Projekt OpenWebSearch.EU hat sich die Universität Passau mit 13 anderen renommierten europäischen Forschungszentren zusammengeschlossen, um eine offene europäische Infrastruktur für die Onlinesuche zu entwickeln.
Prof. Dr. Michael Granitzer
Wie lassen sich Bedeutungszusammenhänge in einer Flut von digitalen Medien finden?
Wie lassen sich Bedeutungszusammenhänge in einer Flut von digitalen Medien finden?
Prof. Dr. Michael Granitzer ist Inhaber des Lehrstuhls für Data Science. Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der Nutzung maschineller Lerntechniken und intelligenter Mensch-Maschine Schnittstellen.
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