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Wie sich Geburtenkontrolle auf Mütter- und Kindersterblichkeit auswirkt

Anhand einer Auswertung einzigartiger historischer Daten zeigen wir, dass die Kliniken für Geburtenkontrolle und Familienplanung der US-Frauenrechtlerin Margaret Sanger Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur die Geburtenrate senkten, sondern auch substantielle  Gesundheitseffekte hatten. Von Prof. Dr. Stefan Bauernschuster und Prof. Dr. Michael Grimm

Frauen vor der ersten Klinik für Geburtenkontrolle, die die Krankenschwester Margaret Sanger 1916 im New Yorker Stadtteil Brooklyn eröffnete. Social Press Association, New York, via: Library of Congress

Kurz vor den Zwischenwahlen im November hat der konservative Senator Lindsey Graham mit einem Gesetzesentwurf für Aufregung gesorgt. Er will Abtreibung per Gesetz landesweit verbieten lassen.

Eine US-Historikerin fühlt sich an die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts erinnert, als nicht nur Abtreibung verboten war, sondern der Comstock-Act die Verbreitung von Verhütungsmitteln und jeglicher Information zu sexueller Aufklärung unterband. Darunter litten insbesondere Frauen aus unteren Einkommensschichten, für die zu viele Schwangerschaften und Geburten zum Gesundheits- und Armutsrisiko wurden.

Zum Beispiel die Mutter der Krankenschwester und Frauenrechtlerin Margaret Sanger, die in 22 Jahren 18 Schwangerschaften durchgemacht hatte und im Alter von 50 Jahren an Tuberkulose und Gebärmutterhalskrebs starb. Ihr Schicksal trieb Sangers Engagement für Geburtenkontrolle an. 1916 eröffnete sie im Stadtteil Brownsville im New Yorker Bezirk Brooklyn ihre erste Klinik. Zwar schloss die Polizei diese bereits nach zehn Tagen und brachte Sanger ins Gefängnis. Doch sie setzte eine Bewegung in Gang: In den Folgejahren machten überall in den USA sogenannte Sanger Clinics auf, 1940 gab es bereits mehr als 600.

In unserer Studie “The Impact of Margaret Sanger’s Birth Control Clinics on Early 20th Century U.S. Fertility and Mortality” haben wir einzigartige historische Daten digitalisiert, um zu untersuchen, wie sich diese Kliniken auf das Leben und die Gesundheit von Frauen und Kindern ausgewirkt haben. Unsere Erkenntnisse im Überblick:

  • Nach der Eröffnung einer Klinik ging die Geburtenrate zurück. Frauen, die im Alter von 15 bis 40 Jahren in irgendeiner Form Zugang zu einer Klinik hatten, bekamen um bis zu 15 Prozent weniger Kinder.
  • Nach Eröffnung einer Klinik können wir einen Rückgang der Totgeburten um 4,5 Prozent nachweisen. Dieser Effekt wird nicht durch den Rückgang der Schwangerschaften an sich getrieben, sondern erklärt sich aus einem größeren Abstand zwischen Schwangerschaften, der die Gesundheitsbedingungen für Schwangere und (ungeborene) Kinder verbesserte.
  • Bemerkenswert ist auch der Rückgang der Säuglingssterblichkeit. Wir zeigen, dass mit den Kliniken 7 Prozent weniger Kinder im ersten Lebensjahr starben. Dies lässt sich erneut mit den verbesserten Gesundheitsbedingungen erklären und ist nicht durch den Rückgang der Geburten getrieben. 
  • Auch die Sterberate der Mütter reduzierte sich. Zwar liegen uns keine geschlechtsspezifischen Todeszahlen vor. Aber wir können anhand von Todesursache-Statistiken zeigen, dass insbesondere die Sterblichkeit durch Kindbettfieber in Regionen mit einer Klinik stärker zurückging als in Regionen ohne Klinik.

 

Wir weisen also empirisch nach, dass sich durch die Arbeit der Kliniken die Lebensumstände von Frauen und Kindern signifikant verbesserten.

Margaret Sanger spielte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Schlüsselrolle bei der Entstehung einer internationalen Bewegung für Familienplanung und bei der Entwicklung der Antibabypille. Mit diesen Errungenschaften beeinflusste sie die Welt mehr als jede andere amerikanische Frau.

Historiker Professor James W. Reed, Rutgers, State University of New Jersey

Porträt von Margaret Sanger. Quelle: Library of Congress 

Über Margaret Sanger und ihre Kliniken

Die Krankenschwester Margaret Sanger war eine schillernde Persönlichkeit, die sich dem Kampf für Frauenrechte und Geburtenkontrolle widmete. Trotz der Anerkennung ihrer Rolle als Vorreiterin auf dem Gebiet der Familienplanung wird sie auch für ihre Nähe zur Eugenik und ihre Unterstützung von Zwangssterilisation kritisiert.

Bei „Geburtenkontrolle“, ein Ausdruck, den sie selbst prägte, ging es ihr weniger um ein Recht auf Abtreibung, als vielmehr darum, dass verheiratete Frauen aus unteren Einkommensschichten durch Verhütung die zeitlichen Abstände zwischen ihren Geburten verlängern und die Gesamtzahl an Kindern auf das gewünschte Maß reduzieren konnten. Viele Frauen hatten weit mehr Kinder, als sie eigentlich wollten oder versorgen konnten.

In ihrer Klinik in Brooklyn klärte sie über Verhütung auf, setzte Pessar Ringe ein und führte Vor- und Nachsorgeuntersuchungen an den Frauen durch. Die Nachfrage war enorm: Innerhalb der ersten zehn Tage bis zur polizeilichen Schließung der Klinik kamen mehr als 480 Frauen. Sanger verteilte Flugblätter in verschiedenen Sprachen, gründete die Birth Control League, betrieb Lobbyarbeit für Gesetzesänderungen und riskierte dafür auch das Gefängnis: Infolge der Eröffnung der ersten Klinik musste sie 30 Tage lang in Haft.

Dabei hat sie das Leben der behandelten Frauen und ihrer Kinder nachweislich verbessert, wie wir anhand unserer Auswertung der historischen Daten belegen können. Unsere Koautorin, die US-Historikerin Cathy M. Hajo, die sich intensiv mit dem Leben und Wirken Margaret Sangers befasst hat, sagt, dass die Frauenrechtlerin wohl überglücklich über die Ergebnisse gewesen wäre, denn sie habe sich Zeit ihres Lebens immer wieder gefragt, welche Wirkung ihr Engagement tatsächlich gehabt habe.

Unsere Vorgehensweise

Für unsere Studie haben wir Daten über die Einführung der Kliniken zwischen 1916 und 1940 digitalisiert. Wir nutzen dazu Daten, die die Historikerin Hajo aus historischen Ausgaben des von Sanger herausgegeben Birth Control Reviews, Zeitungsarchiven und vielen anderen Quellen zusammengetragen hat. Insgesamt umfasst der digitalisierte Datensatz 639 Kliniken in 44 US-Bundesstaaten.

Die Karte zeigt, wie sich die Kliniken ausgebreitet haben. Je früher eine Klinik in einem bestimmten County eröffnet wurde, desto dunkler die Farbe. Zunächst eröffneten sie in Großstädten wie New York, Chicago und Los Angeles. Später breiteten sie sich auch in semi-urbanen und ländlicheren Regionen aus.

Diese Informationen kombinieren wir mit Daten der Volkszählungen von 1920, 1930 und 1940. Wir konzentrieren uns auf Frauen im Alter von 15 bis 39 Jahren. Insgesamt können wir damit Informationen zu 45 Millionen Frauen auswerten. Um die Geburtenrate einschätzen zu können, schauen wir uns an, wie viele Kinder unter 5 Jahren in Haushalten mit diesen Frauen lebten.

Die Ergebnisse legen nahe, dass die Kliniken eben jene Geburten verhinderten, die mit einem erhöhten Risiko für die Frauen und Kinder verbunden waren, beispielsweise weil sie dicht auf vorherige Geburten folgten oder die Frauen generell schon viele Geburten hinter sich hatten.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster und Prof. Dr. Michael Grimm, Universität Passau

Wir gleichen diese Daten mit administrativen Jahresdaten aus den Geburts- und Sterberegistern auf Ebene historischer Städte und Landkreise (Counties) ab. Dadurch können wir prüfen, ob sich die Effekte auf die Geburtenrate aus den Volkszählungsdaten auch in diesen Registerdaten nachweisen lassen. Erfasst sind in diesen historischen Daten zudem die Anzahl der Totgeburten, die Anzahl der Todesfälle von Kindern im ersten Lebensjahr sowie die Gesamtzahl der Todesfälle pro County und Jahr. Methodisch nutzen wir die Tatsache aus, dass die Klinken in unterschiedlichen Counties in unterschiedlichen Jahren eröffnet wurden. So können wir grundsätzliche Zeittrends sowie Unterschiede zwischen den Counties in Geburten- und Sterberaten herausrechnen, und sicherstellen, dass die Effekte tatsächlich durch die Kliniken verursacht wurden.

Die Ergebnisse im Einzelnen

In den Volkszählungsdaten stellen wir nach der Eröffnung einer Klinik für Geburtenkontrolle und Familienplanung einen auffälligen Rückgang der Geburtenrate fest. Dieser liegt zwischen 12 und 15 Prozent. Auch in den jährlichen Geburtsregisterdaten auf Ebene der Counties können wir einen Rückgang der Geburtenrate durch die Eröffnung einer Klinik beobachten (siehe linke Grafik).

Entwicklung der Geburtenrate vor und nach Eröffnung einer Sanger-Clinic

Die Grafiken zeigen die Entwicklung der Geburtenrate (links), der Rate der Totgeburten (Mitte) und der Säuglingssterblichkeit in den Jahren vor und nach der Eröffnung einer Klinik (Jahr 0). Die Punkte auf den vertikalen Linien beschreiben, wie die Werte der Counties mit Kliniken von jenen ohne Kliniken abweichen.

Neben der Geburtenrate sinkt auch die Rate der Totgeburten. Der Rückgang beträgt etwa 4,5 Prozent; er tritt gleich im ersten Jahr nach Eröffnung der Klinik auf und bleibt stabil über die folgenden 10 Jahre (siehe mittlere Grafik). Auch die Säuglingssterblichkeit geht nach Eröffnung einer Klinik zurück – und zwar um etwa 7 Prozent (siehe rechte Grafik). Beide Effekte – der Rückgang der Totgeburten und der Säuglingssterblichkeit – resultieren nicht schlicht aus einer reduzierten Geburtenrate, sondern lassen sich mit dem größeren Abstand zwischen Schwangerschaften erklären, der die Gesundheitsbedingungen für Schwangere und (ungeborene) Kinder verbesserte.

Zudem beobachten wir in manchen Spezifikationen eine Abnahme bei der Gesamtsterblichkeit; das Muster ist aber etwas unklar. Da uns keine geschlechtsspezifischen Zahlen vorliegen, haben wir uns zusätzlich die Todesursachen in den administrativen Daten größerer Städte näher angeschaut. In Städten mit einer Klinik für Geburtenkontrolle sank die Sterblichkeitsrate wegen Kindsbettfieber um 30 bis 40 Prozent stärker als in anderen Städten. Bei anderen Todesursachen wie Krebs- oder Herzkrankheiten veränderte sich die Rate hingegen nicht. Daraus folgern wir, dass die Existenz der Kliniken tatsächlich zu einer niedrigeren Sterblichkeit von Müttern führte.

Die Ergebnisse legen nahe, dass die Kliniken eben jene Geburten verhinderten, die mit einem erhöhten Risiko für die Frauen und Kinder verbunden waren, beispielsweise weil sie dicht auf vorherige Geburten folgten oder Frauen generell schon viele Geburten hinter sich hatten. Zudem sollten sich dadurch die Lebens- und Gesundheitsbedingungen in den Haushalten verbessert haben. Denn weniger, aber gesündere Kinder reichten für die finanzielle Absicherung aus. Außerdem verlängerten sich die Zeiten zwischen den Geburten und ermöglichten damit den Frauen mehr Teilhabe am Arbeitsmarkt. Auch dafür finden wir Hinweise in den Daten.

Neue Erkenntnisse für demographischen Wandel

Aus historischer Sicht liefern wir mit der Studie wichtige Erkenntnisse zum demographischen Übergang in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts. Denn bislang werden die Kliniken für Geburtenkontrolle und Familienplanung von Margaret Sanger nur anekdotisch behandelt. Wir sind die ersten, die zeigen, dass diese Kliniken tatsächlich einen quantitativ-messbaren Effekt hatten.

Natürlich lassen sich diese Ergebnisse aus dem frühen 20. Jahrhundert nicht eins zu eins in die Gegenwart übertragen. Aber die Ergebnisse lassen Rückschlüsse zu, wie sich der demographische Wandel in manchen Ländern Afrikas beschleunigen ließe. Mit unserer Studie zeigen wir, dass Aufklärung und Familienplanung dann eine größere Wirkung erzielen, wenn auch die ökonomischen Rahmenbedingungen stimmen und Eltern bereits eine kleinere Familiengröße wünschen, ihnen aber die Mittel zur Umsetzung fehlen.

Die Studie “The Impact of Margaret Sanger’s Birth Control Clinics on Early 20th Century U.S. Fertility and Mortality” von Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Prof. Dr. Michael Grimm (beide Universität Passau) und Dr. Cathy M. Hajo (Ramapo College, New Jersey, USA) ist als Working Paper erschienen. Dabei handelt es sich um eine Vorabveröffentlichung in Form eines Diskussionspapiers, das noch kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen dieses Format, um vorläufige Ergebnisse von anderen Sachverständigen kritisch beleuchten zu lassen, bevor sie den Aufsatz bei einer Fachzeitschrift einreichen.

🚨Birth control clinics did not just reduce fertility, but also stillbirths, infant & maternal mortality. This is what we show in our new paper "The Impact of Margaret Sanger's Birth Control Clinics on Early 20th Century U.S. Fertility and Mortality" (with M.Grimm & C.Hajo). A🧵:

Über das Autoren-Team

Die Ökonomen Prof. Dr. Stefan Bauernschuster und Prof. Dr. Michael Grimm erforschen an der Universität Passau mit ähnlichen Methoden die Wirkung von politischen Maßnahmen, aber mit unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten. Prof. Dr. Grimm befasst sich mit Ländern des Globalen Südens, während Prof. Dr. Bauernschuster Industrieländer in den Blick nimmt. Beide haben sich bereits mit historischen Entwicklungen von Fertilität und Mortalität beschäftigt: Die vorliegende Studie baut auf einer Arbeit auf, in der Prof. Dr. Grimm mit Hilfe historischer US-Daten die Wirkung klimatischer Bedingungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Geburtenrate landwirtschaftlicher Haushalte untersucht hat. Prof. Dr. Bauernschuster hat untersucht, wie sich die Einführung von Bismarcks Krankenversicherung im Deutschen Reich auf die Sterblichkeit auswirkte.

Im Zuge der Recherche zu den Geburtenkliniken entstand der Kontakt zu der US-Historikerin Dr. Cathy Moran Hajo, die das Leben und Wirken von Margaret Sanger umfassend erforscht hat. Sie veröffentlichte 2010 das Buch "Birth Control on Main Street, Organizing Clinics in the United States, 1916-1940", in dem sie die Daten zu den Kliniken zusammengetragen hat, die wiederum von Prof. Dr. Bauernschuster und Prof. Dr. Grimm für die vorliegende Studie digitalisiert wurden.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

forscht zu empirischer Evaluation politischer Maßnahmen

Wie beeinflussen politische Maßnahmen Entscheidungen von Individuen und Familien?

Wie beeinflussen politische Maßnahmen Entscheidungen von Individuen und Familien?

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist seit 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau sowie Projektleiter im DFG-Graduiertenkolleg 2720. Er ist Forschungsprofessor am ifo Institut München, Research Fellow des CESifo Netzwerks, Research Fellow des IZA Bonn und Mitglied des Ausschusses für Sozialpolitik beim Verein für Socialpolitik.

Prof. Dr. Michael Grimm, Inhaber des Lehrstuhls für Development Economics

Prof. Dr. Michael Grimm

forscht unter anderem zum technologischen Wandel in Entwicklungsländern

Welche Maßnahmen ermöglichen Entwicklungsländern Teilhabe an größeren internationalen Marktprozessen?

Welche Maßnahmen ermöglichen Entwicklungsländern Teilhabe an größeren internationalen Marktprozessen?

Prof. Dr. Michael Grimm ist Inhaber des Lehrstuhls für Development Economics an der Universität Passau und Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sowie Projektleiter im DFG-Graduiertenkolleg 2720. Darüber hinaus ist er Vorsitzender des Entwicklungsökonomischen Ausschusses des Vereins für Socialpolitik. Zuvor arbeitete der Ökonom unter anderem als  Professor für Applied Development Economics an der Erasmus Universität Rotterdam, als Gastprofessor an der Paris School of Economics sowie als Berater bei der Weltbank in Washington D.C., USA.

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