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Verändert die Krise unsere Kultur, Herr Barmeyer?

In kollektivistischen Kulturen ist das Tragen von Masken sozial akzeptiert. Wir Europäer verbinden damit eher Krankheit, Angst und Hysterie. Aber Menschen sind lernfähig, sagt Prof. Dr. Christoph Barmeyer, Inhaber des Lehrstuhls für Interkulturelle Kommunikation.
 

Der Umgang mit einer Krise ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Und genau das ist Kultur: Individuen und Gesellschaften finden eigene Lösungen für universelle Probleme. Diese spezifischen Lösungen sehen wir im Moment: Mit welchen Maßnahmen reagieren wir auf die Verbreitung einer Gefahr? Wir können die Krise am besten bewältigen und hoffentlich schnell überwinden, wenn wir kreativ und innovativ sind und voneinander lernen. Von anderen Fehlern lernen, vor allem von guten Lösungen, die zum Beispiel in Ländern wie Südkorea oder Singapur praktiziert werden. Dies ist gerade ein Anliegen der Forschung und Praxis Interkultureller Kommunikation, wie sie mein Forschungsteam und ich an unserem Lehrstuhl betreiben. Kultur und Interkulturalität sind Ressourcen, die wir konstruktiv nutzen können: Welche Stärken liegen in anderen kulturellen Verhaltensweisen? Was können wir also von anderen lernen? Wie können wir Unterschiede kombinieren, um erfolgreich zu sein?

Menschen brauchen soziale Face-to-Face-Beziehungen, um zufrieden oder glücklich zu sein! Die Interaktion von Gedanken, Gefühlen und Handlungen mit anderen Menschen übers Internet mit Zoom oder Skype können hier nur teilweise helfen. Auch die Wirtschaft mit all ihren Strukturen, Akteuren und Prozessen kann nur wieder funktionieren, wenn Interaktionen stattfinden. Wir müssen also wieder zu einer Interaktion zurück, die jedoch – vor allem am Anfang – bedacht und vorsichtig ist. Dann braucht es aber eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz und entsprechende Ausrüstung, die zum Beispiel das Tragen von Schutzmasken ermöglicht. Kulturell interessant ist dabei das doppelte interkulturelle Missverständnis: In sogenannten kollektivistischen Kulturen dient das Tragen von Masken als eine sozial akzeptierte Vorsichtsmaßnahme vor allem dem Schutz der anderen. Wir Europäer verbinden mit dem Tragen einer Maske eher Krankheit, Angst und Hysterie. Diese Fehlinterpretation mag vielleicht auch dafür gesorgt haben, dass wir lange keine Masken getragen haben – oder uns damit sehr unwohl fühlen. Aber Menschen sind lern- und entwicklungsfähig und ich hoffe sehr, dass es sehr bald ein Umdenken in Europa gibt."

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 01/2020 des Campus Passau Magazin

Profilbild von Prof. Dr. Christoph Barmeyer, Inhaber des Lehrstuhls für Interkulturelle Kommunikation, Universität Passau

Prof. Dr. Christoph Barmeyer

forscht zu interkulturellen Organisationen und Kompetenzen

Wie können interkulturelle Aushandlungs- und Entwicklungsprozesse zu kulturellen Synergien führen?

Wie können interkulturelle Aushandlungs- und Entwicklungsprozesse zu kulturellen Synergien führen?

Prof. Dr. Christoph Barmeyer ist seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Interkulturelle Kommunikation an der Universität Passau. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im kulturvergleichenden Management, interkultureller Kommunikation sowie Interkultureller Kompetenzentwicklung.

Haben Sie Fragen zu dem Thema? Schreiben Sie uns: frag-die-wissenschaft@uni-passau.de - Wir leiten Ihre Fragen an Herrn Professor Barmeyer weiter und veröffentlichen an dieser Stelle zeitnah seine Antworten.