Zum Inhalt springen

Warum digitale Plattformen die Marktregulierung vor Herausforderungen stellen

Prof. Dr. Jan Krämer forscht zu Marktmacht in der digitalen Plattform-Ökonomie. Seine Analysen zeigen, dass womöglich nicht die Nutzerinnen und Nutzer am gefährdetsten sind.

Welche Regeln gelten in digitalen Märkten? Der Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jan Krämer, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt Internet- und Telekommunikationswirtschaft an der Universität Passau, untersucht, wie das Bezahlen mit Daten Kräfteverhältnisse der Markt-Teilnehmenden verändert. Krämer kooperiert eng mit der Forschungsgruppe Data Policies,  die vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst im Rahmen des Zentrum.Digitalisierung Bayern (ZD.B) gefördert wird.

Geld versus Daten. Bei Geld ist die Sache einfach: Geld hat einen bestimmten Wert. Geld kann man nur einmal ausgeben. Daten sind anders, komplizierter: Wer Daten teilt, kann danach weiterhin über diese Daten verfügen. Der Wert dieser Daten kann für die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Markt ganz unterschiedlich sein. „Daten haben einen anderen Wert für diejenigen, die Daten teilen, als für die Plattform, die Daten empfängt“, sagt Prof. Dr. Krämer im Video-Interview. Die meisten Privatpersonen etwa haben keine Möglichkeiten, Daten auszuwerten oder auf großen Servern zu speichern. Daten gewinnen aber erst in der Menge und in ihrer Verarbeitung an Wert. Das ist ein Grund, warum sich Nutzerinnen und Nutzer dieses Werts nicht bewusst sind. 

Daten versus Dienste. Für große Plattformen wie Amazon, Facebook oder Google sind Daten besonders wertvoll. Mit ihrer Hilfe ordnen sie Inhalte und platzieren Produkte so, dass sie von Nutzerinnen und Nutzern schnell gefunden werden. Dafür zahlen Unternehmen Geld. Neuerdings bieten die Plattformen solche Dienstleistungen auch gegen den Austausch von Daten an. Dazu gehört etwa das Google Projekt Accelerated Mobile Pages. Webseiten, die den Turbo-News-Dienst nutzen, erhalten – wegen der sehr viel geringeren Ladezeiten - eine prominente Platzierung in den Ergebnissen der mobilen Websuche. Im Gegenzug bekommt Google Zugang zu Verbindungsdaten und Nutzungsstatistiken der Webseite.

Ein ähnliches Modell steckt hinter „Fulfilment by Amazon“: Online-Shops können über diesen Dienst die komplette Versandabwicklung an Amazon auszulagern. Der weltgrößte Onlinehändler erhält dafür außerhalb seines Marktplatzes wertvolle Einblicke in Geschäfte, Beliebtheit von Produkten und das Verhalten der Kundschaft. Unternehmen, die diese vermeintlich günstigen Dienste nutzen, zahlen dafür einen hohen Preis: Sie tragen das alleinige unternehmerische Risiko, so Prof. Dr. Krämer. Über die Auswertung der Daten gewinnen die großen Plattformen wertvolle Einblick, welche Produkte funktionieren und welche nicht. Erfolgreich „getestete“ Produkte können sie dann ins eigene Sortiment aufnehmen. „Es ist wie ein großes Experimentierfeld“, so Prof. Dr. Krämer. 

Welche Regeln gelten in digitalen Märkten? Zu diesem Thema forscht der Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jan Krämer.

Am Lehrstuhl von Prof. Dr. Jan Krämer startet ein DFG-Projekt zum Thema "Plattformneutralität und datengetriebene Geschäftsmodelle": Es soll Erkenntnisse zur Diskussion über die Regulierung der dominanten Online-Plattformen liefern.

Daten-Monopol versus Wettbewerb. Das Wettbewerbsrecht zielt auf den Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher ab. Klassisch ist es so, dass ein Monopol zu steigenden Preisen führt und daher für Verbraucherinnen und Verbraucher schlecht ist. Auch kann ein marktmächtiges Unternehmen versuchen aufkeimenden Wettbewerb zu unterdrücken. Das soll das Wettbewerbsrecht verhindern. „Auf digitalen Märkten aber sind Verbraucherinnen und Verbraucher von einer marktbeherrschenden Stellung zunächst nicht geschädigt“, sagt Prof. Dr. Krämer. Für Nutzerinnen und Nutzer ist es bequem, ihre Kontakte nur mit Hilfe einer Plattform pflegen zu können. Außerdem profitieren sie vom hohen Wettbewerb zwischen Content-Providern, die auf den Plattformen um gute Platzierungen konkurrieren. „Kundinnen und Kunden sind am Ende vielleicht sogar besser dran, denn sie bekommen Produkte und Dienstleistungen dann noch günstiger“, so Prof. Dr. Krämer. 

Alte Gesetzmäßigkeiten gelten also nicht für die Regulierung digitaler Märkte. Bislang wenig erforscht ist Krämer zufolge das Teilen von Daten gegen eine prominentere Platzierung auf den Plattformen. Diesem Thema widmet sich das Team um Krämer in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Plattformneutralität und datengetriebene Geschäftsmodelle: Daten als Gegenleistung für eine prominente Platzierung von Anbietern auf Onlineplattformen“. Die Wirtschaftsinformatiker entwickeln darin spieltheoretische Modelle, wie sich die Kräfteverhältnisse auf dem Markt ändern, wenn bestimmte Dienste gegen Daten in Anspruch genommen werden. 

Das Projekt baut auf einer Studie zum Thema auf. Ein Ergebnis: Data Sharing bringt kleinen Organisationen und Start-Ups nur vorübergehend Wettbewerbsvorteile. Langfristig riskieren sie, in einem Dilemma zu landen. Profiteure sind wiederum die großen Online-Plattformen.