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„Nicht zu kommen, war für mich nie eine Option”

Mitten in der Pandemie, im August 2020, packt die US-Amerikanerin und Juristin Kendall Taylor ihre Koffer, um einen Gastaufenthalt am Lehrstuhl für Common Law an der Universität Passau zu starten. Ein Gespräch über Forschen im Ausland in Corona-Zeiten. Interview: Florian Kammermeier

Anfang 2020 beginnt Corona sich weltweit auszubreiten. Staaten schließen ihre Grenzen, Reisen werden aufwändig und riskant. Während Studierende und Forschende Auslandsaufenthalte absagen, unterschreibt die amerikanische Juristin Kendall Taylor ihren Vertrag, der sie für zwei Jahre nach Passau führt an den Lehrstuhl für Common Law von Prof. Dr. Jörg Fedtke. „Nicht zu kommen, war für mich nie eine Option“, sagt Kendall Taylor. In Passau warte schließlich ihr Traumjob. Also packte sie im August 2020 ihre Koffer und reiste an. Aber was bedeutet es, während einer Pandemie einen Auslandsaufenthalt als Gastwissenschaftlerin zu wagen? Im Interview spricht die Juristin über ihren Start in Deutschland, wer sie dabei unterstützt hat und warum die Passauer Lebensart schöner sein kann als die amerikanische.

Sie sind im August 2020 aus den USA nach Deutschland gezogen, also mitten in der Pandemie. Mussten Sie viele Hürden überwinden?

"Erstaunlicherweise gab es nicht so viele Hindernisse wie von mir erwartet. Das größte war der ganze Papierkram, den ich übersetzen und ausfüllen musste, um in das Anmeldesystem der Universität reinzukommen. Aber das Welcome Centre der Universität war mir bei der Wohnungssuche und den Unterlagen eine große Hilfe. Vom Lehrstuhl bekam ich auch viel Unterstützung. Silvia Böhm, die Sekretärin, ist unglaublich hilfsbereit. Sie ist fantastisch! Die Beantragung des Visums gestaltete sich als nicht so schwierig, wie ich dachte. Ich musste natürlich vor und nach dem Umzug in Quarantäne gehen, aber ansonsten gab es nicht viele Einschränkungen.”

Wie war Ihr Start in Passau?

"Die Situation ähnelte der in den USA, also kam sie mir irgendwie bekannt vor. In Kalifornien war ich es damals schon seit Monaten gewöhnt, drinnen und draußen Maske zu tragen, während es in Passau noch nicht üblich war. Als ich im August 2020 ankam, hatte ich glücklicherweise die Möglichkeit, meine neuen Kollegen und Kolleginnen vom Lehrstuhl für Common Law persönlich kennenzulernen. Zu der Zeit war es noch möglich, sich in der Passauer Altstadt draußen zu treffen, also lernten wir uns kennen und wurden Freunde. Mein Leben nach der Ankunft hier war also nicht allzu schwer."

Es war wohl schwierig, diese relativ gute Entwicklung vorauszusehen. Hatten Sie mal Gedanken wie - "Ist es das alles wert, jetzt nach Passau zu reisen?" Immerhin gab es viele Studierende, die ihre Auslandspläne aufgaben oder verschoben.

"Das kam mir eigentlich nie in den Sinn. Für mich ist dies ein Traumjob! Alles, worauf ich wirklich hoffen musste, war, dass es am Ende aufgeht. Nicht zu kommen, war für mich nie eine Option."

Was macht es für Sie zum Traumjob?

"Ich darf eine Menge unterschiedliche Sachen machen. Ich darf Kurse geben, beim Moot Court helfen, wo Studierende sich international treffen und gerichtliche Verhandlungen simulieren. Ich coache sie für ihre mündlichen Plädoyers und redigiere ihre Schriftsätze. Ich darf über eine breite Palette verschiedener Themen Forschung betreiben – im Grunde alles, um dessen Untersuchung der Lehrstuhl und mein Vorgesetzter, Professor Jörg Fedtke, mich bitten. Und ich darf außerdem an meiner Dissertation arbeiten, und zwar an allem, was mir im Bezug darauf interessant erscheint. Es ist schön, diese Art von Freiheit zu haben: alles zu erforschen, was man will."

Kendall Taylor, University of Passau

Die Gastwissenschaftlerin Kendall Taylor im Juridicum der Universität Passau. Fotos: Studio Weichselbaumer

Kendall Taylor ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Common Law an der Universität Passau. Neben der Arbeit an ihrer Promotion unterrichtet sie Englisch für Juristinnen und Juristen und gibt Tutorien im amerikanischen Delikts- und Vertragsrecht. Die 26-Jährige ist zum ersten Mal in Deutschland. Bevor sie nach Passau kam, absolvierte sie drei Jahre lang die Tulane Law School in New Orleans, im US-Staat Louisiana. Dabei besuchte sie auch einen Kurs des Passauer Juristen Prof. Dr. Jörg Fedtke, an dessen Lehrstuhl sie jetzt forscht und arbeitet. Fedtke unterrichtet in Passau und hält Gastvorlesungen in New Orleans. Darüber wurde die damalige Studentin auf die Stelle in Passau aufmerksam. Vorher studierte sie vier Jahre in Washington D.C. und Texas einen Bachelor in Economics and Business. Aufgewachsen ist Kendall Taylor in Texas. Die Quarantäne vor ihrer Abreise nach Deutschland verbrachte sie zusammen mit ihrer Familie in Kalifornien.

Was ist das Thema Ihrer Dissertation?

"Ich erforsche Handlungen der Exekutive im Bereich des internationalen Rechts. Zurzeit ist mein Blick auf die USA gerichtet, aber demnächst werde ich mich auch dem Vereinigten Königreich widmen, und dem Brexit. In den USA hat es in den vergangenen Jahren viele Erlasse seitens des Präsidenten gegeben, die sich auch auf das internationale Recht auswirken. Und der Kongress ist da gar nicht involviert! Also bin ich dabei, diese Erweiterung der Macht der Exekutive zu erforschen. Außerdem untersuche ich, ob ich einen Weg finden kann, auch das deutsche System in meine Arbeit zu integrieren. Das ist nämlich ganz anders als das amerikanische."

Mittlerweile befinden Sie sich seit ungefähr einem halben Jahr in Passau. Gibt es etwas, das Sie wirklich zu schätzen gelernt haben?

"Auf jeden Fall! Ich schätze die Lebensart total – die Leute hier sind sehr aktiv. Hier geht man hauptsächlich zu Fuß, während man in den USA mit dem Auto fährt. Und Passau ist als Stadt sehr malerisch! Ich liebe es, durch die Stadt zu schlendern und mir die wunderschöne Architektur und die alten Gebäude anzusehen. Ich genieße auch die Landschaft im nahe gelegenen Bayerischen Wald. Vor wenigen Wochen bin ich zum Beispiel auf den Lusen gewandert. Was mir außerdem noch gefällt, ist die Sensibilität, was die Umwelt betrifft: Das Recycling-System ist gut organisiert. In den USA haben wir nichts Vergleichbares."

Vermissen Sie etwas aus Ihrem Leben in den USA?

"Ja, natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freunde. Und ich vermisse auch ein paar Nahrungsmittel wie zum Beispiel einige sehr amerikanische Snacks und das mexikanische Essen!"

Seit Ihrer Ankunft hier im August haben Sie Ihre Familie und Freunde aus den USA nicht getroffen. Haben Sie Pläne, in diesem Jahr rüberzufliegen?

"Ich bin nicht sicher, ob eine Reise in die USA für mich in der nächsten Zeit möglich sein wird. Ich will nicht reisen, solange ich nicht geimpft bin. Meine ganze Familie ist bereits geimpft worden, also versuche ich herauszufinden ob meine Mutter mich hier besuchen kann. Hoffentlich wird das klappen."

 

Florian Kammermeier hat als Stipendiat des "Instituts für Journalistenausbildung der Passauer Neuen Presse e.V." eine Station im Referat Forschungskommunikation absolviert.

Organisation eines Gast-Aufenthalts in Pandemie-Zeiten

Sylvia Böhm, Sekretärin am Lehrstuhl für Common Law, ist erfahren, was die Organisation von Aufenthalten von Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern betrifft. Doch die Pandemie stellte sie vor ganz neue Herausforderungen, genau wie die anderen beteiligten Einheiten der Universität Passau. Im Juli 2020, einen Monat bevor Kendall Taylor anreiste, galten noch scharfe Einreisebeschränkungen für die USA. „In dieser Zeit war nicht sicher, ob sie überhaupt kommen darf“, sagt Böhm. Es gab einen regen Austausch zwischen allen Beteiligten, den Jana Schöberl, Leiterin des Welcome Centres, steuerte. „Wir leisten Unterstützung rund um die Themen Visum, Aufenthaltstitel und Krankenversicherung – und zwar  zugeschnitten auf die persönlichen Gegebenheiten der Wissenschaftlerin“, schildert Schöberl. Im Falle von Kendall Taylor sei dies besonders herausfordernd gewesen. Denn im deutschen Konsulat in Los Angeles musste Kendall Taylor neben den üblichen Visa-Dokumenten auch nachweisen, dass sie persönlich nach Passau kommen müsse. Sie müsse Zugang zur Bibliothek haben und vor Ort sein für Präsenzunterricht, wenn dieser wieder erlaubt würde, argumentierte daraufhin Prof. Dr. Fedtke in einem Schreiben für das Konsulat. Herausfordernder war die organisatorische Arbeit auch deshalb, weil die benötigten Stellen in Deutschland und den USA pandemiebedingt schwerer zu erreichen waren. Der Prozess dauerte Böhm zufolge aus diesem Grund knapp vier Monate, statt der üblichen zwei bis drei. Neben dem Lehrstuhl war die Personalabteilung der Universität Passau an dem Prozess beteiligt. Eine wichtige Anlaufstelle für die US-Amerikanerin Kendall war darüber hinaus das Welcome Centre, das sie beispielsweise bei der Wohnungssuche aus der Ferne unterstützte. „Durch vereinte, intensive Bemühungen aller Beteiligten der Uni Passau hat es letztendlich geklappt, und wir alle waren erleichtert, Kendall am Lehrstuhl für Common Law begrüßen zu können“, sagt Böhm.

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