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Mehr Bildung, weniger Narrative

Von TV-Dokumentationen bis zur Geschichtsschreibung: Narrative der Überwachung sind in vielen Bereichen wirksam – auch dort, wo man sie nicht erwarten würde. Die wichtigsten Erkenntnisse der Ringvorlesung im Überblick inklusive Video-Statements.

Narrative sind sinnstiftende Erzählungen, die Werte und Emotionen transportieren, meist bezogen auf einen bestimmten Kulturkreis. Sie haben eine zentrale Funktion: Sie reduzieren Komplexität. „Das ist in vielen Fällen auch wichtig“, sagt Dr. Martin Hennig, der die Ringvorlesung „Narrative der Überwachung“ des DFG-Graduiertenkollegs 1681/2 Privatheit und Digitalisierung im Sommersemester 2018 organisiert hat. Denn das mache gesellschaftliche Kommunikation über bestimmte Themen erst möglich.

Bisweilen verstellen sie aber den Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten. Problematisch sei dies etwa beim Thema Digitalisierung. Hier müsste die Gesellschaft lernen, wieder mit mehr Komplexität umzugehen, fordert er im Video:

Die Vorträge im Überblick

Untergangsstimmung im ‚Bildungsfernsehen‘ – Überwachung in der deutschen Dokumentation (Miriam Piegsa, Passau)

Die Passauer Literatur- und Medienwissenschaftlerin Miriam Piegsa hat in ihrer Forschung festgestellt, dass sich die Darstellungen von Überwachung seit den Enthüllungen von Edward Snowden in den verschiedenen Formaten des Bildungsfernsehens „frappierend“ gleichen. Häufig werde der Mensch als Datensubjekt dargestellt, in dessen Umgebung alles vernetzt sei – „von der Zahnbürste bis hin zum Fernseher“. Positive Gegenbeispiele fehlen, die Dokumentationen lassen die Zuschauerin oder den Zuschauer stattdessen mit einer Art Ohnmachtsgefühl zurück.

Dimensionen von Privatheit und Persönlichkeit im sozialistischen Leipziger Raum der 1980er Jahre (Lukas Edeler, Passau)

Der Zeithistoriker Lukas Edeler beschäftigt sich mit Narrativen in der Geschichtsschreibung: Ein Beispiel dafür sei das Narrativ der Überwachung, welches das Geschichtsbild der staatssozialistischen Diktatur der DDR präge. In seiner Forschung habe er feststellen können, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in der ehemaligen DDR Strategien bewahrt haben, um sich private Räume zu schaffen. Ein Beispiel dafür schildert er im Video oben. Einen Einblick in seine Forschung gewährt er im Magazin des DFG-Graduiertenkollegs.

Der Fall Edward Snowden – politische Überwachungsnarrative auf dem Prüfstand (Christian Flisek, SPD, Passau)

Politikerinnen und Politiker setzen verstärkt auf die Strategie des Framings, um den Diskurs für sich zu gestalten, erklärte der SPD-Politiker und ehemalige Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, Christian Flisek. Framing bezeichnet das Einordnen von Ereignissen in bestimmte Deutungen oder Schubläden, wodurch wiederum Assoziationen und Emotionen geweckt werden. Der bekannteste Frame in Zusammenhang mit Überwachung sei jener vom Überwachungsstaat. Im Zuge seiner Arbeit im NSA-Untersuchungsausschuss habe er beobachten können, dass die Informationen, die der Ausschuss ermittelt habe, in der Diskussion keine Rolle gespielt hätten. Stattdessen hätten alle Seiten versucht, den Diskurs mit Hilfe ihrer jeweiligen Frames zu dominieren. Flisek zeigte sich überzeugt: „Mit Fakten werden auf Dauer keine politischen Mehrheiten erreicht, denn das politische Gehirn lässt sich nur schwer mit rationalen Argumenten überzeugen.“

Kontrolle als Motiv und Prinzip des Computerspiels (Dr. Marcel Schellong, München)

Computerspiele machen Erzählungen von Überwachung auf ganz andere Weise erlebbar: Sie lassen die Spielenden in die Rolle der Überwachenden schlüpfen, die wiederum zugleich selbst überwacht werden. Dr. Marcel Schellong, Literaturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, erklärte, dass manche Games die Spielerinnen und Spieler in ein moralisches Dilemma bringen. Mehr dazu im Video:

Überwachung als Motiv in der Werbung (Dr. Dietmar Kammerer, Marburg)

Bei Apple hat dieses Motiv so gut funktioniert, dass es im Jahr 1984 die davor noch weitgehend unbekannte Firma schlagartig berühmt gemacht hat: Dr. Dietmar Kammerer, Medienwissenschaftler an der Universität Marburg, zeigte den Werbespot von damals den heutigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, unter denen viele sind, die die Geräte des inzwischen weltbekannten Konzerns in die Veranstaltungen mitbringen. Mehr zu seinem Vortrag verrät er im Video:

Predictive Policing, Computational Propaganda, Counter Surveillance – Praktiken und Projektionen der digitalen Kontrollgesellschaft (Dr. Thomas Christian Bächle, Bonn)

Der Medienwissenschaftler Thomas Christian Bächle von der Universität Bonn nahm in seinem Vortrag verschiedene Narrative der Überwachung auseinander, darunter auch die Darstellung, wonach digitale Überwachung allwissend sei, da sie auf objektiven Daten beruhe. Tatsächlich fließen bereits bei der Erhebung dieser Daten Wertungen und Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen bis hin zu rassistischen Ressentiments ein. Welche Auswirkungen das haben kann, zeigte er anhand eines Beispiels aus den USA, wo die Polizei Software für „Predictive Policing“ einsetzt, um vermeintlich neutral künftige kriminelle Kundschaft zu berechnen. Folgendes Zitat aus seiner Präsentation bringt diese Gedanken auf den Punkt:

Baechle Big data Symbolbild

Adoleszenz zwischen Algorithmus und Big Data in der aktuellen Jugendliteratur (Prof. Dr. Maren Conrad, Erlangen-Nürnberg)

In der aktuellen Jugendliteratur ist Überwachung häufig ein Motiv im Kontext des Erwachsenwerdens, zeigte sich im Vortrag der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Maren Conrad. In den Texten müssen sich die jugendlichen Hauptfiguren von fremdbestimmender Überwachung lösen, haben ihrerseits jedoch häufig bereits die Prinzipien der kontrollierenden Gesellschaft verinnerlicht.

Kontrolltechnologien in filmischen Dystopien nach 1984 (Dr. Dominik Orth, Wuppertal)

Überwachung spielt als Motiv in ganz unterschiedlich gelagerten filmischen Narrativen eine Rolle, unterstrich der Literatur- und Medienwissenschaftler Dominik Orth. Die Themen reichten von der Vortäuschung einer Realität per Computersimulation, über die Kontrolle von Emotionen und Gesundheit bis hin zu Social-Media-Dystopien, wobei starke Parallelen zwischen den Filmen festzustellen sind, etwa dahingehend, dass Technik überwiegend negativ dargestellt wird.

„Big Brother is always watching“ – Orwells Original-Skript und weitere Utopien (Dr. Kai Fischer, Bochum)

Ob eine Utopie Utopie ist – oder eher doch Dystopie, das liegt in der Interpretation der Leser/innen, so Dr. Kai Fischer, Literaturwissenschaftler an der Universität Bochum. Er ging mit den Teilnehmer/innen der Ringvorlesung George Orwells Originaltext durch und verriet, weshalb Utopien zum Teil recht zäh zu lesen sind: Sie beginnen mit der Beschreibung einer idealen Welt – und in einer solchen passiert meist nicht viel. Überwachung dient denn auch in Utopien dazu, den Zustand dieser idealen Welt zu bewahren.

Typologie, Kategorien, Entwicklung von Überwachungsnarrativen: Zur Einführung (Prof. Dr. Hans Krah, Dr. Martin Hennig, Passau)

Narrative der Überwachung sind kein neues Phänomen und können auch positiv sein: Prof. Dr. Hans Krah, Inhaber des Lehrstuhls für Neuer Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Passau und Ideengeber des DFG-geförderten Graduiertenkollegs 1681/2 „Privatheit und Digitalisierung“, zeigte, wo sich in der Kunstgeschichte Erzählungen von Überwachung finden – zum Beispiel im Motiv des Auge Gottes, wie es in vielen religiösen Darstellungen vorkommt, oder auch des Schutzengels. Dr. Martin Hennig, Organisator der Ringvorlesung, gab einen Einblick in Narrative im Film, darunter in Klassiker wie die Verfilmung von George Orwells 1984, sowie neuere Werke, darunter die Verfilmung von Dave Eggers „The Circle“, in dem der Autor eine Dystopie auf einem weltumspannenden Internetkonzern aufbaut.

Was Narrative sind und worum es in der interdisziplinären Ringvorlesung geht, erklären die Kolleg-Mitglieder Dr. Martin Hennig und Miriam Piegsa in diesem Video: