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Gleichberechtigung in Tunesien: Schwache Wirtschaft schwächt Frauen

Tunesien gilt als Vorreiter im Bereich der Frauenrechte in der islamischen Welt. Doch die schlechte wirtschaftliche Lage verschärft alte Rollenbilder, wie ein Forschungsteam der Universität Passau in einer Studie für die International Labour Organisation herausgefunden hat.

Prof. Dr. Michael Grimm (ganz hinten links) und Ann-Kristin Reitmann (2. Reihe von hinten links) präsentierten die Ergebnisse der Studie in Tunis hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wissenschaft. Foto: CAWTAR

Prof. Dr. Michael Grimm (ganz hinten links) und Ann-Kristin Reitmann (2. Reihe von hinten links) präsentierten die Ergebnisse der Studie in Tunis hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wissenschaft. Foto: CAWTAR

Tunesien hat sich der Gleichstellung von Mann und Frau verpflichtet. Herzstück dieser Haltung ist Artikel 46 der Verfassung von 2014, in dem es heißt: „Der Staat verpflichtet sich, die von den Frauen erlangten Rechte zu schützen, sie zu bewahren und an ihrer Verbesserung zu arbeiten. Der Staat garantiert die Chancengleichheit unter Frauen und Männern, damit diese auf allen Ebenen unterschiedlichste Verantwortlichkeiten erreichen können.“

Prof. Dr. Michael Grimm, Inhaber des Lehrstuhls für Development Economics an der Universität Passau, und seine Mitarbeiterin Ann-Kristin Reitmann haben sich im vergangenen Jahr angeschaut, wie es um diese Chancengleichheit in Wirtschaft und Gesellschaft bestellt ist. Das Ergebnis: "Defizite zeigen sich vor allem in der ökonomischen Partizipation“, so Prof. Dr. Grimm.

Die Forschenden entwickelten für die Studie ein Instrument, um Empowerment, also die Stärkung von Frauen in Tunesien, zu messen. Sie passten dazu den Women’s Empowerment in Agriculture Index (WEAI) an. Die Erhebung beinhaltete auch ein Modul zu Beschäftigung, um die komplexen Zusammenhänge zwischen Empowerment und Berufstätigkeit zu analysieren.

Der Empowerment Index umfasst folgende Bereiche:

  • Beteiligung an Entscheidungen zur Einkommensverwendung (Einkommen)
  • Zugang zu Landbesitz, zu Kapital oder zu Krediten sowie die Beteiligung an der Entscheidung über die Verwendung des Kredits (Kapital)
  • Kontrolle über die Verwendung des Haushaltseinkommens (Haushalt)
  • Freie Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit und die Möglichkeit, sich politisch zu engagieren oder am Vereinsleben teilzuhaben (Öffentlichkeit)
  • Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit sowie freie Entscheidung darüber (Freizeit)

Bezogen auf die einzelnen Bereiche ergab die Studie folgende Werte (ein hoher Prozentsatz steht für hohe Defizite in dem jeweiligen Bereich):

Nicht "empowered" in Prozent

Die Auswertung zeigt, dass tunesische Frauen im Wirtschaftsleben deutlich mehr Schwierigkeiten als Männer haben. Die Situation verschärft sich den Forschenden zufolge, wenn zwei Faktoren aufeinandertreffen: konservative Einstellungen und eine schlechte Wirtschaftslage. Wenn also, wie in Tunesien, die Arbeitslosigkeit hoch ist, schwächt das die Position der Frauen zusätzlich. Der Rat des Entwicklungsökonomen Prof. Dr. Grimm lautet daher: „Tunesien muss den strukturellen Wandel bewältigen und sich auf dem Weltmarkt besser etablieren, um Arbeitsplätze zu schaffen, die auch für gut ausgebildete Frauen attraktiv sind.“

Das Passauer Forschungsteam befragte für die Studie 2511 Personen, darunter 1320 Frauen. Forscherin Ann-Kristin Reitmann koordinierte die Interviews vor Ort in Zusammenarbeit mit dem Tunesischen Institut BJKA. „Insgesamt zeigt die Studie, dass 95 Prozent aller Frauen Defizite im Empowerment aufweisen, hauptsichtlich im wirtschaftlichen Bereich. Bei den Männern waren es 76 Prozent“, so Reitmann. Prof. Dr. Grimm ergänzt: „Es handelt sich hier um ein globales Problem, das wir speziell im arabischen Kontext angeschaut haben. Es gibt allerdings kaum ein Land, das in Sachen Geschlechtergerechtigkeit glänzende Werte erzielt.“

Deutschland etwa landet in einem weltweiten Vergleich des World Economic Forum von 144 Ländern bei der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen auf Platz 43 – hinter afrikanischen Ländern wie Namibia, Ruanda und Burundi. Im Bereich Bildung belegt die Bundesrepublik den 98. Platz – knapp vor Tunesien  auf Platz 99.

Mit Blick auf Bildung und auf Teilhabe in gesellschaftlichen Bereichen sind Frauen in Tunesien denn auch annähernd gleichberechtigt, wie die Passauer Studie zeigt. Frauen seien sogar bisweilen besser gebildet als die Männer, hätten aber Hemmungen, Tätigkeiten in männerdominierten Branchen anzutreten.

„Geschlechtergerechtigkeit ist natürlich zunächst mal ein Ziel in sich. Aber auch aus ökonomischem Kalkül heraus sollte ein Land allen Bürgerinnen und Bürgern die gleichen Chancen bieten, sonst werden Ressourcen und Talent verschwendet.“

Entwicklungsökonom Prof. Dr. Michael Grimm

Weitere wichtige Erkenntnisse im Überblick:

  • In landwirtschaftlichen Haushalten haben Frauen häufig eine stärkere Position als anderswo. Dies liegt daran, dass sie hier oft an Entscheidungen mit Blick auf Produktion beteiligt sind. Außerdem haben sie mehr Kontrolle über die Verwendung des Haushaltseinkommens, vermutlich weil sie in der Landwirtschaft selbst als Erzeugerinnen tätig werden. Die Situation ist bei Männern ähnlich.
  • Frauen in Küstenregionen schneiden in den Bereichen Produktion und Zugang zu Ressourcen besser ab als Frauen im Hinterland.
  • Die schlechte Situation auf dem Arbeitsmarkt verschärft konservative Rollenvorstellungen. In städtischen Gebieten stimmt eine knappe Mehrheit der jungen Männer (56 Prozent) der Aussage zu, wonach bei knappen Arbeitsplätzen zunächst die Männer zum Zuge kommen sollten. Junge Frauen lehnen diese Aussage mehrheitlich ab. „Hier tritt die Spannung richtig zu Tage“, sagt Prof. Dr. Grimm.
  • Solange beide Geschlechter noch zu Hause bei den Eltern wohnen, weisen sie annähernd ähnliche Defizite hinsichtlich Empowerment auf. Dieser Wert ändert sich schlagartig, sobald die jungen Leute ausziehen oder heiraten: Das stärkt die Männer und schwächt die Frauen. Die Lücke zwischen den Geschlechtern wächst dann von 9 auf 59 Prozent.
  • Häusliche Gewalt lehnen vier von fünf der Befragten ab – Männer wie Frauen. Ein Fünftel findet dagegen häusliche Gewalt gegenüber Frauen in bestimmten Situationen gerechtfertigt. Je höher Bildung und Einkommen der Befragten war, desto höher fiel auch der Grad an Ablehnung aus. Die Werte zeigen keine Unterschiede zwischen Stadt und Land.
Prof. Dr. Michael Grimm (von links), die tunesische Frauenministerin Naziha Laabidi, und Dr. Soukaina Bouraoui, Executive Director des Centre of Arab Women for Training in Research

Prof. Dr. Michael Grimm (von links), die tunesische Frauenministerin Naziha Laabidi und Dr. Soukaina Bouraoui, Executive Director des Centre of Arab Women for Training in Research.

Passauer Team präsentiert Ergebnisse tunesischer Frauenministerin

Das Passauer Forschungsteam hat die Erkenntnisse auf einem Workshop in Tunis etwa 50 hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wissenschaft präsentiert. Anwesend war auch die tunesische Frauenministerin Naziha Laabidi. Das Centre of Arab Women for Training in Research veranstaltete den Workshop. Dr. Soukaina Bouraoui, Executive Director der Nichtregierungsorganisation, habe den Passauer Forschenden zufolge aus den Ergebnissen geschlussfolgert, dass die bislang schlechten Werte im Bereich der wirtschaftlichen Teilhabe weniger mit der Religion an sich zu tun hätten, als vielmehr mit konservativen Wertvorstellungen. Eine muslimische Frau, die aktiv am Arbeitsleben teilhabe, widerspreche keinerlei religiösen Prinzipien.

Über seine eigene Motivation, das Thema zu erforschen, sagt der Entwicklungsökonom Prof. Dr. Grimm: "Geschlechtergerechtigkeit ist natürlich zunächst einmal ein Ziel in sich. Aber auch aus ökonomischem Kalkül heraus sollte ein Land allen Bürgerinnen und Bürgern die gleichen Chancen bieten, sonst werden Ressourcen und Talent verschwendet.“