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Digitalisierung: "Was kostet das, was bringt das, wem schadet das?"

Prof. Dr. Franz Lehner, Prof. Dr. Susanne Mayr und Prof. Dr. Hannah Schmid-Petri veranstalten gemeinsam eine öffentliche Ringvorlesung, die das sensible Feld „Alles außer Kontrolle? Herausforderungen der Digitalisierung für die Gesellschaft“ behandelt. 

Von links: Prof. Dr. Susanne Mayr (Lehrstuhl für Psychologie mit Schwerpunkt Mensch-Maschine-Interaktion), Prof. Dr. Hannah Schmid-Petri (Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation) und Prof. Dr. Franz Lehner (Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik - Schwerpunkt Informations- und IT-Service-Management)

Prof. Dr. Franz Lehner (von rechts), Prof. Dr. Hannah Schmid-Petri und Prof. Dr. Susanne Mayr veranstalten gemeinsam eine öffentliche Ringvorlesung, die das sensible Feld "Alles außer Kontrolle? Herausforderungen der Digitalisierung für die Gesellschaft" behandelt. 

„Alles außer Kontrolle?“ – das ist durchaus eine provokative Frage für ein wissenschaftliches Programm. Sind wir denn im Begriff, die Kontrolle zu verlieren?

Prof. Dr. Schmid-Petri: Die hauptsächliche Veränderung ist, dass die traditionellen Massenmedien in der Aufbereitung und Auswahl von Themen ihre Vormachtstellung verlieren. Heutzutage können wir alle online behaupten, Experte oder Expertin für irgendein Thema zu sein. Das zieht natürlich Konsequenzen für die Diskussion über Themen nach sich: Es gibt jetzt viel mehr Akteure, die an öffentlichen Diskursen teilnehmen. Bezogen auf die Wissenschaft bedeutet das, dass auch die Universitäten ein Stück weit ihr Monopol in der Herstellung und Verbreitung von Wissen verlieren. Da mehr Akteure an gesellschaftlichen Diskursen teilnehmen, werden auch Inhalte sehr viel heterogener. Dies führt natürlich auch dazu, dass es für die Nutzer nicht mehr so einfach nachvollziehbar ist, was glaubwürdig ist und was nicht.

Prof. Dr. Susanne Mayr: Die Psychologie beschäftigt sich teilweise mit ähnlichen Themen. Was kann der Mensch jetzt selbst kontrollieren? Er kann viel mehr Einfluss nehmen als bisher, aber die Folgen sind oft gar nicht absehbar. Vielen handelnden Akteuren ist nicht bewusst, was sie anrichten, wenn sie etwas in den Orkus Internet blasen und es eigentlich nie wieder löschbar ist.

Schmid-Petri: Nach wie vor ungeklärt ist zudem die Frage nach der Qualitätskontrolle online. Wer kontrolliert eigentlich, was da für Inhalte verbreitet werden? Wer kontrolliert die großen Plattform-Betreiber wie Google oder Facebook, die ja zu sehr einflussreichen neuen Selektionsinstanzen geworden sind? Da spielt der Aspekt der Kontrolle eine große Rolle. Aus Nutzersicht kann ich jetzt einerseits viel selber machen und kontrollieren, andererseits fühlt sich der ein oder andere vielleicht auch ein bisschen getrieben oder überfordert von der Digitalisierung. Hier existiert also ein Spannungsverhältnis.

Mayr: Der andere Aspekt, der aus Perspektive der Psychologie mit Schwerpunkt Mensch-Maschine ebenfalls wichtig ist, ist die Arbeitswelt in Form der Mensch-Maschine-Interaktion. Was ändert sich in der Arbeitswelt dadurch, dass plötzlich vieles teilautonom und später autonom wird in der Bedienung? Was hat das für Folgen? Das ist uns teilweise nicht bewusst und da müssen die Konzepte der Arbeitspsychologie auch neu durchdacht werden.

Prof. Dr. Lehner: Die Wirtschaftsinformatik steht möglicherweise auf der anderen Seite dieser Entwicklung: Nämlich mit dem Versuch, Prozesse und betriebliche Abläufe unter Kontrolle zu bekommen. Beim Blick auf diese Entwicklungen werden häufig die Nebenwirkungen vergessen. Was in einem einzelnen Projekt noch problemlos aussieht, wird dann erst in der Multiplikation, also in der großen Zahl an vernetzten Anwendungen, zu einem Thema mit völlig neuen Phänomenen, Folge- und Nebenwirkungen. Und dies zu beantworten leistet ein Fach alleine definitiv nicht mehr. Die Wirtschaftsinformatik ist in diesem Kontext vor allem auf Kosten und Nutzenaspekte konzentriert. Insofern ist der Titel der Vorlesungsreihe, der uns auf die Ambivalenz dieser Entwicklung aufmerksam macht, auch einer, der zur Zusammenarbeit zwischen den Fächern auffordert.

…was erklärt, wieso sehr viele verschiedene Disziplinen im Programm vertreten sind…

Lehner: Wichtig ist zu betonen, dass wir hier keine reine Informatik-Vorlesung anbieten, auch wenn die Informatik eine Rolle spielen wird. Wir haben uns bewusst zum Auftakt für Viktor Mayer-Schönberger entschieden, der mit seinem Bestseller über Big Data ein Millionenpublikum erreicht hat und für seine kritische Haltung sehr bekannt ist. Er fordert das „Digitale Vergessen“, oder die Möglichkeit im Internet verfügbares zu löschen. Dieser Aspekt ist mir auch persönlich wichtig. Wir sind der Entwicklung nicht völlig hilflos ausgeliefert und nutzen diese Ringvorlesung, um auch mal nicht-technische Interessen einzubringen.

Das Programm

Dienstag, 6. November, 16 Uhr, HS 8
Viktor Mayer-Schönberger, Oxford Internet Institute, Universität Oxford
"Big Data, KI und die Zukunft unserer Wirtschaft"

Dienstag, 13. November, 16 Uhr, HS 8
Petra Schaper Rinkel, Austrian Institute of Technology
"Neuro-Enhancement"

Dienstag, 11. Dezember, 16 Uhr, HS 8
Anna Kümpel, LMU München
"Nachrichtennutzung auf Facebook: Bedeutung, Besonderheiten und Effekte"

Donnerstag, 13. Dezember, 16 Uhr, HS 7
Christoph Klimmt, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
"Always online: Wie das Smartphone unser Denken und Handeln im Alltag verändert"

Dienstag, 8. Januar, 16 Uhr, HS 8
Christian Wadephul, Universität Stuttgart
"Software als Institution? Eine ethisch-normative Perspektive auf Big Data"

Dienstag, 15. Januar, 16 Uhr, HS 8
Martina Mara, Universität Linz
"Roboterpsychologie"

Dienstag, 5. Februar, 16 Uhr, HS 8
Axel Buchner, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
"Die Gefährdung psychischer Gesundheit in Unternehmen der Industrie 4.0"

Alle Veranstaltungsräume befinden sich im Gebäude Innstr. 27 (Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät). Der Eintritt ist frei.

Mayr: In dem Beitrag von Frau Mara geht es um das Erleben und Wahrnehmen von, sowie das Interagieren mit Robotern. Die Forschung zeigt, dass sich viele Menschen schwer damit tun, wenn man Mensch und Maschine kaum mehr unterscheiden kann. Sie beschäftigt sich mit Interaktionsformen zwischen Mensch und Roboter und kommt in Ihren Arbeiten zu dem Schluss, dass wir neue Bilder von Robotern brauchen. Ein weiterer Vortrag ist der zur Gefährdung psychischer Gesundheit in Unternehmen der Industrie 4.0. Die wenigsten wissen, dass eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung in Unternehmen nach Arbeitsschutzgesetz durchgeführt werden muss. Die Frage ist, ob die Gefährdungsbeurteilung sich stärker auf Veränderungen der Industrie 4.0 einstellen muss. Gibt es vielleicht ganz andere psychische Belastungen, die wir noch gar nicht auf dem Radar haben? Wenn die Maschine die meisten Aufgaben übernimmt, hat der Mensch nur noch ganz wenige Handlungsmöglichkeiten. Kann der Mensch überhaupt noch eingreifen oder ist er auf ganz bestimmte Tätigkeiten festgelegt? Wie kompliziert ist die Kommunikation mit neuen Maschinen?

Schmid-Petri: Fragen der Kommunikation werden auch durch die beiden Vorträge von Anna Kümpel und Christoph Klimmt abgedeckt. Anna Kümpel hat sich in ihrer Dissertation mit der Nachrichtennutzung über Facebook beschäftigt, auch weil wir feststellen, dass die Nachrichtennutzung über traditionelle Offline-Medien immer weiter abnimmt und ins Internet abwandert. Der Vortrag von Christoph Klimmt beschäftigt sich damit, wie sich unser Leben, unsere Beziehungen, überhaupt unser Handeln durch ständige Online-Präsenz verändern.

Lehner: Industrie 4.0 ist im Grunde die analoge Entwicklung im Unternehmensbereich: ständig vernetzt, in Kontakt, online. Die Frage ist, ob die Systeme wie wir sie heute nutzen oder kennen (ich würde sie als umklammernd und abhängig machend beschreiben und von der Wissenschaft als Lock-In-Effekt bezeichnet), so bleiben werden. Und das würde ich stark bezweifeln. Ich bin relativ sicher, dass die Meinungsvielfalt und Wahlfreiheit, die ja auch so in der deutschen Verfassung festgeschrieben ist, irgendwann auch in der digitalen Welt umgesetzt wird.

Schmid-Petri: Auch in der Kommunikationswissenschaft gibt es wenige empirische Belege dafür, dass es eine Filter-Bubble in einer sehr extremen Form geben würde. Natürlich bewegen wir uns online (aber auch offline) eher in einem Umfeld, das unsere eigenen Meinungen teilt. Trotz allem gibt es auch Studien, die darauf hindeuten, dass wir durch die größere Vielfalt, die einem online geboten wird, mit mehr unterschiedlichen Informationen in Kontakt kommen.  

Neben den Feldern, auf denen wir mehr oder eine andere Art von Kontrolle brauchen: Welche gesellschaftlichen Vorteile bringt uns die Digitalisierung?

Schmid-Petri: Also ich glaube der bedeutendste Vorteil sind die großen Partizipationsmöglichkeiten: Dass ich eben auch mit irgendwelchen Nischeninteressen sofort Gleichgesinnte finde und mich sofort mit ihnen verbinden und austauschen kann – sei es, weil ich eine seltene chronische Krankheit habe, oder ein besonderes Hobby oder weil ich mich über ein bestimmtes Thema austauschen will. Das war früher nicht so einfach. Und das gilt natürlich  auch auf für politische Akteure oder für Nachrichtenmedien, die viel einfacher Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern aufnehmen können.

Mayr: Da herrscht schon fast eine gewisse Goldgräberstimmung mit ganz vielen neuen Entwicklungen, die sich uns erschließen. Vor 10, 15 Jahren hätten wir das nie für möglich gehalten. Und jetzt zeigt sich an mehreren Stellen: Einwandfrei funktioniert das nicht, wenn man es absolut frei laufen lässt. Da muss nun nachjustiert werden. Aber in der Summe ist das Bild durchaus positiv.

Lehner: Ja, und es entsteht möglicherweise eine neue Vielfalt, die durchaus wünschenswert sein kann. Wir sehen viele neue Anwendungen und  es entstehen wohl, wenn man nach Beispielen sucht, schon jetzt viele Dinge, denen die Menschheit zufrieden und glücklich zuschauen kann. Wir neigen aber interessanterweise eher zu einem Kontrollblick auf das Thema und sind fixiert auf die Frage: „was könnte schief gehen?“. Wir wollen daher in unserer Veranstaltung bewusst Platz lassen für den Gedanken, was alles gut gehen könnte – und hoffen, zusammen mit den Teilnehmern durch die Diskussion einen Beitrag zur positiven Weiterentwicklung zu leisten.