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Frau Sieber, trifft die Coronakrise Frauen härter als Männer?

Ja, sagt Prof. Dr. Andrea Sieber, Inhaberin der Professur für Ältere Deutsche Literaturwissenschaft und Frauenbeauftragte an der Universität Passau. In Zeiten der Krise erscheinen Aspekte der Gleichstellung wie unter einem Brennglas.

Gerade während der letzten Wochen wird dies zunehmend thematisiert und auch von wissenschaftlicher Seite bestätigt: So spricht beispielsweise die Soziologin Jutta Allmendinger von einer 'Retraditionalisierung' der Geschlechterrollen. In Zeiten der Krise erscheinen Aspekte der Gleichstellung wie unter einem Brennglas. Probleme, die wir bisher angeblich im Griff hatten oder kaschiert haben, treten jetzt besonders in den Fokus. Nun zeigt sich, dass wir innerhalb von Strukturen arbeiten, die nur scheinbar einer Gleichberechtigung entsprechen. Unter der Oberfläche sieht es nicht so gut aus.

Frauen leisten in dieser Krise mehr Arbeit bei der Kinderbetreuung. Sie tendieren eher als Männer dazu, dafür in Teilzeit zu gehen oder ganz zu pausieren. Bei Paaren, in denen beide Elternteile voll berufstätig sind, übernehmen Frauen meist die Hauptlast der Betreuungsarbeit. Alleinerziehende trifft die Krise besonders schwer – und 90 Prozent der erwerbstätigen Alleinerziehenden mit Kindern unter 13 Jahren in Deutschland sind Frauen. Inzwischen sehen wir in den Statistiken, dass Frauen in der Krise auch häufiger den Job verloren haben als Männer: Im März 2020 haben sich 203 000 Frauen, aber nur 38 000 Männer arbeitslos gemeldet. Die Langzeitfolgen – etwa die Auswirkungen auf die Altersarmut – können wir noch gar nicht abschätzen. Bezeichnend ist auch die Unterrepräsentanz von Frauen in Regierungskreisen und auf Expertenebene. Nach wie vor prägen Männer die Kommunikation als Forschende bzw. Entscheidende in dieser Krise, obwohl vor allem Frauen an der „Frontlinie“ etwa in Pflegeberufen der im Einzelhandel arbeiten. Im Corona-Kabinett der Bundesregierung ist die für Familie zuständige Ministerin kein festes Mitglied. Im Gremium der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die maßgebliche Politikberatung zu Covid-19 leistet, sitzen 24 Männer und zwei Frauen. Dies sind Fakten, die ein eklatantes Missverhältnis spiegeln.

Auf Hochschulebene setzt sich dieses Missverhältnis fort. Von zahlreichen Wissenschaftlerinnen, auch von mir selbst, kann ich sagen, dass unsere Forschungsleistungen in diesen Monaten eklatant abnehmen, während bei unseren männlichen Kollegen der Output sogar steigt – das hat natürlich mit der Schieflage bei den familiären Betreuungsleistungen zu tun. Weitere Problemfelder sind die Verschärfung prekärer Beschäftigungsverhältnisse von Nachwuchswissenschaftlerinnen oder auch die finanziellen Auswirkungen für Studierende, vor allem für diejenigen mit Care-Aufgaben.

Die Hochschulleitungen haben am Anfang der Krise vor allen Dingen auf einen funktionierenden Betrieb zugunsten der Studierenden gesetzt. Die Sorgen und Probleme, die durch die Umstellung auf Online-Lehre bei den Dozierenden entstanden sind, wurden noch nicht genügend gehört. Kinderbetreuung bleibt ein großes Thema. Und wir müssen einen differenzierteren Blick auf das Thema Homeoffice entwickeln: Nehmen wir etwa jungen Wissenschaftlerinnen mit Kindern ihre berufliche Sichtbarkeit, wenn wir sie pauschal in die Wohnraumarbeit schicken? Wir konnten solche Fragen im Krisenmodus nicht gut vorbereitet lösen. Aber wir können Lehren aus dieser Erfahrung ziehen und sozialverträgliche Lösungen langfristig an der Universität so etablieren, dass wir die verschiedenen Statusgruppen dabei besser im Blick behalten."

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 01/2020 des Campus Passau Magazin

Prof. Dr. Andrea Sieber

forscht zu mittelalterlicher Literatur und Mediengeschichte

Welches Bild vermitteln moderne Medien vom Mittelalter?

Welches Bild vermitteln moderne Medien vom Mittelalter?

Prof. Dr. Andrea Sieber ist seit 2016 Inhaberin der Professur für Ältere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Passau. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Literatur- und Mediengeschichte sowie der Rezeption des Mittelalters. Seit September 2019 ist sie Vorstandsmitglied des Deutschen Germanistenverbands (DGV).

Haben Sie Fragen zu dem Thema? Schreiben Sie uns: frag-die-wissenschaft@uni-passau.de - Wir leiten Ihre Fragen an Frau Professorin Sieber weiter und veröffentlichen an dieser Stelle zeitnah ihre Antworten.