Zum Inhalt springen

Passau und Dresden: Pulsierende Debatten um deutsche und europäische Identität

Phil Bednarzcyk, politischer Berater zu Europa im US-Kongress, hat die vergangenen Monate als Stipendiat der Robert-Bosch-Stiftung in Passau und in Dresden verbracht. Seine Eindrücke. Von Phil Bednarczyk

Der Jean-Monnet-Lehrstuhl an der Universität Passau unter der Leitung von Prof. Dr. Daniel Göler forscht zu sämtlichen Belangen der Europäischen Integration. Zentral für diese Arbeit ist internationaler Wissensaustausch. Von November 2018 bis Januar 2019 war Phil Bednarczyk aus den USA im Rahmen seines transatlantischen  Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung zu Gast. Der 34-Jährige arbeitete in Washington als politischer Berater zu Europa für die Demokraten im US-Repräsentantenhaus. Der EU-Experte Bednarzcyk hat, wie man hier in Deutschland sagen würde, polnischen Migrationshintergrund und spricht fünf europäische Sprachen (Englisch mitgezählt).

Wenn ich in Washington die Position von Kongressabgeordneten und ihrer Büros zu Europa abstimmte, nutzte ich ein Verständnis von Deutschland, das der gängigen Linie folgte. Es ging so: Deutschland ist wirtschaftlich und politisch die treibende Kraft in Sachen europäischer Integration, eine zögerliche Führungsmacht, aber im Einklang mit dem amerikanischen Interesse für ein geeintes und friedliches Europa. Deutschland war Teil meiner eher bequemen Sicht auf Europa und meines idealistischen Blicks auf das europäische Projekt.

Ich konnte aus dem Stegreif zu politischen Parteien berichten, aktuelle Umfragen und Wirtschaftsberichte rezitieren, aber ich konnte nicht wirklich erklären, was sie reflektierten, wer die Menschen hinter diesen Zahlen waren. Meine Erfahrungen mit Deutschen beschränkten sich auf ein urbanes, kosmopolitisches Milieu in einem Berliner Umfeld.

Aus diesem Grund beschloss ich, mich aus Berlin herauszuwagen und andere Orte im Rahmen meines Stipendiums bei der Robert-Bosch-Stiftung zu erkunden. In Zeiten der Trump-Regierung war es für Journalistinnen und Journalisten in Mode gekommen, sich außerhalb Washingtons und New Yorks auf die Suche nach der amerikanischen Identität zu machen. Ich tat das Gleiche jenseits des Atlantiks: Ich wagte den Sprung nach Dunkel-Deutschland, wie es meine Berliner Bekannten nannten: Dresden. Heute lache ich darüber.

"Tatsächlich war mein erster Eindruck von diesem vermeintlich rückständigen Dresden, dass es eine interessante Geschichte erzählen würde."

Dresden: Politische Kunst in Form von Gebäuden

Tatsächlich war mein erster Eindruck von diesem vermeintlich rückständigen Dresden, dass es eine interessante Geschichte erzählen würde: Vom Kulturpalast im Stile des sozialistischen Realismus über die herrliche Altstadt bis hin zur Albertbrücke nach Johannstadt, einem Vorort, der am schlimmsten von den Bomben des Zweiten Weltkriegs getroffen wurde. Diese Gebäude sind eine Form von politischer Kunst.

Der andere Ort, für den ich mich entschied, war Passau, eine pittoreske Kleinstadt geprägt von Grenzen, von der Nähe zu Österreich und Tschechien. Die außerordentliche geographische Lage zeigte sich zuletzt 2015 als Ende der westlichen Balkanroute: Passau war der Eintrittsort nach Deutschland für Hunderttausende Geflüchtete. Der Bürgermeister und die Bevölkerung packten die Lage pragmatisch und unaufgeregt an: Sie halfen, ohne viel Aufhebens zu machen.

Passau: Willkommenskultur der Einheimischen

Ich kam im November 2018 in Passau an, wo ich schnell mit dem gleichen durchdringenden Skeptizismus gegenüber Berlin konfrontiert war, wie ihn meine Berliner Bekannten dem ländlichen Raum gegenüber zeigten. Ich schätzte mich glücklich, dass die Passauer Altstadt und die Universität Passau für zwei Monate mein zu Hause wurden. Ich genoss die offene Art der Einheimischen, die Dynamik der vielen Studierenden, die Diskussionen in akademischen Kreisen, Kuratorinnen und Kuratoren von Wissen und Kultur.

"Ich schätzte mich glücklich, dass die Passauer Altstadt und die Universität Passau für zwei Monate mein zu Hause wurden."

Allerdings zeichnen jüngste Wahlergebnisse auch ein anderes Bild: Die Alternative für Deutschland (AfD) erzielte hier höhere Ergebnisse als anderswo in Bayern - Anlass für mich zu spekulieren, ob sich die Menschen hier, ein stolzer und regional verwurzelter Schlag, abgehängt fühlen.

Meine Geschichte, ein US-Amerikaner, der seine Position als politischer Berater im Kongress pausierte, um Erfahrungen in Sachsen und Bayern zu sammeln, brachte die Leute zum Reden. Meine Stichprobe, der kurze Zeitraum und die Menschen, mit denen ich mich unterhalten habe, liefert sicherlich kein umfassendes Bild. Aber hier sind meine Eindrücke:

Pulsierende Debatten über Deutschlands Zukunft an beiden Orten. Die Debatten drehen sich oft um dieselben Themen: Souveränität, sozialer Zusammenhalt, Identität. Es braucht nicht viel, um diese Diskussionen anzustoßen: weder bei spontanen Treffen im Café, bei organisierten Märschen wie den Montagsdemos von Pegida oder den Gegenprotesten „Herz statt Hetze“, noch bei den vielen täglichen Diskussionen und geplanten Versammlungen der Zivilgesellschaft. Ich war positiv überrascht und lernte von den zahlreichen lebhaften und informierten Gesprächen.

Opfermentalität. Mir fiel auf, dass ich an allen Orten und von ganz unterschiedlichen Personen eine ähnliche Erzählung hörte, wonach das System gesteuert sei und sie stets den Kürzeren ziehen würden: Sei es von meinem bellenden Sitznachbarn beim Dynamo-Dresden-Spiel oder im Gespräch über Politik mit einer kleinen Gruppe von Musikern in Passau. Ich glaube, dass diese Haltung zu Apathie führt: Eigenes Engagement ist in einem manipulierten Spiel sinnlos. Natürlich handelt es sich hier auch um eine zynische Politik-Strategie: Von geringer politischer Partizipation profitieren anti-demokratische Kräfte. Ich denke an das heutige Russland und Aspekte der Demokratie meines eigenen Landes.

Fehlen einer stimmigen Erzählung. Ich habe hier in Deutschland nach einer schlüssigen Geschichte gesucht, eine, mit der ich einen besseren Job machen könnte. Stattdessen habe ich jetzt noch mehr Fragen. Nachdem ich eine Woche bei den guten Menschen im polnischen Bielsko-Biala im schlesischen Vorgebirge verbracht habe, ist mir eines klar geworden: es gibt keine gemeinsame europäische Geschichte, zumindest nicht in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger. Die Nationen und auch die Regionen erzählen ihre eigenen Geschichten. Und es gibt nationale Geschichten, keine Geschichte, wie sie populistische Politikerinnen und Politiker in Deutschland und Polen gerne erzählen und damit jegliche europäische Gemeinsamkeiten und Ziele außer Acht lassen.

Letztere Erkenntnis bereitet mir Sorge, insbesondere mit Blick auf die bevorstehenden Europawahlen. Die US-Regierung sieht die EU-Institutionen offenbar skeptisch und adressiert die einzelnen Mitgliedstaaten. US-Präsident Donald Trump kündigte in Polen an: „Amerikanerinnen und Amerikaner, Polinnen und Polen schätzen individuelle Freiheit und Souveränität. Wir müssen zusammenarbeiten, um Kräften entgegentreten zu können, die diese Werte bedrohen, die das, was uns verbindet, unsere Kultur, unseren Glauben und unsere Tradition, zerstören, egal ob diese Kräfte von innen oder von außen, aus dem Süden oder aus dem Osten kommen.“

Die Europäische Union als Bedrohung für die Kultur und Tradition ihrer Mitgliedstaaten - diese Darstellung hat etwas von einer Orwellschen Verdrehung der Wirklichkeit. Es erinnert mich an das Zitat: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Europe, as viewed from the US: Visiting fellow Phil Bednarczyk, advisor for the US-Congress during his lecture at the University of Passau

Gaststipendiat Phil Bednarczyk während seines Vortrags an der Universität Passau im Dezember 2018. Foto: Florence Reiter, Universität Passau

Um eines klarzustellen: Das Gegenteil ist der Fall. Die Europäische Union schützt insbesondere die Freiheiten und Identitäten kleinerer Mitgliedstaaten, indem sie ihnen eine Struktur bietet, in deren Rahmen diese Nationen zusammenarbeiten können und ihre Interessen auf globaler Ebene einbringen können. Gäbe es dieses Konstrukt nicht, wären diese Staaten sehr viel anfälliger für Druck von außen.

In Deutschland stehen dieses Jahr noch weitere Wahlen an, darunter in Sachsen. Während eines Gesprächs mit einem jungen Journalisten und Autor in Dresden stellte ich folgende Frage: „Was, wenn die AfD gewinnt? Was würde sie wohl machen, das Dir Sorgen bereitet?“ Mein Kontakt machte eine kurze Pause, um dann geradeheraus zu sagen: „Über Schulbücher, über Druck auf Geschichtslehrpläne, öffentliche Institutionen und Museen würde sie versuchen, die sächsische Identität zu politisieren und neu zu definieren.“

Da war er wieder, dieser dehnbare Begriff Identität, der für so vieles benutzt werden kann, um Menschen zu einen, um das Fremde zu definieren - oder um unfassbare Angst zu erzeugen.

Diskussionen können helfen, bestehende Haltungen zu hinterfragen und neue Anstöße zu bekommen. Die pulsierenden Debatten, die ich in Deutschland und anderswo erlebt habe, geben mir Hoffnung: Ich hoffe, dass viele Europäerinnen und Europäer die Chance nutzen und ihre Ideen in den Wahllokalen auf den Prüfstand stellen. Nur so kann sich das europäische Projekt weiterentwickeln und die Anforderungen der Bürgerinnen und Bürger bedienen. Das jedenfalls wäre in unser aller Interesse!