Zum Inhalt springen

Langsam wächst zusammen, was zusammen gehört

Der Passauer Ökonom Prof. Dr. Stefan Bauernschuster hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des ifo Instituts München untersucht, wie sich Ost- und Westdeutsche in ihren Einstellungen unterscheiden. Das Ergebnis: Insbesondere die jüngere Generation nähert sich an. In manchen Bereichen gibt es aber nach wie vor interessante Unterschiede, zum Beispiel bei der Frage zur Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft.

Wächst zusammen, was zusammengehört? Wie blicken Ost- und Westdeutsche knapp drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung auf ihr Land und ihre Gesellschaft? Um diese Frage zu beantworten, durchforsteten die Forscherinnen und Forscher gleich mehrere große Datensätze und werteten diese systematisch aus. Dabei betrachteten sie diverse Einstellungen und Werte aus vier unterschiedlichen Lebensbereichen, der sozialen Sphäre, der politischen Sphäre, der familialen Sphäre und der wirtschaftlichen Sphäre - und erkannten ein Hauptmuster: In den meisten Bereichen sind die Ost-West-Unterschiede unter jüngeren Menschen teils erheblich kleiner als unter älteren Menschen. „Die Erfahrungen mit zwei unterschiedlichen polit-ökonomischen Systemen in den beiden Landesteilen sind allerdings fast in allen Einstellungsfragen immer noch erkennbar“, sagt Prof. Dr. Stefan Bauernschuster, Inhaber des Lehrstuhl für Public Economics an der Universität Passau.

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster

forscht zu Familienpolitik und Digitalisierung

Wie verändern neue Technologien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Wie verändern neue Technologien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist seit 2013 Inhaber des Lehrstuhls für Public Economics an der Universität Passau. Er ist Forschungsprofessor am ifo Institut München, Research Affiliate des CESifo Netzwerks, Mitglied des Ausschusses für Sozialpolitik beim Verein für Socialpolitik sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS).

Arbeitende Mütter im Osten deutlich akzeptierter

Zu besonders auffälligen Befunden kommt es unter anderem bei den Einstellungen zur Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft. Während immer noch mehr als ein Viertel aller Westdeutschen der Meinung sind, dass es viel besser sei, wenn der Mann voll im Berufsleben stehe und die Frau zu Hause bleibe, liegt die Zustimmung zu dieser Aussage in Ostdeutschland bei lediglich 14 Prozent. „Diese Einstellungsunterschiede spiegeln sich in unterschiedlichem Verhalten am Arbeitsmarkt wider“, erläutert Bauernschuster. „Mütter in Ostdeutschland haben nach wie vor eine deutlich ausgeprägtere Arbeitsmarktbeteiligung als Mütter in Westdeutschland.“ In einer früheren Studie zeigte Stefan Bauernschuster mit seinem Ko-Autor Helmut Rainer (LMU München) bereits, dass diese unterschiedlichen Rollenbilder nicht zuletzt auf historische Unterschiede in den polit-ökonomischen Regimen Ost- und Westdeutschlands zurückzuführen sind.

Aufgabenteilung in der Familie - Mann geht arbeiten, Frau kümmert sich um Haushalt und Kind

Aussage: "Es ist für alle Beteiligten viel besser, wenn der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert."

Die Befragten konnten zwischen folgenden Einschätzungen wählen:

(4) Stimme voll und ganz zu

(3) Stimme eher zu

(2) Stimme eher nicht zu

(1) Stimme überhaupt nicht zu

Politik: Interesse, aber auch Unzufriedenheit

Bezüglich der politischen Sphäre können die Wissenschaftler zeigen, dass das Interesse der Menschen für Politik in den letzten Jahren stark angestiegen ist und es hier kaum Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gibt. Trotzdem ist die tatsächliche Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen in Westdeutschland konstant höher als in Ostdeutschland. Die Demokratie wird von den allermeisten Menschen in Ost- und Westdeutschland als die beste Staatsform angesehen und die Zufriedenheit mit der Demokratie ist in Deutschland in den letzten Jahren angestiegen. Beim Urteil über das Funktionieren der Demokratie sind die Menschen in Ostdeutschland dagegen deutlich kritischer eingestellt als in Westdeutschland: Während 72 Prozent der Westdeutschen mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland zufrieden sind, gilt dies nur für 44 Prozent der Ostdeutschen. Ähnliche Unterschiede findet man in der Zufriedenheit mit der nationalen Regierung und dem Vertrauen in den Deutschen Bundestag, in Parteien sowie Politikerinnen und Politiker.

Migration: Zwischen Hilfsbereitschaft und Gewalt

Ein besonderes Interesse der Forschenden galt dem Thema Migration: „Hier zeigt sich, dass die allgemeine Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen hoch ist; doch sprechen sich Ostdeutsche öfter als Westdeutsche für eine Begrenzung und Unterbindung sowohl des Zuzugs von Flüchtlingen als auch des Zuzugs von EU-Arbeitnehmern aus“, fasst Bauernschuster zusammen. „Flüchtlinge und auch andere in Deutschland lebende Ausländer werden in Ostdeutschland häufiger als Risiko wahrgenommen als in Westdeutschland. Zieht man zu den Einstellungen die Verhaltensweisen im Extremismusbereich hinzu, so bestätigen sich die Ost-West-Unterschiede: In Relation zur Einwohnerzahl werden in Ostdeutschland häufiger fremdenfeindlich motivierte Straf- und Gewalttaten verübt als in Westdeutschland.“

Hohe Zufriedenheit mit der Wirtschaftslage

Nahezu einig sind sich die Befragten hingegen darüber, dass die Wirtschaftslage Deutschlands heute deutlich besser ist als noch im Jahr 2005. Gefragt nach ihrer privaten Wirtschaftssituation, beurteilen 70 Prozent der Befragten in Westdeutschland und 65 Prozent derjenigen in Ostdeutschland ihre Lage als gut bis sehr gut. Die Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation und den Arbeitsplatz nahmen seit 2005 deutlich ab; die Zufriedenheit mit dem eigenen Einkommen, dem Haushaltseinkommen, der Arbeit und die allgemeine Lebenszufriedenheit stieg in beiden Landesteilen substantiell. Nichtsdestotrotz gibt es noch größere Unterschiede, wenn man Fragen über Verteilungsgerechtigkeit stellt: Knapp 70 Prozent im Westen, aber nur knapp 50 Prozent im Osten gaben zuletzt an, ihren gerechten Anteil oder sogar mehr als ihren gerechten Anteil im Vergleich zu anderen in Deutschland Lebenden zu erhalten.

Preisgekrönte Studie

Der Passauer Ökonom Prof. Dr. Bauernschuster hat die Studie zusammen mit Kolleginnen und Kollegen des ifo Instituts München für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie durchgeführt. Auf der ifo Jahresversammlung in München wurde dieses Projekt als bestes Drittmittelprojekt des ifo Instituts des vergangenen Jahres ausgezeichnet. Für Prof. Dr. Stefan Bauernschuster ist es die dritte Auszeichnung dieser Art: Er erhielt den Preis bereits für zwei Studien für das Bundesministerium der Finanzen sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.