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„Das Leben ist zu kurz, um sich auf einer einzigen Spielwiese auszutoben"

Dr. Vinicius Mariano de Carvalho, Alumnus der Universität Passau und Dozent am King’s College London, verbrachte im Mai 2019 zehn Tage in Passau. Auf Einladung von Prof. Dr. Malte Steinbrink, Lehrstuhlinhaber für Anthropogeographie, nahm der Brasilianer am Internationalen Gastwissenschaftlerprogramm der Philosophischen Fakultät teil. Im Gespräch beschreibt er seine besondere Beziehung zu Passau, die Vorzüge eines kurvigen Lebenslaufes und die Gründe für den Wahlsieg Bolsonaros.

Foto von dem Gastforscher Dr. Vinicius Mariano de Carvalho vor der Innwiese der Universität Passau

Nach Ihrer Promotion am Lehrstuhl für Romanische Literaturen und Kulturen und Ihrem Wegzug aus Passau im Jahr 2006 waren Sie schon mehrere Male zu Besuch. Was zieht Sie immer wieder her?

In Passau habe ich die besten Jahre meines Lebens verbracht. Dieser Zeitraum, in dem ich an der Universität Passau promoviert und gelehrt habe, war relativ kurz. Meine Sicht auf das Leben hat er aber ganz entscheidend verändert, und zwar sowohl in persönlicher als auch in beruflicher Hinsicht. Ein paar Tage in Passau zu verbringen, bedeutet daher für mich viel mehr als eine vertraute Stadt zu besuchen. Es ist die Rückkehr an einen Ort, der mir hilft, Dinge wahrzunehmen, die ich in meinem Leben ändern muss. Die Erfahrungen, die ich in Passau gemacht habe, und die Entscheidungen, die ich hier getroffen habe, waren für mich und mein Leben sehr prägend.

Welchen Einfluss hatte hierbei die Universität Passau?

Ganz sicher einen großen. Während meiner Promotion hatte ich die Möglichkeit, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Und das Schöne war, dass diese Kreativität an der Uni wertgeschätzt wurde. Hinzu kam das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die überschaubare Größe der Uni und der Stadt machen es einem relativ leicht, ein Gemeinschaftsgefühl zu empfinden. Einer Gruppe anzugehören und Dinge teilen zu können, die einem wichtig sind, ist etwas Wunderbares.

Offen zu sein für den Wandel der Wissenschaft und der Welt im Ganzen, ist etwas, was ich aus Passau mitgenommen habe.

Dr. Vinicius Mariano de Carvalho

Die Universität Passau hat sich seit dem Abschluss Ihrer Promotion gewandelt. Auch Sie haben in der Zwischenzeit Ihren Fokus verschoben: Bei Ihnen stehen nicht mehr Literatur und Theologie im Zentrum, sondern urbane Gewalt, Fragen der öffentlichen Sicherheit, UN-Friedensmissionen und nicht zuletzt brasilianische Militärmusik. Wie kam es dazu?

Ich denke, dass auch dieser Schwenk mit dem Geist der Universität Passau zusammenhängt. Als ich hier anfing, zu lehren und zu promovieren, wurde mir durch den Kuwi-Studiengang bewusst, wie nützlich es ist, interdisziplinär zu arbeiten. Offen zu sein für den Wandel der Wissenschaft und der Welt im Ganzen, ist etwas, was ich aus Passau mitgenommen habe. Und diese Haltung hat mir immer wieder geholfen, notwendige Änderungen vorzunehmen und meinen Fokus neu auszurichten.

Auf Einladung von Prof. Dr. Malte Steinbrink verbrachten Sie im Mai zehn Tage als Gastwissenschaftler an der Universität Passau. Sie haben im ScharfrichterHaus einen Vortrag gehalten zur „Befriedung“ von Favelas in Rio de Janeiro und bei der Gelegenheit mit der Sturmberger Feiertagsmusi brasilianische Musik zum Besten gegeben. Für universitäre Veranstaltungen ist das ScharfrichterHaus ein eher ungewöhnlicher Ort. Normalerweise treten dort Kabarettisten und Comedians auf. Wie haben Sie sich auf dieser Bühne gefühlt?

Das ScharfrichterHaus hat viel mit meiner Zeit in Passau zu tun. Ich habe dort einige Stunden meines Lebens verbracht, und zwar nicht nur am Tresen, sondern auch auf der Bühne. Mein Ziel dabei war es, Mauern einzureißen zwischen dem universitären und dem außeruniversitären Raum. Jetzt wieder auf der Scharfrichterbühne zu stehen, war für mich ein gutes Gefühl. Es war ein Besinnen darauf, was diese Stadt und diese Universität auszeichnet, nämlich die Fähigkeit, einen Dialog zwischen Performance und Forschung aufrechtzuhalten. In der Wissenschaft sind wir ja immer bemüht, Türen zu öffnen. Leider bleiben sie oft verschlossen. Wenn wir als Wissenschaftler aber an einem Ort wie dem Scharfrichterhaus auftreten, nähern wir uns einem anderen Publikum an, einem Publikum, das ein Recht darauf hat, gut unterhalten zu werden und zu erfahren, was an der Universität erforscht wird.

Die einzige Konstante in meinem Leben ist der Wille, Neues zu entdecken.

Dr. Vinicius Mariano de Carvalho

    Foto von Gastforscher Dr. Vinicius Mariano de Carvalho im Nikolakloster der Universität Passau

    Dr. Vinicius Mariano de Carvalho bei seinem Besuch in der Philosophischen Fakultät der Universität Passau. Foto: Dr. Benedikt Kuhnen

    Unterhaltsam war nicht nur Ihr Vortrag, sondern schon die Präsentation Ihres Werdegangs durch Malte Steinbrink. Angesichts der Vielfalt an Tätigkeiten, Titeln und Themen, die sich in Ihrer Biografie finden lassen, brachte er ein Gefühl von Verwirrung zum Ausdruck. Denn Sie sind ja nicht nur Wissenschaftler. Sie können auch eine Ausbildung zum Elektriker vorweisen, waren auf dem besten Weg, katholischer Priester zu werden, bevor Sie sich dann der Literatur widmeten. Und damit nicht genug: Später dienten Sie in der brasilianischen Armee, waren als Militärbeobachter für die UNO im Einsatz und als Dirigent diverser Orchester. Ist es überhaupt sinnvoll, in Ihrer Biografie so etwas wie einen roten Faden zu suchen?

    Schwer zu sagen. Ein klares und explizites Berufsziel hatte ich jedenfalls nie. Ich glaube, die einzige Konstante in meinem Leben ist der Wille, Neues zu entdecken. Auch wenn es nach einem schlechten Kalenderspruch klingt, von einer Sache bin ich fest überzeugt: Das Leben ist zu kurz, um sich auf einer einzigen Spielwiese auszutoben.

    Daher also die Vielzahl an Tätigkeiten und Themen?

    Ja, ich wollte mich nie nur auf ein einziges Feld beschränken. Neugier ist das, was mich antreibt – und dieser Neugier verdanke ich viel: Die Ausbildung zum Elektriker hat mir Einblicke in ein systemisches Denken eröffnet, was zum Beispiel nützlich war für meine Arbeit als Orchesterdirigent. Diese Tätigkeit wiederum hat mir geholfen, besser zu verstehen, wie Gruppen funktionieren und welche Dynamiken sich hier entwickeln können. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich denke, dass all die genannten Tätigkeiten es mir ermöglicht haben, Dinge ganzheitlicher anzugehen.

    Zurück zu Ihrem Vortragsthema: Wie ist die momentane Lage in den Favelas von Rio, die im Zuge der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016 „befriedet“ wurden?

    In fast allen Stadtteilen von Rio, in denen Polizeieinheiten zur Befriedung eingesetzt wurden, beobachten wir eine Rückkehr der Drogendealer und der Gewalt – und zwar leider auf einem ähnlich hohen Niveau wie vor diesen sogenannten Befriedungsmaßnahmen. Man hat hier von staatlicher Seite viel Geld und Energie investiert, ohne jedoch die teils sehr unterschiedlichen Lebenswelten der Favelas von Rio zu berücksichtigen und die Bewohnerinnen und Bewohner in die Befriedungsmaßnahmen miteinzubeziehen. Man dachte, dass man ein einziges Modell auf alle Favelas anwenden könne. Die Ergebnisse zeigen, dass dies nicht funktioniert und es keine einfache Lösung für das komplexe Phänomen der Gewalt in Favelas gibt.

    Favela in Rio de Janeiro: "Die Inklusion wird nicht leicht, denn der Wandel muss sich nicht nur in den Favelas vollziehen, sondern in der gesamten brasilianischen Gesellschaft – und die ist aktuell sehr gespalten."

    Viele der Menschen, die in Favelas leben, sind ja selbst gar nicht am Drogenhandel beteiligt. Oft leben sie in diesen informellen Siedlungen, weil sie sich die Mieten in anderen Stadtteilen nicht leisten können. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich ihr Alltag in absehbarer Zeit verbessern wird?

    Natürlich sind nicht alle am Drogenhandel beteiligt. Die Drogenhändler stellen nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung in den Favelas. Aber sie haben dort die Macht, weil sie die Gewalt monopolisieren und die Bevölkerung bedrohen. Historisch betrachtet wurde diese Bevölkerung schon immer an den Rand gedrängt und weder sozial noch politisch angemessen eingebunden. Die Inklusion dieser Menschen wird nicht leicht, denn der Wandel muss sich nicht nur in den Favelas vollziehen, sondern in der gesamten brasilianischen Gesellschaft – und die ist aktuell sehr gespalten.

    Bolsonaros Sieg ist ein Symptom von Phänomenen, die in der Gesellschaft Brasiliens leider noch immer weit verbreitet sind: Rassismus, Sexismus, Machismo und Homophobie.

    Dr. Vinicius Mariano de Carvalho

    Dass Jair Bolsonaro im letzten Jahr zum Staatspräsidenten von Brasilien gewählt wurde, hat viele Menschen angesichts seiner gewaltverherrlichenden, homophoben und rassistischen Aussagen entsetzt – vor allem in Europa. Hat Sie Bolsonaros Wahlsieg überrascht?

    Wenn ich ehrlich bin, hat er mich nicht überrascht. Bolsonaros Sieg ist ein Symptom von Phänomenen, die in der Gesellschaft Brasiliens leider noch immer weit verbreitet sind: Rassismus, Sexismus, Machismo und Homophobie. Und solange sich das nicht ändert, werden Politiker wie Bolsonaro an die Macht kommen und sich dort halten. Er hat es verstanden, sich als Vertreter einer „neuen Politik” zu inszenieren.

    Dabei sitzt Bolsonaro schon seit etlichen Jahren im Parlament...

    Ja, aber er spielt mit diesem Image, kein Politiker beziehungsweise kein normaler Politiker zu sein. Ich bin auf jeden Fall fest davon überzeugt, dass nicht die Politik die Gesellschaft verändert, sondern die Gesellschaft die Politik. Und wenn sich innerhalb der Gesellschaft kein Wandel vollzieht, werden auch die politischen Führungskräfte dieselben bleiben.

    In Ihrem Artikel, der kurz nach den Präsidentschaftswahlen 2018 in der Washington Post erschienen ist, erwähnen Sie den in Brasilien allseits herrschenden Konservatismus und die seit Jahrzehnten zu beobachtende Reproduktion der politischen Elite. Wer könnte denn Impulsgeber für einen Wandel sein? Welche Kräfte könnten Brasilien zu einem progressiveren Land machen?

    Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Scherz beiseite: Ich denke, Brasiliens Wandel muss in kleinen Strukturen beginnen. Wir sollten zurückkehren zu Volksvertretungen, Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen, die ihre Rolle in der Gesellschaft begreifen und wieder stärker wahrnehmen. Nach der Militärdiktatur hatte sich die Bevölkerung in Brasilien sehr erfolgreich in Gewerkschaften, Vereinigungen und Bürgerinitiativen organisiert. Die öffentliche Beteiligung an der Verfassung von 1988 war phänomenal, weil es vieler dieser kleinen Einheiten gab. Danach sind sie leider schwächer geworden und haben an Transformationskraft verloren.

      Foto von Gastforscher Dr. Vinicius Mariano de Carvalho im Gespräch

      Gastforscher Dr. Vinicius Mariano de Carvalho im Interview. Foto: Dr. Benedikt Kuhnen

      Am King’s College London sind Sie nicht nur am Brazil Institute tätig, sondern auch im Department of War Studies. Im deutschen Universitätskontext ist eine solche Bezeichnung nur schwer vorstellbar. In England scheint man keine Probleme zu haben, den Krieg zum Forschungsgegenstand zu machen.

      Kriege und Konflikte sind in der Menschheitsgeschichte leider eine konstante Realität. Es gab weltweit wohl noch nie eine länger andauernde Phase ohne kriegerische Auseinandersetzungen. Dieses Phänomen kann man natürlich auch aus der Perspektive der Friedensforschung untersuchen. Mir erscheint der Ansatz des Department of War Studies aber ein recht pragmatischer und interessanter zu sein. Er besteht darin, die Existenz von Kriegen oder Konflikten anzuerkennen, sie zu objektivieren und in ihren verschiedenen Dimensionen zu erforschen, also nicht nur aus strategischer und operativer Sicht, sondern zum Beispiel auch ihre künstlerischen Darstellungsformen.

      Hat Ihr erster Aufenthalt als Internationaler Gastwissenschaftler an der Universität Passau Lust gemacht, die Stadt ein weiteres Mal zu besuchen?

      Auf alle Fälle. Ich denke und hoffe, dass meine besondere Beziehung zu Passau und zur Universität bestehen bleibt. Ich habe hier schon viele meiner Ideen und Träume wahrwerden lassen können. Das ist wunderbar. Ich hoffe, dass Malte Steinbrink und ich bei diesem Aufenthalt genug gesät haben, um  weitere gemeinsame Projekte umzusetzen und die Verbindung zwischen der Universität Passau und dem King’s College zu intensivieren. Denn das ist ja schließlich die Aufgabe von uns Wissenschaftlern: Brücken bauen und Dialoge ermöglichen.

       

      Das Interview führte Dr. Benedikt Kuhnen