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"Digitalisierung so gestalten, dass alle profitieren"

Eine interdisziplinäre Gruppe um den Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Jan Krämer und den Innovationsforscher Prof. Dr. Andreas König will ein Graduiertenkolleg zum Thema „Cyber Economy and Management“ an die Universität Passau holen. 

Prof. Dr. Jan Krämer (links) und Prof. Dr. Andreas König im Gespräch.

Prof. Dr. Jan Krämer (links) und Prof. Dr. Andreas König im Gespräch.

Sie schreiben gerade an einem Antrag für ein Graduiertenkolleg mit dem Titel „Cyber Economy and Management“. Worum geht es?

Andreas König: Um ein sehr spannendes Spektrum. Dieses reicht von datengetriebenen Geschäftsmodellen der digitalen Plattform-Ökonomie über transformatorische Prozesse, die beinahe jede etablierte Organisation im Kontext der Digitalisierung durchlaufen muss, bis hin zur Frage, welche Auswirkungen Digitalisierung auf die sozioökonomische Wohlfahrt hat. Und zwar nicht nur bei uns, sondern auch in Entwicklungsländern. Beteiligt an dem Vorhaben sind neun Kolleginnen und Kollegen aus den Wirtschaftswissenschaften, der Kulturwissenschaft und der Informatik, die auch bereits an dem – trotz der letztlichen Ablehnung doch sehr förderlichen – Antrag für das Exzellenz-Cluster „Cyber<>Spaces mitgewirkt haben. Auf dieser Vorarbeit bauen wir jetzt auf.

Der Focus bei dem geplanten Kolleg liegt auf den Wirtschaftswissenschaften. Warum?

Jan Krämer: Unsere grundlegende Idee ist, dass die tiefgreifenden Veränderungen der Digitalisierung nicht unbedingt nur technischer Natur sind. Denn hervorgerufen werden sie insbesondere durch die Wirkung auf und Beeinflussung durch zentrale ökonomische Agierende in der digitalen Wirtschaft, in Organisationen und im privaten sozio-ökonomischen Umfeld. Daher ist es wichtig, das Thema auch wirtschaftlich zu begreifen, nicht nur technisch. Dazu braucht es Forscherinnen und Forscher, die einen breiten Blickwinkel haben, um Digitalisierung richtig einordnen zu können. Es wird in dem Graduiertenkolleg aber nicht darum gehen, Nachwuchskräfte für die Tech-Konzerne zu liefern, die diese noch reicher machen oder noch mehr Datenzugriff ermöglichen. Wir wollen in Passau eine interdisziplinär denkende digitale Avantgarde hervorbringen, die in der Lage ist, Digitalisierung so zu erklären und wirtschaftlich so zu gestalten, dass alle davon profitieren.

Andreas König: Dahinter steckt auch der Gedanke, dass wir die Umwälzungen der Digitalisierung nicht nur auf uns zukommen lassen dürfen. Wir und die akademischen und gesellschaftlichen Führungskräfte müssen und können hier auch selbst aktiv werden. Dafür brauchen wir allerdings Menschen, die die größeren Zusammenhänge der digitalen Transformation verstehen – und das sind genau die Menschen, die wir auch nach Passau holen wollen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Andreas König: Mit Hilfe eines hoch motivierten, sehr dynamischen Teams. Wir denken nicht hierarchisch und können uns auch noch in den Nachwuchs hineinversetzen. Wir sind eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die akademisch noch jung sind, aber exzellent profiliert. 

Jan Krämer: Wir sind mit Digitalisierung groß geworden und haben früh begriffen, dass man diesen Prozess nicht nur disziplinär begreifen kann. Dieser Mix, der macht erst einmal die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät besonders in ganz Deutschland. Wir sind außerdem sehr gut international vernetzt. Das Graduiertenkolleg wird englischsprachig sein. Wir öffnen uns da weit über die Landesgrenzen hinaus.

Was hat Sie wissenschaftlich geprägt?

Liebe zum Detail

Im Video: Prof. Dr. Jan Krämer und Prof. Dr. Andreas König berichten über ihren eigenen Werdegang in der Wissenschaft und was sie dabei maßgeblich geprägt hat.

 

Ihre Gruppe besteht aus sieben Wissenschaftlern und zwei Wissenschaftlerinnen. Wie wollen Sie Frauen für die Themen begeistern?

Andreas König: Das Problem wird nicht sein, die Promovendinnen zu finden. Da sind wir bereits jetzt sehr gut. Die Schwierigkeit ist häufig der Übergang: Zu wenige Promovendinnen entscheiden sich für eine wissenschaftliche Karriere. Hier planen wir im Graduiertenkolleg spezifische Fördermaßnahmen, damit wir den weiblichen Nachwuchs davon überzeugen können, den akademischen Weg weiterzugehen. Zudem werden auch Habilitandinnen und weibliche Post-Docs mit an Bord sein, die auch als Vorbilder dienen können. 

Jan Krämer: Die akademische Karriere ist zwar das Hauptziel des Graduiertenkollegs, es ist aber nicht der einzige Weg. Wir bereiten die Absolventinnen und Absolventen auch auf Führungspositionen in anderen Bereichen vor.

Was ist Ihnen bei der Betreuung des Nachwuchses wichtig?

Jan Krämer: Ich sehe meine Doktorandinnen und Doktoranden nicht als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mir nur zuarbeiten. Ich sehe sie als Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich wissenschaftliche Projekte vorantreibe. Natürlich habe ich ein bisschen mehr Erfahrung und natürlich gebe ich auch Anweisungen. Aber grundsätzlich geschieht dies eher im Diskurs.

Andreas König: Wichtig ist uns auch, die jungen Leute schnell an dem wissenschaftlichen Prozess zu beteiligen. Dazu braucht es Vorgaben, eine gewisse Anleitung, etwa bei der Themenauswahl oder bei der Formulierung. Die Doktorandinnen und Doktoranden arbeiten auch untereinander viel zusammen. Alle, die an dem Antrag für das Graduiertenkolleg mitwirken, verstehen Wissenschaft vor allem auch als Teamarbeit, sowohl innerhalb der Gruppe, als auch international, etwa in Form der Teilnahme an Konferenzen. 
 

Welche Bedeutung hat Scheitern in der Wissenschaft?

Ohne Scheitern kein wissenschaftlicher Fortschritt 

Im Video: Prof. Dr. Jan Kärmer und Prof. Dr. Andreas König sprecher darüber, warum Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Prozess des Scheiterns Kraft schöpfen können.

Das Team, mit dem Sie am Antrag des Graduiertenkollegs arbeiten, gehört zur Gruppe der Forscherinnen und Forscher, die sich im Rahmen der Exzellenzstrategie beworben haben. Was hat das Kollektiv "Cyber<>Spaces" innerhalb der Universität bewirkt?

Andreas König: Vor "Cyber<>Spaces" gab es viel Umbruch und weniger zentrale Strukturen, um uns über die Fakultäten hinweg zusammen zu bringen. Es gab zahlreiche großartige interdisziplinäre Projekte, darunter etwa das Graduiertenkolleg Privatheit und Digitalisierung, das BMBF-Projekt SKILL, exzellente Projekte in den Digital Humanities und andere Forschungsvorhaben. Wir haben aber nach einem Projekt gesucht, das alle Fakultäten vereint, um Gemeinsamkeiten in der Spitzenforschung zu entwickeln. 

Jan Krämer: Wir haben viele Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt. Daraus sind sehr reichhaltige persönliche Verbindungen entstanden, es sind Brücken geschaffen worden, die vorher nicht da waren. Auch auf dieser Basis sind viele neue Projekte auf den Weg gebracht worden, darunter das Entrepreneurship-Programm oder Nachwuchsgruppen, die sich interdisziplinär positioniert haben. Das Graduiertenkolleg, das wir jetzt anstoßen wollen, gehört auch dazu. Die Strukturen sind professionalisiert worden. Solch ein Großforschungsprojekt bedingt eine strategische Vision, bedingt eine Profilbildung der Universität. Einiges davon, davon sind wir überzeugt, hat "Cyber<>Spaces" angestoßen. 
 

Bild eines Graphs

Die eHumanities vernetzen die Geistes- und Sozialwissenschaften mit der Informatik. Der Schwerpunkt hat sich an der Universität Passau in den vergangenen Jahren etabliert: Projekte und beteiligte Köpfe im Überblick.